Die mittelalterlichen Kreuzzüge und ihre Zerrbilder

Eine schillernde Palette von Vorwürfen und Anschuldigungen gegen die Kreuzfahrer und den Papst, gegen die Kirche, die Christen und den Westen ist (aktuellen) mündlichen Äußerungen und schriftlichen Dokumenten zu entnehmen. Hier soll auf einige diese geschichtsklitternden Vorwürfe Antwort gegeben werden.
Inwiefern waren keineswegs alle Kreuzfahrer „blutrünstige Barbaren aus dem Norden“?
Zur Verzerrung der Darstellung der Kreuzzugsbewegung gehört die pauschalisierende Herabsetzung der Motive der Kreuzfahrer. So werden in nicht wenigen Beiträgen zum Thema Kreuzzüge die Kreuzfahrer als beutegierige Horde, barbarische Räuber und blutrünstige Mörder, gleichsam als Monster und Untermenschen unterschiedslos verurteilt und stigmatisiert. Mit der Wirklichkeit dürfte diese diffamierende Generalbeschuldigung jedoch nichts zu tun haben. Wahr ist, dass sich durch bestimmte, aus menschlich-christlicher Perspektive nicht versteh- und entschuldbare Exzesse und entmenschlichte Verirrungen das Bild der Kreuzfahrer verständlicherweise stark verdunkelte. Wahr ist aber auch: „die Kreuzfahrer handelten nach gängigem Kriegsrecht“ (E. Flaig) etwa bei der grausamen Eroberung Jerusalems 1099.
Ebenso wahr ist auch: Mit der Bereitschaft zur „Kreuznahme“ und damit um des Glaubens willen Familie und Heimat für eine ungewisse Zeit zu verlassen und dem Aufruf zu solidarischer Hilfe und Beistand zu folgen, wurde den Kreuzfahrern ein ganz außergewöhnlicher Lebensein¬satz sowie eine hochherzige Motivation abverlangt. Damit waren darüber hinaus verbunden: Erhebliche Risiken und Gefahren für Leib und Leben, Mut und Tatkraft, Opferbereitschaft und Verzicht. Für viele unter ihnen überdies noch der Einsatz von Hab und Gut. All dies spricht eher gegen das Bild von den blutrünstigen Barbaren.
Unter den Kreuzfahrern gab es sicher gewissenlose Abenteurer, auch Räuber und Mörder. Es gab tiefgläubige Idealisten, die ihre Ideale verwirklichten – und andere, die davon abkamen und sie teilweise oder auch ganz verrieten. Es gab unter ihnen aber auch einige Heilige. So z. B. die Seligen: Heinrich v. Bonn (gest. 1147), Otto v. Freising (gest.1158), Konrad v. Würzburg (gest. 1203); der heilige König Ludwig (gest.1270); nach der Kreuzzugsbewegung: der selige Bernhard II. v. Baden (gest. 1458); vgl. auch: der heilige Bernhard von Clairvaux (1090-1153), dessen Predigten in ganz Europa Begeisterung für die Kreuzzüge auslösten.
Inwiefern sind die Kreuzzüge wirklich ein Trauma der Muslime bis auf den heutigen Tag?
Drei sich einander ähnelnde bizarre Thesen sind weit verbreitet, die Mitleid mit den islamischen Aggressoren und Eroberern signalisieren bzw. evozieren wollen und zugleich die Schuld eindeutig den Christen zuweisen. Sie lauten:
a) Eine besonders schlimme Folge der Kreuzzüge und des Unrechtes, das die Christen den Muslimen zu jener Zeit angetan hatten, ist der heutige Zusammenprall zwischen der islamischen und der westlichen Welt.
b) Durch die Kreuzzüge erlitten die Muslime ein Trauma, das bis heute andauert.
c) Das Verhältnis zum Islam ist durch die Kreuzzüge nachhaltig belastet.
Gewiss gibt es bedrückende geschichtliche Ereignisse, die Jahrhunderte zurückliegen und dennoch unheilvoll auch in der Gegenwart noch nachwirken. Sie sind gleichsam ins Langzeitgedächtnis der Völker eingebrannt. Man denke nur an das lediglich zwölf Jahre dauernde „Tausendjährige Reich“, das unser Volk wohl für immer zeichnen wird.
Der Begriff „Kreuzzug“ zählt zum stereotypen Vokabular der antikirchlichen Vorurteilspraxis, die meist auch noch zur pauschalisierenden Verurteilungspraxis mutiert. Nachweislich wurde dieser Begriff von christlichen Arabern jedoch erst im 19. Jahrhundert ins Arabische übersetzt und eingeführt.
Eigenartigerweise zeigten auch die arabischen Geschichtsschreiber kaum Interesse an den Kreuzzügen. Für sie waren diese offensichtlich nur ein kleines Intermezzo in den damaligen kriegerischen Konfrontationen. In weiten Teilen der islamischen Welt wurden die Kreuzzüge nicht einmal realisiert. Jedenfalls waren sie in der islamischen Welt seit dem 14. Jahrhundert fast in Vergessenheit geraten. Wenn überhaupt, so konnten sie erst viele Jahrhunderte nach ihrem Ende, nämlich im 19. Jahrhundert, ins kollektive Bewusstsein der Muslime eingedrungen sein. „Das angebliche muslimische Trauma der Kreuzzüge ist ein spätes, politisch motiviertes muslimisches Konstrukt der Moderne“ (M. Rhonheimer).
