Pater Pio – Die Märtyrer von Otranto – Das Antlitz Christi. Rückblick auf eine Wallfahrt

Am Ostermontag (17. April) brach eine Pilgergruppe (34 Personen) bei nasskaltem Wetter zu einer Pilgerreise nach Italien auf. Am „Ettaler Mandl“ (869 m) lag dünner Neuschnee. Jenseits des Brenners lockerte die Bewölkung auf und es wurde etwas wärmer.
Erste Station war die Stadt Mantua. Es ist eine alte etruskische Gründung, die sich rühmen kann, den römischen Dichter Vergil zu ihren Söhnen zu zählen. Den Katholiken ist die Stadt vor allem durch den heiligen Aloisius Gonzaga (1569 bis 1591) bekannt. Er entstammte dem Geschlecht der Gonzaga, das von 1328 bis 1627 als Markgrafen und Herzöge eine bedeutende Rolle, sowohl politisch wie als Förderer der Kunst, spielte. Die Attraktion, die noch heute auf die Besucher ausgeht, ist auf die Kunst und die Musikveranstaltungen zurückzuführen. Der Rundgang durch die Stadt begann am Schloss, dem Castell S. Georgio, und führte auf die langgestreckte Piazza Sardello. Um sie gruppieren sich die wichtigsten Gebäude der heute 40.000 Einwohner zählenden Stadt: der Palazzo Ducale (Herzogspalast) mit dem Dom, in dem der hl. Bischof Anselm verehrt wird. In dieser Kathedrale feierten wir mit Prof. Dr. Ziegenaus, dem geistlichen Leiter der Wallfahrt, die hl. Messe. Es gibt neben der Kathedrale noch eine zweite Bischofskirche, nämlich San Andrea. An beiden Kirchen zeigt sich, ebenso wie an den weltlichen Bauten, dass die große Zeit Mantuas die Epoche der Renaissance (16. Jahrhundert) war, selbst wenn die Außenfassade, wie bei San Andrea, aus der Barockzeit stammt. Die älteste Kirche Mantuas ist die kleine romanische Rundkirche Santa Lorenza aus dem Jahr 1082. Sie war lange Zeit überbaut und verdeckt.
Am Osterdienstag brachen wir zeitig auf, um das weit entfernte Tagesziel San Giovanni Rotondo zu erreichen. Es ist in aller Welt als Wirkungsort des hl. Pater Pio bekannt. An diesem Tag standen keine Besichtigungen auf dem Programm. Der Weg führte in südlicher Richtung durch die Emilia Romania und durch die Marken am Fuß des Apennins entlang. Auf unserer Ostseite kam immer wieder das Meer zum Vorschein. Auf der Höhe von Pescara bog der Weg in das Garganogebirge ab. Wir näherten uns dem zweiten Tagesziel, San Giovanni Rotondo. Inmitten einer kargen Felslandschaft lag die Stadt vor uns. Hier zeigt sich, was aus einem armen, unscheinbaren Dorf mit einem kleinen Kloster durch das Wirken eines Mannes geworden ist: Eine große wachsende Stadt, überragt von der mächtigen Kirche San Pio da Pietrelcina. Aus dem Stadtbild ragen ein gewaltiges Krankenhaus, ein Altenheim und weitere soziale Hilfseinrichtungen heraus. Ein modernes Beispiel für die Kirche als Schöpferin von Kultur, sozialen Einrichtungen und Caritas. Pater Pio, auf dessen Initiative diese Einrichtungen zurückgehen, wird von Martin Müller so charakterisiert: „Mit Pater Pio lebte ein Mönch in dieser Welt, der in allem konsequent war. Sein Versprechen der Nachfolge Christi erfüllte er ganz und glaubwürdig. Ruhm und Ansehen waren ihm zuwider… Pater Pio strebte in erkennbarer Heiligkeit nach dem Himmlischen … Pater Pio war ein