Theodor Kniebeler – Die Frontbewährung als Strohhalm

Unter den über 70 000 Einzelfallakten der Gestapoleitstelle Düsseldorf, die heute im Düsseldorfer Landesarchiv aufbewahrt werden, befindet sich auch die Akte des jungen Priesters Theodor Kniebeler (1909 – 1944). Er war bei Kriegsbeginn Kaplan an der Kirche St. Godehard in Vost in der Diözese Aachen. Schon im April 1940 protestierte er gegen Jugend-Filme der nationalsozialistischen Gaufilmstelle. Darauf folgte eine Vernehmung beim NS-Ortsgruppenleiter. Dabei sah sich Kaplan Kniebeker vor die Wahl gestellt, sich entweder am nächsten Sonntag in der Messe zu entschuldigen, oder eine Verfolgung durch die Gestapo zu erleiden. Notgedrungen akzeptierte Kniebeler die öffentliche Entschuldigung. Bald darauf wurde auch Kaplan Kniebeler wie viele andere zur Wehrmacht eingezogen. Im April 1942 bekam er von der Ostfront Urlaub. Eine Woche vorher hatten sich die Bischöfe in einem gemeinsamen Hirtenbrief darüber beklagt, dass Klöster überfallartig beschlagnahmt werden. Am 19. April predigte Kniebeler laut Gerichtsakten in der Frühmesse u.a.: „ Warum kämpfen wir eigentlich an der Ostfront in der beißenden Kälte? Der letzte Hirtenbrief der Bischöfe hat mich zu ernsten Gedanken geführt. Jetzt weiß ich, warum man uns nicht in Urlaub schickt. Die Front soll nicht erfahren, was in der Heimat alles passiert. Kämpfen wir im Osten etwa dafür, dass man in der Heimat ungestört Kirchen und Klöster rauben kann? Es gehört wirklich kein großer Mut dazu, wenn die SS hingeht und die Klosterinsassen mit Bajonetten aus den Klöstern vertreibt. Diese Leute können mal an die Front kommen, da könnten sie ihren Mut beweisen. Wenn die Front alles erführe, würde es einen zweiten Winter im Osten nicht mehr geben. Wir würden die Waffen strecken. Kämpfen wir etwa dafür, dass man in der Heimat die Kirche ungestört verfolgen kann? Aus Gründen der Papierersparnis hat man unsere Kirchenzeitungen verboten, andererseits werden aber Millionen von Hetzexemplaren gegen die Kirche gedruckt …“. Natürlich veranlasste diese Predigt eine große Unruhe in der Bevölkerung und der Priester wurde verhaftet. Vor dem Kriegsgericht wurde wegen Zersetzung der Wehrkraft zweimal die Todesstrafe beantragt. Das war eine Schlinge, aus der man seinen Kopf normalerweise nicht mehr heil herausbrachte. Aber ein ebenso umsichtiger wie auch mutiger Richter wagte es, den Priester nur zu einer neunmonatigen Gefängnisstrafe mit anschließender Frontbewährung zu verurteilen. In der Verurteilung „zur Bewährung an der Front“ sahen manche Richter die einzige Chance, die Todesstrafe zu vermeiden. Es war der sprichwörtliche Strohhalm, der öfter Verurteilte tatsächlich gerettet hat. Kniebeler hatte dieses Glück nicht. Nach neun Monaten verschärften Arrests im Gefängnis Berlin-Moabit musste er wieder an die Ostfront. Soldaten mit dem Vermerk „Bewährung“ wurden oft bei besonders gefährlichen Kampfhandlungen eingesetzt. Dabei wurde Kniebeler verwundet. Er starb am 2. April 1944 in einem Militär-Lazarett in Ostpreußen. Wer heute den Menschen damals mangelnden Widerstand vorwirft, will nicht wissen, dass der kleinste Widerstand den Mut zum heldenhaften Tod erforderte. Wer hätte diesen Mut heute?

Eduard Werner

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Eine Antwort auf Theodor Kniebeler – Die Frontbewährung als Strohhalm

  1. Mathias Wagener sagt:

    Die letzten Sätze muss man besonders unterstreichen. Heute meinen viele ganz im Trend der vorherrschenden veröffentlichten Meinungsmache, dass die Ermordung der Nazigrößen quasi ein Spaziergang gewesen sei. Die hohen Risiken und die Folgen auch für Andere (Sippenhaftung) kennt man entweder gar nicht oder werden bewußt vernachlässigt. Viele, die allzu weit ihren Mund aufreißen, wissen gar nicht, dass sie mitunter das gefährliche System der Vergangenheit sogar noch verniedlichen.

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