Herr Hitler, wer hat Sie gewählt? Eine Analyse, wie verzweifelte Wähler zu einer falschen Entscheidung kommen

»Sehr geehrter Herr Hitler!
Es ist nicht mein Beruf, Politik zu treiben. Ich habe das auch in diesem offenen Brief nicht im Sinn. Aber Ihre politische Tätigkeit hat eine Seite, die zutiefst in das Gewissen hineingreift, in die Verantwortung vor Gott. Daran sollen Sie in diesen Zeilen erinnert werden.
Als Sie in der Nacht vom 13. auf den 14. März hier in Eichstätt im Waldschlößchen waren, um, bewacht von zwanzig SA-Leuten, sich mit einem Freund Ihrer Bewegung zu besprechen, da kamen Sie müde und abgehetzt von Ihrer angestrengten Vortragsfahrt, doppelt müde und zerschlagen vom Ausgang der Wahl. Es wäre nicht notwendig gewesen, sich hier bewachen zu lassen, denn in unserer »schwarzen« Stadt tut Ihnen kein Mensch etwas, wenn auch Ihre Presse das bewußte Verleumdungswort von der »schwarz-roten Mörderbande« geprägt hat. Die Leute in der Stadt sagten: »Hitler ist auf der Flucht«. Sie waren nicht auf der Flucht, denn niemand hat Sie verfolgt. Sie konnten am Morgen ruhig in München Ihren müden Aufruf erlassen. Und doch sind Sie immer auf der Flucht: auf der Flucht vor Ihrem eigenen Gewissen. Sie gönnen sich keine besinnliche Stunde mehr und so kommt das Gewissen nicht mehr zu Wort.
Rastlos werden Sie in ganz Deutschland herumgejagt. Mit Mühe können Sie den Ort Ihres nächsten Redezieles erreichen. Die physischen Kräfte sind in denkbar höchster Anspannung und Ihr Aussehen ist naturgemäß angegriffen. Ihre Nerven lassen eine ruhige Gewissensprüfung nicht mehr zu.
Wo Sie hinkommen, werden Sie umschmeichelt, und der Rausch der Begeisterung, der Sie in Ihren Versammlungen umwogt, läßt Sie kaum mehr zu der Frage kommen, ob Ihre Arbeit vor Gott bestehen kann, denn Sie sind des Glaubens: Deutschland steht auf meiner Seite. Ihre Presse verherrlicht Sie in einer widerlichen Weise. Sie gelten als der große Erlöser aus der Not. Sie selbst sind auch davon überzeugt, denn Sie schreiben Ihrer einzigen Persönlichkeit all die Eigenschaften zu, die dazu erforderlich sind, Deutschland wieder aufzubauen. Sie brauchen in Zukunft nichts mehr, was Sie bindet. Ihr Wille soll für Deutschland genügen, und Ihr Befehl soll allein die Wege weisen. Hat Sie Ihr Gewissen schon einmal daran erinnert, welcher Grad von Selbsteinschätzung in diesem Urteil liegt? Wer aus Ihrer Gefolgschaft wagt, diesen Glauben zu zerstören?
Herr Hitler, wer hat Sie denn gewählt?