Apostel. Einer der lehrte, ermahnte, heilte … Sein Ruf als Wundertäter war weltbekannt und beruhte auf dem Zeugnis vieler. Pater Pio war ein zweiter Christus. Er trug die Wundmale des Herrn und wurde zum Zeichen, dem widersprochen wird … Am 2. Mai 1999 erhob ihn Papst Johannes Paul II. in der Seligsprechung des Jahrhunderts zur Ehre der Altäre … Mit Pater Pio hat die Kirche einen Zeugen, der in einer Zeit lust- und gewinnorientierten Denkens ganz in die Dimension des Übernatürlichen weist. Einen, den in der Moderne des 20. Jahrhunderts Himmel, Engel und Wunder wie selbstverständliche Realitäten begleiten“. Pater Pio ruft: „Betet, betet, betet … geht zu eurem Heiland … macht seine unendlich kostbaren Verdienste fruchtbar … zerreißt die Ketten der Sünde, die euch fesseln und knechten. Verwerft alles, was euch von Gott, von der Kirche und von den Sakramenten entfernt.“
Am Ostermittwoch, einem windigen, nasskalten Vormittag feierten wir in der Unterkirche von Santa Maria delle Gracie, in der früher Pater Pio lag, die hl. Messe. Mit der Verlegung von Pater Pio in die neu erbaute Kirche sollte auch der Besucherstrom dorthin umgelenkt werden.
Am gleichen Vormittag gingen die Pilger die 14 Kreuzwegstationen, die sich auf einer steilen Anhöhe erstrecken. Besonders auffallend ist die Figurengruppe der Station „Simon von Cyrene hilft Jesus das schwere Kreuz tragen“. Simon von Cyrene wird von einem Kapuzinerpater, nämlich Pater Pio dargestellt. Prof. Ziegenaus gab der Pilgergruppe die Meditationen an den einzelnen Kreuzwegstationen vor.
Zum Programm der Pilgerfahrt nach Giovanni Rotondo zählt auch ein Gang durch das Kloster, in dem Pater Pio sein Leben verbracht hat. Beeindruckend sind neben den ärmlichen Gebrauchsgegenständen die riesige Zahl von Briefen, die in Schränken aufbewahrt werden und an ihn gerichtet waren. Pater Pio war recht gut über die Menschen in der Welt und ihre Probleme informiert und wurde weltweit zu ihrem Ratgeber. Seine Beichtzeiten, bis zu 16 Stunden pro Tag, standen denen des Pfarrers von Ars nicht nach. Erstaunlich war auch sein Wissen, das er sich in der Zeit, als ihm das öffentliche Wirken untersagt war, angeeignet hat. Die vielen Bücher, die er studiert hat, zeugen davon.
Wer auf Wallfahrt geht, hat keine Garantie auf schönes Wetter, und schon gar keinen Anspruch darauf. Am Donnerstag in der Osterwoche fuhren wir mit dem Bus frühmorgens von San Stefano Rotondo bei 2°C und Regen auf den Monte Sant‘ Angelo (796 m). Im Garganogebirge befindet sich das bedeutendste Michaelsheiligtum Europas. Die Stadt Monte Sant‘ Angelo wurde um das Jahr 1000 gegründet. Dorthin pilgerten schon viele Herrscher, Heilige, Päpste und Millionen Gläubige. Dieses Michaelsheiligtum geht nach einer Lombardischen Handschrift aus dem 18. Jahrhundert auf mehrere Erscheinungen des hl. Michael und sein Eingreifen im Jahr 490 bei der Belagerung der christlichen Stadt Sipontus durch die heidnischen Soldaten Odoakers zurück. Von Gargano aus entstand ein Netz von Michaelsheiligtümern in ganz Europa. Dazu zählen auch Monte Saint Michel in der Normandie und Saint Michael‘s Mount am Westende von Cornwall in England.
