Reisebericht aus dem Tur Abdin

Die Hauptaufgabe des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus scheint die Verschleierung des monströsen Völkermords an den osmanischen Christen vor einhundert Jahren zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Millionen gutgläubiger Menschen aus dem Westen, besonders aus Deutschland, einem Gehirnwaschprogramm unterzogen, welches auf den Samtpfoten extrem günstiger Pauschalreisen ins „Land der Sonne“ daherkommt.
Doch nicht nur das grausame Abschlachten friedlicher Völkerschaften soll vergessen gemacht werden, auch der heldenhafte Widerstand christlicher Dörfer gegen die muslimische Übermacht soll aus dem Buch der Geschichte ausradiert werden.
So ist das Ziel unserer kleinen Reisegruppe nicht der Schnäppchen-Urlaub in Fethiye, sondern das Tur Abdin, das Kerngebiet der Aramäer nahe der syrischen Grenze. Die Klöster des Tur Abdin gehören zu den ältesten der Welt, und die hochstehende Kultur der christlichen Bevölkerung gab es schon ein halbes Jahrtausend vor Mohammed. Doch wie die Armenier und Griechen des osmanischen Reiches, so fielen auch die meisten Aramäer dem Massenmord zum Opfer, der von der türkischen Regierung vor hundert Jahren befohlen wurde.
Enteignung und Entrechtung der letzten Aramäer werden jedoch bis in unsere Tage fortgeführt. So wurden kürzlich Ländereien des im vierten Jahrhundert nach Christus erbauten weltbekannten Klosters Mor Gabriel enteignet. Zudem ist der Unterricht der aramäischen Sprache, immerhin der Sprache Jesu, verboten. Auf Bücher mit aramäischen Schriftzeichen macht türkisches Militär und Polizei regelmäßig Jagd. Schikanöse Durchsuchungen der Klöster und Kontrollen ihrer Bewohner sind an der Tagesordnung.
Unsere Reiseführerin Hatune kennt die Gegend und ihre Geschichte gut. Immerhin stammt sie selbst aus einem der Dörfer. 1993, sie war gerade 9 Jahre alt, musste ihre Familie fliehen, um den Mordanschlägen der herrschenden kurdischen Aga-Sippe zu entgehen.
Als wir in Hatunes Heimatdorf Zaz ankommen, begreifen wir langsam die ganze Dimension des Geschehens. Das ehemals blühende christliche Dorf mit etwa 2000 Bewohnern ist weitgehend eine Trümmerlandschaft. Von den kurdischen Eroberern sind gerade noch zwei oder drei Familien ansässig, die anderen sind auf der Suche nach fetterer Beute weiter gezogen – nach Deutschland. Die einzig hier noch lebenden Christen sind ein Mönch der syrischen Kirche und eine ältere Frau. Abgesehen vom gelegentlichen Kontakt mit der sie schikanierenden Polizei leben die beiden isoliert in der Kirche oben auf dem Hügel.
Hatune führt uns zu ihrem Elternhaus oder vielmehr zu dem, was von ihm übriggeblieben ist, nachdem Muslime eine Bombe hineingeworfen haben. Sie zeigt uns die verdörrten Felder, wo sie ihren Eltern bei der Ernte half und die Stelle, an der ihr Vater von Kurden mit der Erschießung bedroht wurde. Er hatte versucht den Weinberg gegen die Räuber zu verteidigen.
Uns fehlen die Worte.
Hatune aber klettert auf den Trümmerhaufen, unter dem ihre Kindheit begraben liegt, setzt sich auf die Steine und weint.
Es ist unerträglich heiß. Schatten spendende Bäume sind nicht zu sehen.