Leute mit antirömischem Affekt! Sie sind in der römisch katholischen Kirche getauft und erzogen. Man hat nie gehört, dass Sie formell aus der Kirche ausgetreten wären. Einer Ihrer Abgeordneten hat allerdings im Sportpalast in Berlin erklärt, dass jeder ein gemeiner Lügner und Lump sei, der behaupte, Sie seien römisch-katholisch. Niemand, der Ihre Gedankengänge und Ihre Taten kennt, wird annehmen, dass Sie dem Glauben Ihrer Kirche treu geblieben sind. Sie sind noch nie der Behauptung Arthur Dinters (des Leiters der »Deutschen Volkskirche«, Anm. s. Quelle S. 301) entgegengetreten, der von Ihrem Bekenntnis erzählt, dass die katholische Kirche nichts zu lachen haben wird, wenn Sie einmal an die Macht kommen. Man kennt Ihre Richtung, und deswegen setzen gewisse Kreise des Protestantismus gerade auf Sie alle Hoffnung. Wenn Sie die Verteilung der Wahlresultate auf der Landkarte verfolgen, dann merken Sie ganz genau, dass es die protestantischen Gegenden sind, die Sie als ihren Mann betrachten, wenigstens was die Bürgerschaft betrifft. Die Arbeiterschaft hat Sie abgelehnt. Der sozialistischen Arbeiterschaft ist der Protestantismus egal. Bei ihr spielt dieses Moment keine Rolle. Ihre Zukunft liegt im Norden, Herr Hitler. (Das Ergebnis der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 sollte diese Feststellung noch deutlicher belegen, Anm. s. Quelle S. 301) Gewiß gibt es auch Katholiken, die Ihnen ihre Stimme gaben. Aber das sind Katholiken, die Sie sicher selbst nur mit eigentümlichen Gefühlen betrachten werden, weil sie offensichtlich nicht sehen, wo Ihre Richtung hintreibt. Männer wie Rosenberg und Stark könnten doch diese Katholiken belehren. Auch Herr Goebbels, der in Exkommunikation lebt (Sie wissen das ja als sein Trauzeuge), könnte diesen Katholiken die Augen öffnen. Herr Hitler, unter uns: Was halten Sie denn von den Katholiken, die Sie gewählt haben? Blindes Stimmvieh, wie? Sie lächeln zustimmend. Ich will Sie nicht daran erinnern, dass Sie sich als getaufter, aber mit dem Glauben der Kirche zerfallener Katholik einmal selbst fragen müßten: Kann ich vor meinem Gott bestehen? Doch das mögen Sie mit dem ausmachen, der Sie richten wird.
Wer hat Sie gewählt?
Die Masse der Suggerierten. Sie wollten die Massensuggestion, Sie sprachen davon, dass man den Massen einen fremden Willen aufzwingen, dass man sie fanatisch und hysterisch machen muß. Sie betreiben dieses Geschäft jetzt seit mehr als zehn Jahren. Ihre Presse ist nur auf Suggestion eingestellt. Es wird behauptet und behauptet, bis der Mensch ganz dumm und blöd wird. Es wird unterschlagen und unterschlagen, gelogen und gelogen. Sind Sie nicht für diese Methode verantwortlich? Auch die Propaganda kennt Gesetze des Gewissens.
Wer hat Sie gewählt?
Die wirtschaftlich Zusammenbrechenden. Sie erhoffen von Ihnen die Rettung. Der Bauer, der vor der Gant steht, der Geschäftsmann der sich nicht mehr hinaussieht. »Schlechter kann es nicht mehr werden«, sagen sich diese Menschen. »Jetzt war Hindenburg 7 Jahre an der Reihe und hat nichts fertig gebracht. Jetzt probieren wir es einmal mit dem Hitler. Wenn der auch nichts fertig bringt, dann jagen wir ihn wieder zum Teufel.« So ungefähr ist die Psychologie der Zusammenbrechenden, Herr Hitler. Ihre Wahl ist bei vielen eine Verzweiflungstat, doch nicht die letzte! Es bleibt noch der Bolschewismus.
Wer hat Sie gewählt?
Die Feiglinge, die ihre Stellungen nicht verlieren wollten. Es hatten sich schon eine Menge Menschen auf Sie eingerichtet, vor allem unter denen, die im Dienste des Staates stehen. Sie trauten sich bereits seit Wochen kaum mehr, etwas zu tun, was ihnen als feindselig oder nur als unfreundlich gegen Ihre Partei hätte ausgelegt werden können. Sie wollten doch ihre Stellung behalten, wenn einmal Hitler zur Macht kommt.
Herr Hitler, Sie haben mit Ihrer Hundspeitsche und mit den Drohungen Ihrer Presse eine feige Gesellschaft herangezogen! (Hitler ging selten ohne Reitgerte oder Hundspeitsche, vermutlich um seine Komplexe zu überspielen, Anm. s. Quelle S. 301) Ich gratuliere zu diesen freien deutschen Männern des Dritten Reiches. Was denken Sie denn selbst über diese Leute? Müssen Sie nicht innerlich dreimal ‚Pfui!‘ über jeden sagen?