Unsere Pilgergruppe feierte in der Grotte von Monte San Angelo zusammen mit anderen Pilgern die hl. Messe. Der Weg zum Busbahnhof ging durch die Altstadt, vorbei am Kastell, einer wuchtigen und weit ausgedehnten Burganlage. In ihr spiegelt sich die Geschichte der verschiedenen Besitzer wider: Der Langobarden, der Sueben, der französischen Anjou und der spanischen Dynastie der Aragon. Sie alle waren einmal Herrscher Süditaliens.
Bei Wind und selbst für den Gargano ungemütlichen Temperaturen fuhren wir am Freitag in der Osterwoche vom Gargano aus in die fruchtbare apulische Ebene in Richtung Bari zum Tagesziel Lecce. Lecce liegt in einer alten Kulturlandschaft. Der Überlieferung nach wurde die Stadt 1211 v. Ch. von den Messapier gegründet. Stadtpatron ist Bischof Oronzo, der im ersten Jahrhundert die Stadt christianisiert hat und der von einer hohen Säule auf der Piazza San Oronzo aus über die Stadt wacht.
Unsere Führerin, die in Regensburg aufgewachsen ist, führte uns kundig durch die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten von Lecce. Eine Besonderheit, die an allen Gebäuden sichtbar ist, ist der weiche, honiggelbe Sandstein, der sich zu leuchtenden Fassaden und Dekorationen verarbeiten lässt. Zu den Besonderheiten von Lecce zählen ferner die Figuren aus Pappmache, die Holz und Stein als Arbeitsmaterial ersetzten und wundervolle Figuren entstehen lassen. Lecce hat die wechselvolle Geschichte Apuliens durchlebt: Die griechische Zeit. Danach kamen die Römer, die Ostgoten, die Byzantiner, die Sarazenen, die Normannen, die Langobarden, die Franzosen und Spanier. Die wirtschaftliche und künstlerische Blütezeit erlebte Lecce zwischen 1550 und 1750. In dieser Zeit bekam die Stadt ihr typisches barockes Gepräge („Florenz des Barock“). Auf unserem Rundgang sahen wir den Dom, Santa Maria del‘ Assunta (1659–1970) mit der prächtigen Außenfassade und dem Glockenturm. Der Platz davor wird durch den Bischofspalast und dem Seminarpalast abgeschlossen. Im Inneren des Doms sind die prächtigen Seitenaltäre und die schöne Kassettendecke zu erwähnen. Zu den baulichen Kostbarkeiten von Lecce zählt auch die Basilika Santa Croce. Die Kirche wurde 1549 von Gabriele Riccardi entworfen und Mitte des 17. Jahrhunderts von Francesco Antonio Cimbalo vollendet. Auch hier sind die vergoldete Kasettendecke, die Altäre und die Außenfassade hervorzuheben.
Am Sonntag in der Osteroktav besuchten wir die Hafenstadt Otranto. Ein uralter Kulturboden. Die Besiedlung reicht bis in die Bronzezeit zurück. 1480 eroberten die Türken Otranto und zwangen die Bewohner sich für den Islam oder den Tod durch Enthauptung zu entscheiden. 800, einschließlich des Bischofs entschieden sich für Christus. In der Unterkirche der Kathedrale, mit einem großen Wandfresko der Mutter Gottes mit dem Jesuskind, haben wir die hl. Messe gefeiert. Prof. Ziegenaus sprach in seiner Betrachtung über die Eigenschaften des christlichen Märtyrers, der sein Leben nicht aus Fanatismus, sondern aus Liebe zu Gott und den Menschen hingibt. Bei der Erinnerung an 1480 und die 800 Märtyrer von Otranto kommen auch solche Fragen auf: Von welcher Seite wurden in der Geschichte Europas die Menschen bedroht. Im Leben der Christen können ganz plötzlich unausweichbare Entscheidungssituationen auftreten. Wie entscheiden sich Selbstmordattentäter, die unschuldige Menschen mit in den Tod reißen von christlichen Märtyrern?
