Historiker sollten nicht Propheten spielen

Die Augsburger Allgemeine Zeitung (AZ) hat in zwei Beiträgen der Ausgabe vom 11.3.2013 den „Niedergang“ und „unaufhaltsamen Bedeutungsverlust“ der katholischen Kirche vorausgesagt. Die Überschriften der beiden Artikel lauten: „Die Kirche wirkt verstaubt“ und „Historiker sieht Niedergang der Kirche voraus“. Damit hat die AZ zum Zeitpunkt des Konklaves für die Wahl des neuen Papstes wieder einmal ihr Pflichtsoll an Kirchenkritik erfüllt. Den Stoff dafür liefert ein Interview mit Martin Kaufholt. Kaufholt ist Inhaber des Lehrstuhls für mittelalterliche Geschichte an der Universität Augsburg.
Auf den Hinweis des Interviewers der AZ, Daniel Wirsching, zur Spaltung des Christentums im 16. Jahrhundert erwidert Kaufholt: „Ja, die Reformation ist aber kein Unglück. Ich denke, dass wir heute keine Kirchenspaltung mehr erleben werden, weil die Amtskirche dazu nicht mehr lebendig genug ist und religiöse Fragen die Menschen nicht mehr in dem Maße mobilisieren. Die katholische Amtskirche befindet sich jetzt in einem Prozess des Niedergangs, wenn man die vergangenen 1000 Jahre vergleichend betrachtet“. Etwas später behauptet der Historiker Kaufholt: „… Es gibt nichts, das den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche aufhalten wird.“
Nun kann man angesichts des Wachstums der katholischen Kirche allein während des Pontifikates von Papst Benedikt XVI. um rund 100 Millionen, der Teilnahme von 2 Mio. Jugendlichen auf dem letzten Weltjugendtag in Madrid, des großen Andrangs bei den Mittwochskatechesen auf dem Petersplatz, dem Interesse von über 5000 Medienberichterstattern aus aller Welt beim Konklave, etc. kaum von einem unaufhaltsamen Bedeutungsverlust der katholischen Kirche sprechen. Das Gegenteil ist der Fall.
Der Historiker Kaufholt hätte wissen müssen, dass sich durch die ganze Kirchengeschichte ein Ringen mit Auf und Ab durchzieht, und zwar von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert. Zerreißproben gab es bereits in der Jerusalemer Urkirche und in der von Paulus gegründeten Gemeinde von Korinth. Im 4. Jahrhundert, in der Zeit der Irrlehre von Arius, fielen fast alle Bischöfe vom rechten Glauben ab. Im 8. Jahrhundert hat Bonifatius in Deutschland eine weithin darniederliegende und verschlammte Kirche wieder zum Neuaufblühen gebracht.
Auf die Frage „Ist die katholische Kirche überhaupt zu Reformen fähig“, meint Prof. Kaufholt zwar, trotz seiner These: „Es gibt nichts, was den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche aufhalten wird“: „Historisch gesehen: ja. Um das Jahr 1200 etwa hatte die Kirche in vielerlei Hinsicht ähnliche Schwierigkeiten … Dann hat sie allerdings jenen Kräften Raum gegeben, die die damals neuen Lebenserfahrungen, den Aufbruch in die städtische Welt, geprägt haben. Das waren die Franziskaner und die Dominikaner und ihr gelebter Glaube.“
Es waren aber nicht nur die Franziskaner und Dominikaner, die im Mittelalter Reformen vorangebracht haben. Dem Historiker Kaufholt hätten für das Mittelalter beispielsweise auch die Erneuerungsbewegungen der Zisterzienser und Prämonstratenser, die europaweiten Auswirkungen von Cluny und Bernhard von Clairvaux einfallen können oder am Beginn der Neuzeit das Reformkonzil von Trient. Letzteres insbesondere, wenn man bedenkt, dass „um 1530 nahezu vier Fünftel der Bevölkerung zu Luther und den übrigen Neueren“ abfielen und „im Wesentlichen Italien und Spanien und Bayern und mit Mühe die von Bayern bestimmten Fürstentümer Köln und Münster treu“ blieben (Walter Brandmüller, VISION Nr. 2/2013). Das Konzil von Trient brachte im 16. Jahrhundert den großen Neuaufbruch mit dem missionarischen Ausgreifen der Kirche in die Länder der neu entdeckten Kontinente. Als die Kraft der Kirche im 18. Jahrhundert wieder erschlaffte und ein Teil der Bischöfe mehr Reichsfürsten als Seelsorger waren, kam die französische Revolution und in ihrem Gefolge die Säkularisation mit der Enteignung der Klöster. Damals lag die Kirche so darnieder, dass die FAZ schrieb: „Die katholische Kirche ist nur mehr ein stinkender Kadaver, der nur noch nicht verwesen kann.“ Dennoch kam es im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einem Neuaufbruch, in dessen Verlauf 43 Priesterkongregationen und priesterliche Gemeinschaften sowie 270 Laienvereinigungen gegründet wurden. Heute erlebt besonders Westeuropa durch den Materialismus und die „Diktatur des Relativismus“ schwierige Zeiten. Die Kräfte für die Erneuerung im Glauben sind noch schwach. Die Medien mobilisieren alle Möglichkeiten, um einen angeblich unaufhaltsamen Niedergang der Kirche herbeizureden. Die Katholiken müssen sich das nicht einreden lassen. Ob aber der Herr bei seiner Wiederkunft noch Glauben findet und ob es „der Rest“ oder die „Menschheit“ ist, das weiß nur er allein.

Hubert Gindert

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3 Antworten auf Historiker sollten nicht Propheten spielen

  1. Historiker sagt:

    Naja, also so ein kleines bisschen sollten Historiker ja auch in die Zukunft schauen können, aber in diesem Fall muss man wohl eindeutig sagen, dass sie lieber die Vergangenheit betrachten sollten…

  2. Mathias Wagener sagt:

    Von einem Niedergang kann bei über einer Milliarde Katholiken auf dem Erdenrund nicht die Rede sein. Sicher könnte insbesondere hierzulande die Kirche besser aufgestellt sein, wenn nicht die Befürworter des Relativismus sich so stark in den Vordergrund drängten und dabei mediale Schützenhilfe erhielten.

  3. Eduard Werner sagt:

    Der Kirche wird schon seit 2000 Jahren der Untergang vorausgesagt. Trotzdem ist die Kirche die einzige Institution, die in 2000 Jahren nicht untergegangen ist. Warum wohl? Weil Gott ihr Bestehen versprochen hat und es zu allen Zeiten Märtyrer gegeben hat, die für Christus ihr BLutzeugnis abgelegt haben. Das war so im Römischen Reich vor Kaiser Konstantin und das war so in den Missionen in Afrika und Asien im 19.und 20.Jahrhundert. Allein in den zwölf Jahren unter Hitler wurden europaweit viertausend Priester ermordet. Heute sind es vorwiegend Christen, die weltweit wegen ihres Glaubens ermordet werden. Wer zum Opfer des Lebens bereit ist, muss doch etwas in sich spüren, wofür sich zu sterben lohnt. Der Augsburger Historiker muss sein Wissen über die Kirche noch sehr erweitern – bis jetzt ist es mangelhaft. Fünf, setzen!

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