Wir sind nur Gast auf Erden. Gedanken zu Allerseelen

Ein König gab eines Tages seinem Hofnarren einen Stab. „Sieh her“, sagte er, „das ist der Stab der Dummheit. Er gebührt dir. Wenn du aber meinst, es gäbe jemanden, der noch dümmer ist als du, gib ihm diesen Stab. Denn dann brauchst du nicht mehr als der Dümmste in meinem Reich zu gelten. Der Hofnarr nahm den Stab und machte sich auf den Weg. Lange Jahre suchte er. Aber er fand niemanden, der ein noch größerer Narr gewesen wäre als er selbst.
Überraschend wurde der König sehr krank und es hieß, dass er bald sterben müsse. Da ließ er seinen Hofnarren zu sich rufen und seufzte: „Ich gehe jetzt bald in ein fernes Land und kehre nie mehr zurück.“ Erstaunt fragte der Narr: „Hast du denn gewusst, dass du eines Tages in dieses ferne Land auswandern musst?“ – „Ja, das habe ich gewusst“, erwiderte der König. – „So hast du dich sicherlich gut vorbereitet und Vorsorge getroffen, dass du in diesem neuen Land eine gute Aufnahme findest und es dir dort gut geht?“ forschte der Hofnarr weiter. Da schüttelte der König traurig seinen Kopf. „Was, das hast du nicht?“ sagte der Narr. Und er griff in seinen Mantel, holte den Stab der Dummheit hervor und sprach zum König: „Da, nimm diesen Stab. Er gebührt dir. Du bist ohne Zweifel ein noch größerer Narr als ich.“
Erkenntnisse der Psychologie
Gleicht die Lebenseinstellung heutiger Menschen nicht dem kurzsichtigen Verhalten dieses Königs? Wie steht es mit dir? Läufst auch du ständig dem kurzlebigen Genießen und all den weltlichen Verlockungen des diesseitigen Lebens nach? Tust du so, als ob du für ewige Zeiten auf dieser Erde bleiben könntest? Verwendest du viel Zeit, Kraft und Denken darauf, nichts zu versäumen, was das Leben dir so bietet? Psychologische Studien kommen zu der Erkenntnis: Die Jagd nach Besitz, Macht, Konsum, Erleben und Genießen verhindert geistige Sammlung und Besinnung auf die echten Werte menschlicher Lebensbewältigung. Das ständige Schauen auf das, was du haben möchtest, verhindert den Blick in dein Herz, in das Gott die Sehnsucht nach den ewigen Werten wahrer Liebe gesenkt hat. Nur mit dieser Liebe, der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen, wirst du die Bewährung deines Lebens bestehen können, nicht mit den Egoismen der Selbstbezogenheit.
Besinnung: Denke nach!
Der Philosoph Johann Kaspar Lavater sagte einmal: „Sammle dir jeden Tag etwas Ewiges, das dir kein Tod raubt, das den Tod und das Leben dir jeden Tag lieblicher macht.“ Sinn und Ziel unseres Lebens ist das ewige Sein bei Gott. Wozu also die letztlich enttäuschende Jagd nach immer mehr Geld, Macht, Schönheit, Erlebens-Genuss? Alles dies müssen wir zurücklassen, wenn wir eines Tages in das ferne Land der Ewigkeit „auswandern“. Auf einer alten Brücke in der bayerischen Stadt Passau steht: „Das Leben ist eine Brücke. Geh darüber, aber baue dein Haus nicht darauf!“ Dein Leben ist von seinem zentralen Sinn her ein Wandern über die Brücke des Lebens. Jeder Schritt geschieht mit dem Ziel, das andere Ende gut und sicher zu erreichen. Doch dein Leben gleicht auch der sorgfältigen Bestellung eines Ackers. „Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten, wer reichlich sät, wird reichlich ernten.“ (2 Kor 9,6). Haben wir uns mit Gottes Gnade durch reichliche Aussaat um die Frucht der Heiligkeit bemüht, können wir darauf vertrauen: „Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel.“ (2 Kor 5,1)
„Die Welt und alles, was Menschen in ihr haben wollen, ist vergänglich. Wer aber tut, was Gott will, wird ewig leben.“ (1 Joh 2,17)
Gütiger Gott, in der Zeitdimension deiner Ewigkeit gleicht mein Leben dem Flug eines Vogels, der vorüberhuscht. Tausende Jahre der Menschheitsgeschichte flossen im Strom des Lebens dahin und es gab mich nicht. Doch von Anfang an plantest du meine Existenz. Sie schlummerte als einmalige Liebesidee in deinem Herzen. Dann kam der Zeitpunkt, an dem du mich erschufst. Es war der Beginn meiner Existenz. Damals war mir nicht bewusst, dass mein Leben schon von diesem Moment an ein „cursus ad mortem“, ein Wandern auf das Sterben hin, war. Heute weiß ich: Auch der Zeitpunkt meines Todes ist bereits in deinem Buch der Ewigkeit verzeichnet. Je reifer ich wurde, desto deutlicher prägten diese Erkenntnisse die Frage nach dem Sinn und Weg meines Lebens. Und du, Herr Jesus Christus, gabst mir die Antwort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
So danke ich dir, guter Vater, dass du bis heute die Wanderung meines Lebens mit Güte, Weisheit und Barmherzigkeit begleitet hast. Ich danke dir für das Erleben tiefen Glücklichseins und liebender Geborgenheit, die ich erfahren durfte. Ich danke dir aber noch mehr für die dunklen Täler der Angst, der Verlassenheit, der Sorgen und Schmerzen, durch die du mich geschickt hast. Denn immer wenn ich auf meinem Lebensweg ein finsteres Tal durchwandern musste, habe ich dort unnötigen Ballast irdischen Scheinglücks zurückgelassen. Dadurch stellte sich mein Bewusstsein deutlicher auf die einzig notwendige Wahrheit ein und mein Blick wurde freier für das Leuchten deiner Liebe in meiner Seele und in den Herzen meiner Mitmenschen. Und ob ich auf Blumenwiesen des Frohseins oder in Tälern der Tränen wanderte, mein Leben stand immer unter deiner liebenden Zuwendung und Führung. Daher wird mir für die Zukunft nicht bange, denn „wer sich von deinem Geist leiten lässt, wird unvergängliches Leben ernten“ (Gal 6,8). Amen

Reinhold Ortner

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