Wer hat Sie gewählt?
Die Stellenjäger und zukünftigen Parteibuchbeamten. Haben Sie sich schon darüber Gedanken gemacht, wie viele unter Ihren Leuten damit rechneten, dass sie im kommenden Dritten Reich sichere Anstellung erhalten und zwar auf Grund ihrer Begeisterung für Ihre Person? Wie viele so dumm waren, zu meinen, schon der 14. März bringe ihnen den Garantieschein ihrer Versorgung?… Herr Hitler, wer hat mehr als Sie und Ihre Presse eine Masse herangezogen, die ganz den Hoffnungen einer ausschließlichen Parteiprotektion verfallen ist? Wo bleibt hier Ihr Gewissen?
Wer hat Sie gewählt?
Menschen, die sich ihren Zahlungsverpflichtungen entziehen wollten. Wie viele Beispiele dieser Art sind mir bekannt geworden! Es gab Leute, die ihre Gläubiger mit dem Hinweis abspeisten: »Ich zahle nichts mehr. Es kommt jetzt bald der Hitler dran, dann brauch ich nichts mehr zu zahlen.« Wissen Sie auch um solche Praktiken? Hat Ihre Parteikasse auch damit gerechnet, dass der 14. März die veränderten Verhältnisse sieht und dass dann bald die neue Gesetzgebung die alten Belastungen hinwegfegt? Haben Sie sich aber überlegt, welche Unmoral in die Masse hineingetragen wurde mit dieser unsauberen Spekulation auf das Dritte Reich?
Wer hat Sie gewählt?
Die Untermenschen des Mordes und der Bedrohung des Nebenmenschen.
Der Ausdruck ist hart, aber nur zu wahr. Sie wissen doch selbst, wie ständig aus Ihren Reihen heraus Andersdenkende bedroht werden. Der Galgen ist eine Selbstverständlichkeit im Sprachgebrauch vieler Ihrer Anhänger. Weiß sich einer nicht zu helfen, dann heißt es einfach: »Warte nur! Im Dritten Reich kommt die Rache! Da wirst du an die Wand gestellt!« Haben Sie nicht selbst zu diesen Bedrohungen Anlaß gegeben? War die Redensart vom »Köpfe¬rollenlassen« nicht der Auftakt zu all diesen rohen Bedrohungen? Und dieses Untermenschentum geht herunter bis in die Reihen der Knaben, die von Politik soviel wissen wie ein junges Kalb von der Wissenschaft. Ging da eines Tages in unserem friedlichen Eichstätt Dompropst Wohlmuth zum Zelebrieren in den Dom. Da stand heraußen eine Reihe von Buben. Sie grüßten alle. Nur einer nicht. Der Mesner fragt ihn: »Warum grüßt denn du nicht?« Und die Antwort? »Den grüß ich nicht. Der wird an die Wand gestellt, wenn wir drankommen.« Wissen Sie, wie man diese Verhetzung heißt? Kann Ihr Gewissen dieses Jugendverderben verantworten?
Was sagen Sie zur Propaganda des Hasses? Ihr Hauptblatt »Der Völkische Beobachter« brachte am Mittwoch, den 16. März (Nr. 76, Seite 3), einen Aufsatz aus der Feder des Gunter d‘Alquen: »Der Kampf geht weiter«. Dort stand zu lesen: »Jetzt kommt zu unserer Liebe, die der Sinn unserer Mühen, die der Grund unseres Kämpfens ist, der Haß, der Haß gegen alles das, was gegen uns steht … Unsere besten Truppen stellen wir nun in den ersten Graben. Wir gehen zur Offensive über, jetzt werden keine Gefangenen gemacht, jetzt wird kein Pardon mehr gegeben. Wir stoßen vor, der kleinste Trichter, der schmalste Grabenfetzen, alles wird ausgefegt, zerschlagen, ausgebrannt. Wir springen ihn an, den Feind, bei Nacht, bei Tag, bei Sonne und Nebel, wir schlagen ihn, wo wir ihn treffen.« Das ist die Sprache der Irrsinnigen. Und das positive Christentum? Evangelium des Hasses? Herr Hitler, was sagt Ihr Gewissen?
