Und wenn es dich nicht gäbe?

Nein, du bist nicht gefragt worden, ob du überhaupt existieren und in dieser Welt leben wolltest. Wie solltest du auch gefragt werden, wenn es dich vorher noch gar nicht gab. Soweit du zurückdenken kannst, befandest du dich bereits auf dieser Erde. Du konntest das auch nicht rückgängig machen, dem Leben also nicht mehr entfliehen. Deine Erbanlagen konntest du dir ebenso wenig aussuchen wie die Umweltverhältnisse, in die du hineingeboren wurdest: deine Eltern, Geschwister, Verwandte, die Landschaft und das Klima deiner Heimat, Reichtum, Armut, Hunger, Gesundheit, Krankheit, die politischen Verhältnisse … Alles dies wurde dir vorgegeben und erwartete dich. Da blieb dir nichts anderes übrig, als es anzunehmen und dich darin zurechtzufinden.
Töpfer und Ton
Als junger Mensch habe ich mir schwer getan mit jener Bibelstelle in Römer 9, 20-21, wo es heißt: „Wer bist du denn, dass du als Mensch mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: ‚Warum hast du mich so gemacht?‘ Ist nicht vielmehr der Töpfer Herr über den Ton …?“ Ich habe viel darüber nachgedacht, auch bin ich immer wieder Menschen begegnet, die Gott den Vorwurf machten: „Warum hast Du mich überhaupt erschaffen? Warum musste ich auf diese Welt kommen? Hast du mich gefragt, ob ich das überhaupt will? Und wenn schon, warum hast Du mich dann nicht besser ausgestattet – schöner, intelligenter, gesünder, weniger anfällig für Krankheiten und Versuchungen …?“
Wunderbar und
faszinierend
Heute weiß ich: Nicht selten entspringt die Anschuldigung in der Frage „Warum hast du mich so gemacht wie ich bin?“ einer in Not geborenen Verbitterung. Manchmal dient sie aber auch als vorgeschobene Rechtfertigung für sündiges Gewohnheitsverhalten. Man kann Verständnis haben für solches Denken, aber letztlich macht es sich der Mensch doch zu einfach, indem er Gott als „Schuldigen“ bezeichnet. Haben wir schon einmal überlegt, was denn wäre, wenn du oder ich überhaupt nicht existierten? Wie wäre es, wenn Gott uns gar nicht gewollt hätte, wenn Er es gar nicht für wert gefunden hätte, dich oder mich zu erschaffen …? Dass wir existieren und zur ewigen Freude bei Gott berufen sind, ist doch durchaus nicht selbstverständlich. …
Eines Tages kam ich mit einer Studentin ins Gespräch: „Für mich ist das alles einfach wunderbar, faszinierend“, sagte sie, „stellen Sie sich doch vor: Meine Eltern wollten ein Kind. Gott freute sich darüber und durchforschte alle Lebensumstände, denen ich in meinem Erden-Dasein begegnen würde. Hierfür bereitete Er mich mit geheimnisvoller Weisheit zu, ja haargenau mich – meine Seele und meinen Körper. Dann schenkte Er mich meinen Eltern.“ Diese einfachen Worte haben mich damals tief beeindruckt.
Eine unfassbar
hohe Auszeichnung
Nichts zeigt dir so deutlich Gottes Liebe und Wertschätzung wie die Tatsache, dass Er gerade dich wollte. Mit dir war es nicht anders: Gott wollte dich! Er hätte dich auch weglassen und dafür jemanden anderen erschaffen können … Aber nein, Gott wollte dich zum Du. Ist das nicht eine geradezu unfassbar hohe Auszeichnung? Was spielt es da für eine Rolle, welche Unzulänglichkeiten dein irdischer Körper momentan aufweist – nur ein winziges Leben lang! Gott weiß, wie du beschaffen bist. Er kennt deine Nöte. Und gerade in deinen Nöten und Leiden liebt Er dich am meisten, denn Er will dich darin zur tieferen Reife führen. Nichts, was Er dir auf deiner Reise durch dieses Leben „vorenthielt“, ist ohne tieferen liebevollen Sinn. Er weiß, wie du dich immer wieder durch dein Leben hindurchkämpfen musst. Wieso solltest du Ihm also nicht vertrauen? Sollten wir Ihm nicht vielmehr von Grund auf und für immer dankbar sein?
Wenn diese Erkenntnis tief in dein Herz eingedrungen ist und dich mit Freude erfüllt, schenk Ihm aus innerer Dankbarkeit dich selbst, so wie Er dich wollte. Stelle dich in Seinen Dienst und versuche, aus Liebe dein Bestes zu tun, trotz aller Schwächen und Fehler, die du hast! Du kannst sicher sein, dass dein guter Wille entscheidend ist. Gott verlangt nichts, was über deine Kräfte geht. Aber du solltest den dir höchstmöglichen Einsatz schenken, nämlich dein Leben hier auf der Erde. Das ist kein Schmalspur-Programm. Oder könnte man die Liebe seines Schöpfers mit ein wenig oberflächlichem Nachdenken, Gewohnheitspflichten oder rein äußerlichen Aktivitäten abspeisen, sonst aber ein bequemes, selbstgefälliges, vielleicht sogar lasterhaftes Leben führen?
Der Platz,
den Gott dir gab …
In einem alten Gebetbuch meiner Großmutter fand ich ein Lied, das so beginnt: „Bleib auf dem Platz, den Gott dir gab und halte da in Treue aus! Nimm täglich ihn aus Gottes Hand, den Platz, den Seine Liebe gab.“ Gott wies dir immer wieder den Platz zu, den Er dir mit deiner Liebe anvertrauen will. Du kannst dich darauf verlassen, dass Er dein ganzes Leben mit Seiner Fürsorge und Liebe beschenkt. Solltest du also einmal an dir und dem Sinn deines Leben zweifeln, so lasse dich vertrauensvoll in die Hände Gottes fallen. Er wird dich aufrichten, stärken und dir helfen alles durchzustehen, bis du dein Leben auf Erden zu Ende gelebt hast und Gott dich ganz zu Sich nehmen will. Fürchte dich also nicht, denn: „Ist Gott mit dir, wer kann da gegen dich sein?“

Reinhold Ortner

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