Die neuen Herren haben Kahlschlag gemacht, selbst den großen Jahrhunderte alten Baum am Dorfteich haben sie gefällt. Eine alte Kurdin bleibt in unserer Nähe stehen, zeigt auf den ausgetrockneten Teich und sagt so etwas wie: „Mit der Flucht der letzten Christen ist auch der Segen verschwunden, der einmal auf diesem Dorf lag.“
Im Gebiet des Tur Abdin gibt es viele Dörfer, deren Schicksal dem von Zaz ähneln. Als die türkische Regierung 1915 den heimtückischen Plan zur Ausrottung der osmanischen Christen in die Tat umsetzte, wurden die meisten Dörfer von der Wucht der Mordlust einfach überwältigt. Einige, die sich wie Zaz mutig wehrten, legten aufgrund der Übermacht und heimtückischer Versprechungen seitens der Muslime die Waffen nieder. Männer und Alte wurden daraufhin abgeschlachtet, hübsche Frauen und Kinder nach den Regeln des Dschihad zwangsislamisiert.
Als Hatune uns vorschlägt an diesem Nachmittag ein weiteres Dorf zu besuchen, fällt unsere Zustimmung verständlicher Weise recht verhalten aus. Wer will die Vernichtung einer friedlichen Kultur schon aus nächster Nähe und gleich mehrfach präsentiert bekommen?
Ich war schon in vielen Ländern, die vom Islam dominiert werden und kann der Einschätzung eines Islamkenners nur zustimmen, der auf die Frage nach dem Wesen des Islam schlicht sagte: „Der Islam ist ein Beutesystem.“
Tatsächlich, die Lektüre des Koran bestätigt diese Ansicht: eine Sure, die mit DIE LIEBE überschrieben wäre oder Anweisungen gibt, wie man in Gerechtigkeit und Frieden ein Land aufbaut und zum Blühen bringt, sucht man vergebens. Dagegen stößt man auf Suren wie DIE BEUTE oder DER KRIEG und massenhaft auf Anweisungen, wonach man „Ungläubige“ zu bekämpfen und zu vernichten hat.
Sollte ein seltsames Phänomen, welches mir immer wieder aufgefallen war, hierzu passen? Ob in Ägypten, dem Senegal oder in der Türkei-Muslime scheinen auf Kriegsfuß mit Bäumen und Wald zu stehen. Auch hier im Tur Abdin, wo sie die Herrschaft übernommen haben, sind fast alle Bäume gefällt worden, sodass die Erde der Sonne schutzlos ausgeliefert ist.
So durchqueren wir also eine ermüdende wüstenähnliche Landschaft. Doch je näher wir unserem neuen Reiseziel, dem Dorf Hah kommen, desto grüner wird es – erstaunlicherweise. Der Weg schlängelt sich durch neu angepflanzte Plantagen von Mandel-, Granatapfel- und Feigenbäumen, dann sogar durch ein Wäldchen. Leute arbeiten auf den Feldern oder bringen Wagen voller Weintrauben und Wassermelonen heim. Als wir später von den Zinnen der Festung, die am Rande des christlichen Dorfes liegt, das ganze Gebiet überblicken können, liegt uns eine bewaldete Ortschaft zu Füßen – eine Oase inmitten der Zerstörung. Wir sind sprachlos. Denn warum wurde nicht auch Hah zerstört? Warum wurden die Menschen dieses Dorfes nicht auch ermordet oder versklavt? Was war geschehen?
Im Frühjahr 1915 drangen die ersten Gerüchte von fernen Massentötungen in das Dorf. Der Eigentümer der Festung, der Adlige Rasch-scho Henno, war darüber sehr besorgt und machte sich auf den Weg in die armenischen Gebiete, um sich persönlich ein Bild zu machen. Als er nach mehreren Wochen zurückkehrte, alarmierte er umgehend die Dorfbewohner und erstattete Bericht darüber, dass die Abschlachtung der armenischen Christen tatsächlich in vollem Gange war. Obwohl das Morden der Muslime bisher noch nicht das aramäische Gebiet erreicht hatte, war sich die Ältestenschaft von Hah der Gefahr bewusst, bei einem Angriff unterlegen sein zu können. Im Gegensatz zu einigen anderen Dörfern des Tur Abdin, die entweder gar nicht oder nicht entschlossen genug zu den Waffen griffen, bereitete man sich in Hah auf das Schlimmste vor und begann mit Verteidigungsarbeiten. Die Mauern der Festung wurden verstärkt und erhöht und Gewehre, Pistolen, Munition und Sprengstoff wurden herangeschafft.