Ihre große Schuld!
Herr Hitler, auf Ihrem Gewissen lastet die Schuld an der Zerreißung Deutschlands. Sie wollen das Volk einigen? Meinen Sie denn, dass diese Kampftaktik ein Volk zu einigen vermag? Einigen können Sie das Volk, wenn Sie alle anders Gesinnten totschlagen lassen, sonst aber nicht … Sie wissen, dass Sie in absehbarer Zeit auf legalem Weg nicht zur Macht kommen können. Ihre Garden sind aber in einen solchen Wahn hineingetrieben worden, dass Sie es nicht mehr fertig bringen, sie in ruhiger Stimmung zu halten. Was werden Sie tun? Versuchen Sie den Leuten Vernunft beizubringen? Dann sind Sie erledigt. Oder treiben Sie die Massen weiter in phantastische Hoffnungen hinein?
Ihr Aufruf kündigt das an. Dann müssen Sie auch alle Folgen dieser wahnwitzigen Suggestion auf sich nehmen. Kann das Ihr Gewissen tragen? Fürchten Sie nicht, dass die Toten gegen Sie aufstehen werden, um Sie in den einsamen Nächten anzuklagen?
Was rein politisch zur Lage zu erörtern wäre, habe ich nicht berührt. Ihrem Gewissen mag das Gesagte genügen. Wir predigen nicht das Evangelium des Hasses, sondern das der Liebe, auch Ihnen gegenüber. Zur Liebe gehört in erster Linie, dass wir Ihnen die Wahrheit sagen, auch wenn sie bitter ist. Wir reden nicht der Lüge das Wort und lehnen sie genauso scharf ab, wenn sie Ihnen gcgenüber gebraucht wird, als wenn sie irgendeinen anderen schädigt. Sie dürfen nicht erwarten, dass wir die göttlichen Gebote weniger energisch betonen, wenn sie dem Dritten Reich unangenehm werden.
Herr Hitler, vergessen Sie nicht das Gewissen! Und wenn Sie es erforscht haben, dann treten Sie vor Deutschland hin und sprechen Sie Ihr großes Schuldbekenntnis, so wie Sie es vor Gott dem Allwissenden erkennen. Ihre Anhänger haben in München ein Flugblatt hinausgegeben, in dem für den 13. März der Psalmvers zitiert wurde: »Richte mich, o Gott, und entscheide meine Sache gegen ein unheiliges Volk. Von dem Menschen des Unrechtes und des Truges errette mich!« Wir empfehlen Ihnen diesen Psalmvers als tägliches Morgen- und Abendgebet. Fragen Sie aber zuerst, wo das unheilige Volk steht und wer der Mensch der Ungerechtigkeit und des Truges ist. Als junge Priesterkandidaten wurden wir belehrt, wir sollten bei der heiligen Messe, so oft wir diesen Vers beten, an uns selbst denken, damit uns unser Herrgott von allem Selbstbetrug und von aller Ungerechtigkeit reinige. Es kann Ihnen nur nützen, wenn Sie dem gleichen Gedanken Raum geben.

P. Ingbert Naab, O.Min.Cap.«

Pater Ingbert Naab war neben Fritz Michael Gerlich wohl der schärfste journalistische Gegner Hitlers. Der Brief erschien am 20.03.1932 in der Münchner Zeitschrift „Der gerade Weg“ und wurde dann millionenfach in der deutschen sowie in der internationalen Presse nachgedruckt.
Er gehört zum Besten, was zum Thema Nationalsozialismus geschrieben wurde. Wir dokumentieren diesen Brief hier, weil er im so genannten Münchner Dokumentationszentrum unterschlagen wird. Unsere Leser sollen auch dieses Dokument kennen und sich ein eigenes Urteil über die Haltung der katholischen Kirche zum Nationalsozialismus in München bilden zu können. Pater Naab gelang 1933 die Flucht vor den Schergen Hitlers in die Schweiz. 1935 starb er in Frankreich.
Eduard Werner

Foto: Wolfgang Johannes Bekh: Therese von Konnersreuth oder die Herausforderung Satans,2,1965, W. Ludwig Buchverlag, München. S. 298-302

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