Mit unserer Regensburger Führerin gingen wir durch die Festungsanlagen des Hafens von Otranto, die unter Kaiser Karl V ausgebaut wurden. Von dort aus geht ein weiter Blick über das Meer in östlicher Richtung. Auf der Gegenküste liegt Albanien, das nur knapp 40 Seemeilen entfernt ist. Bei klarem Wetter sind die Konturen der Gegenküste zu erkennen. Das eigentliche Besichtigungsziel war die Kathedrale, die im Inneren einen 800 qm großen Mosaikfußboden hat, auf dem ein Lebensbaum abgebildet ist, der auf der einen Seite gute Ereignisse der Menschheitsgeschichte und auf der anderen Seite negative Vorkommnisse, wie die Sintflut oder den Turmbau von Babel darstellt. In einer Seitenkapelle werden hinter Glasvitrinen Totenschädel und Gebeine von den 800 Märtyrern aufbewahrt.
Am Sonntag in der Osteroktav fuhren wir von Galatina aus in Richtung Bari-Pescaro mit dem Ziel Manopello. In der Kirche von Manopello wird das Volto Santo, ein Tuch mit dem Antlitz Christi, aufbewahrt. Bei dem Seidentuch des Volto Santo handelt es sich um eine Muschelkalkseide, einem kostbaren Gewebe in der Antike, das nur für bestimmte Zwecke verwendet wurde. Die Forscher, die sich mit dem Tuch von Manopello beschäftigt haben, sagen uns, dass dieses Tuch von 700 bis 1520 in Rom aufbewahrt und als das „Schweißtuch der Veronika“ verehrt wurde. Vor der Plünderung Roms (Sacco di Roma) wurde es in Sicherheit gebracht. Dieses Tuch mit dem Volto Santo ist aber nicht das Schweißtuch der Veronika, sondern das Tuch, das dem toten Jesus auf das Antlitz gelegt wurde und von den Gesichtszügen völlig identisch mit dem Leichentuch von Turin (Sabana Santa) ist. Nach Paul Badde besteht völlige Identität hinsichtlich des Gesichtes. Eine Bemalung des Tuches scheidet deswegen aus, weil Muschelkalkseide keine Farbe annimmt. Wir feierten in der Kirche die hl. Messe. Danach wurde uns von einer Franziskanerin das Volto Santo näher erklärt. Faszinierend ist der wechselnde Gesichtsausdruck des Antlitz Christi bei verschiedener Beleuchtung.
Das Programm unserer Wallfahrt ließ auch einen, ursprünglich nicht vorgesehenen Abstecher nach Loretto, eine der größten Wallfahrtskirche der katholischen Welt zu. Auch hier konnten wir in der Wallfahrtskirche, neben der Casa Santa die hl. Messe feiern.
Am letzten Tag unserer Wallfahrt besuchten wir auf unserem Heimweg die Stadt Padua. Ziel war nicht wie üblich der Dom und die Basilika des hl. Antonius, sondern die Klosterkirche, in der der hl. Leopold Mandic als weithin gesuchter Beichtvater gewirkt hat. Dieses Ziel war richtig gewählt, zumal das Bußsakrament in Deutschland zu einem fast vergessenen Sakrament geworden ist. Das hat Konsequenzen. Denn es hat mit fehlendem Sündenbewusstsein zu tun. Wer sich aber keiner Sünde mehr bewusst ist, braucht auch keine Erlösung. Er braucht also kein Bußsakrament und nicht die Kirche, die es anbietet. Zurecht hat ein deutscher Kardinal angemerkt, wenn wir das Bußsakrament nicht zurückgewinnen, werden unsere Bemühungen um Neuevangelisierung nicht weiterkommen. Wir haben in der Klosterkirche die hl. Messe gefeiert. Es war der geistliche Abschluss einer Wallfahrt mit vielen spirituellen Höhepunkten.

Hubert Gindert

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