Türme für günstige Schusspositionen wurden errichtet und – weil man einen lang andauernden Kampf erwartete – große Mengen Lebensmittel in die Festung gebracht und der Zugang zu frischem Wasser gesichert.
Anfang Juli setzten – wie befürchtet – die Massaker gegen die umliegenden Dörfer ein und Überlebende aus Ortschaften wie Eschtrako, Qustan und Schahirkan retteten sich nach Hah, sodass die Zahl der Schutzsuchenden auf über 2000 anstieg. Zu diesem Zeitpunkt standen schon mehrere hundert christliche Männer unter Waffen und bereiteten sich auf den Angriff der Muslime vor.
Der kam Ende August 1915.
Nachdem feindliche Unterhändler die Entwaffnung und Unterwerfung Hahs gefordert hatten aber abgewiesen worden waren, griff eine kleine Einheit türkischer Soldaten das Dorf an. Unterstützt wurde sie von etwa 15000 (fünfzehntausend!) Kurden aus der Umgebung.
Mordlust und Beutegier hatte ganze Sippen ergriffen und das schrille Trillern der Frauen schien keinen Zweifel daran zu lassen, dass Hah verloren war.
Immer wieder rannten Türken und Kurden gegen die Festung an, doch jedes Mal brach ihr Angriff im Feuer der Verteidiger zusammen. In der Chronik der Ereignisse ist von 45 Tagen Gefecht die Rede, in dessen Verlauf die Angreifer erhebliche Verluste hinnehmen mussten. Weitere Verhandlungsangebote seitens der Muslime wurden von Rasch-scho Henno und seinen Männern als hinterhältig eingeschätzt und abgelehnt. Glücklicherweise stand der türkischen Militäreinheit an dieser Stelle keine Kanone zur Verfügung wie sie zum Beispiel im Dorf Zaz zum Einsatz gekommen war.
Immer größere Verluste und schlechte Aussichten auf absehbaren Erfolg schwächten die Beutegier der Muslime spürbar.
Nachdem deren Angriffe nachgelassen hatten, erschien der über den Parteien stehende Scheich Fathallah auf dem Kriegsschauplatz und ermöglichte einen Waffenstillstand. Das Vorhaben, die Bewohner von Hah abzuschlachten, ihre jungen Frauen und Kinder und ihr Hab und Gut als Beute wegzuschleppen, war gescheitert.
Auch wenn nicht wenige der Leute von Hah in den Folgejahren hinterrücks auf den Feldern ermordet wurden (Muslime dürfen sich laut Koran nicht an Abmachungen mit „Ungläubigen“ halten), so existiert dieses aramäische Dorf immer noch und seine Bewohner haben trotz Schikanen des türkischen Staates eine großartige Geschichte zu erzählen.
Als wir uns kurz vor Sonnenuntergang von Hah und seinen Leuten verabschieden, treffen wir im Tor der Festung auf eine gebeugte steinalte Frau, die mit Hatune ein paar Worte wechselt. Ich bin nicht sicher, ob die müden Augen dieser Aramäerin uns überhaupt wahrnehmen können, doch als sich Hatune von ihr verabschiedet, hebt die Alte ihre Hand und spricht in unsere Richtung.
Hatune übersetzt, dass sie uns Gottes Segen wünscht und eine gute Heimreise und dann etwas, das wie ein Menetekel klingt und uns den Rest der Reise nicht mehr loslässt: „Ihr, in Almanya, seid in großer Gefahr. Ihr müsst es so machen wie wir. Ihr müsst kämpfen!“

Fritz Poppenberg
Foto: (c) F.Poppenberg

 

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