R. Spencer beschreibt das Aufkommen der Ressentiments der Muslime gegen die Kreuzzüge wie folgt: „Mit dem Verfall der militärischen Macht und der Einheit der islamischen Welt und dem damit zusammenfallenden Aufstieg des Westens wurden sie jedoch zum Brennpunkt muslimischer Ressentiments gegenüber dem, was sie als Übergriff und Ausbeutung empfanden“.
Die erste muslimische Geschichte der Kreuzzüge erschien im Jahre 1899. Die Kreuzzüge sind von den Muslimen also keineswegs „als epochales, existenzbedrohendes Ereignis angesehen worden …“ Die muslimischen Araber verstanden sie „vor allem als Angriffe gegen die verhassten Türken“. Von ihnen wurde die Kreuzfahrerherrschaft sogar positiv aufgenommen.
Drei Aspekte sprechen somit gegen die angebliche „kollektive Traumatisierung“ der Muslime durch die Kreuzzüge bis auf den heutigen Tag:
(a) Das historische Desinteresse der Muslime bzw. der islamischen Geschichtsschreibung an den Kreuzzügen.
(b) Die erst im 19. Jahrhundert erfolgte Übersetzung des Begriffes „Kreuzzug“ ins Arabische.
(c) Das Erscheinen der ersten muslimischen Schrift über die Kreuzzüge erst Ende des 19. Jahrhunderts.
Würde es der Wahrheit entsprechen, dass das angeblich durch die Kreuzzüge entstandene und durch die Jahrhunderte andauernde „Trauma der Muslime“ tatsächlich vorhanden war und heute noch ist, dann müssten allerdings die Muslime selbst mit ihren Schuldzuweisungen die eindeutige „Verletzungsursache“ zunächst einmal bei ihren eigenen Vorfahren im Glauben suchen. Denn nicht die Christen, sondern die Muslime selbst waren mit ihren jahrhundertelangen Eroberungszügen längst vor Beginn der Kreuzzugsbewegung die Erst- und Selbstverursacher dieser beklagten angeblichen „kollektiven Traumatisierung.“
In Wahrheit hat das Plündern und Rauben, das Drangsalieren und Diskriminieren, das Zerstören, Vergewaltigen, Versklaven und Töten in fremden Ländern, Völkern und Kulturen durch muslimische Aggressoren viele Millionen nichtmuslimischer Menschen traumatisiert, darunter auch zusammen mit den Christen Hindus und Buddhisten, unschuldige Muslime mit eingeschlossen. Wenn somit irgendjemand auch heute noch traumatisiert sein müsste, so wäre dies vor allem auch die Christenheit. Und wenn jemand erstverantwortlich ist für die angeblich bis auf den heutigen Tag nachhaltig wirkenden Belastungen zwischen Muslimen und Christen bzw. zwischen Muslimen und der westlichen Welt, dann sind es fraglos die Muslime.
Warum begann der europäische Kolonialismus keineswegs mit den Kreuzzügen?
Nicht nur von muslimischer Seite wird der Vorwurf erhoben, die Kreuzzüge seien der Beginn des europäischen Imperialismus und Kolonialismus. Dieser Vorwurf ist aus zwei Gründen unzutreffend:
a) Die Kreuzfahrerstaaten waren politisch völlig unabhängig von irgendeinem Land in Europa. Ihrerseits waren sie jedoch auf „enorme Zuschüsse aus Europa angewiesen“. Diese bestanden insbesondere aus Steuern, die in Europa für den Erhalt der Kreuzfahrerstaaten eingezogen wurden. Entsprechende Geldbeträge und materielle Hilfe flossen also „von Westen nach Osten … und nicht umgekehrt“.
b) Kolonialismus hat das vorrangige Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung, auch der Ausbeutung vorhandener Ressourcen. Die „Kreuzzügler“ dagegen mussten europäische Steuergelder gleichsam ins Land pumpen. Demgegenüber hat der Islam bereits Jahrhunderte vor Beginn der Kreuzzugsbewegung mit Gewalt ganze Regionen kolonisiert. Als Imperialisten und Kolonialisten sind somit gewiss viel eher die Muslime selbst mit ihren Expansionskriegen und enormen Landokkupationen seit dem 7. Jahrhundert zu bezeichnen.

Dr. Udo Hildenbrand

Bild: Günter Sternberger: 2000 Jahre Christentum. Illustrierte Kirchengeschichte in Farbe.
Lizensausgabe  Manfred Pawlak, Herrsching 1993

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*