Wenn Brandstifter Biedermann spielen

Wir leben in einer Zeit der verkehrten Frontstellungen.
Die Augsburger Allgemeine Zeitung (AZ) brachte am 27.10.17 unter der Überschrift „Der Papst braucht Unterstützung“ ein Interview mit Christian Weisner. Im Untertitel heißt es : „Warum und wie Christian Weisner von „Wir sind Kirche“ Franziskus in seinem Reformkurs bestärken will“.
Christian Weisner und die Bewegung „Wir sind Kirche“ sind seit 1995, als sie das sogenannte „Kirchenvolksbegehren“ inszenierten, keine Unbekannten.
Dass ihr „Kirchenvolksbegehren“ 1995 mit seiner Unterschriftenaktion 1,8 Mio Stimmen erreicht hat, liegt an drei Umständen: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hatte mit seiner Agitation für „Demokratie in der Kirche“ , unter Anette Schavan als Vorkämpferin, Jahre vorher den Weg dafür geebnet. Die religiöse Unwissenheit des Großteils der Katholiken und die fehlende Bereitschaft der Bischöfe über die wahren Absichten der „Kirchenvolksbegehrer“ aufzuklären, ließ die Gläubigen ins Messer laufen. Dieses Verhalten der Bischöfe ist auch deswegen unverständlich, weil im Jahr zuvor in Österreich dieselbe Unterschriftenaktion mit einem Ergebnis von rd. 500.000 Stimmen über die Bühnen ging und alle Diözesanbischöfe von einer Gegeninitative angeschrieben und um eine Hirtenwort gebeten wurden, um die Gläubigen aufzuklären. Es geschah nichts. Ein Frau schrieb damals: „Sollen die Schafe die Hirten hüten?“ Hinzu kam die mediale Unterstützung der „Kirchenvolksbegehrer“ Selbst in lokalen und regionalen Blättern wurde ihre Botschaft ins letzte Dorf getragen und die Stellen angegeben, in denen man sich in die Unterschriftenlisten eintragen konnte.
Die fünf Hauptforderungen der „Kirchenvolksbegeher“ lasen sich in Großbuchstaben sehr menschenfreundlich: „Aufbau einer geschwisterlichen Kirche“, „Volle Gleichberechtigung der Frauen“, „Freie Wahl zwischen zölibatärer und nichtzölibatärer Lebensform“, „Positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen“, „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“. Wie immer wurden die eigentlichen Ziele im „Kleingedruckten“ angesprochen. Ziel der „Kirchenvolksbegehrer“ war eine andere Kirche. Jeder kann das im 40-seitigen Dossier von „Publik-Forum“ Nr.2 vom 26.Januar 1996 im Detail nachlesen.
Die Saat war gestreut und wirkt weiter im ZdK, in katholischen Verbänden wie im BdKJ, in den katholischen Frauenverbänden kfd und KDFB ect. Um das „Kirchenvolksbegehren“ selbst ist es ruhig geworden. Würde Christian Weisner als Sprecher des „Kirchenvolksbegehrens“ nicht immer dann, wenn Medien einen Angriff gegen die Kirche starten, aus der Mottenkiste geholt werden, wie im Interview mit der AZ, würde in dieser schnellebigen Zeit kaum noch jemand darüber sprechen.
Es mutet schon grotesk an , wenn Christian Weisner, angesichts dessen, was die „Kirchenvolksbegehrer“ in ihrem 40-seitigen Strategiepapier über Papst und Hierarchie der katholischen Kirche geäußert haben, sich nun als Unterstützer des Papstes aufspielt und für die Unterschriftenaktion „Pro Francis Pope“ wirbt. Ein Kostprobe aus dem Strategiepapier soll das verdeutlichen:
„So wird der Gehorsam gegenüber Rom zum eigentlichen Problem für einen Dialog zwischen einem demokratisch, freiheitlich gesinnten Kirchenvolk und einer hierarchischen , diktatorisch strukturierten Kirchenführung. Der Wert dieses Kadavergehorsams muß vom Kirchenvolk öffentlich in Frage gestellt werden und gleichzeitig seine Problematik in bezug auf Dialogmöglichkeiten bewußt gemacht werden“ (S. 16).
Christian Weisner spricht im Interview ganz enthusiastisch von Papst Franziskus:
„Ich hätte nicht gedacht, dass Franziskus die negative öffentlich Wahrnehmung der katholischen Kirche in so kurzer Zeit derart ins Positive wenden könnte“. Er vergaß anzufügen, dass sich die Kirchenaustrittszahlen gegenüber früher wenig geändert haben. Weisner beschwört im Interview den „Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils“ und den „Wunsch nach Erneuerung“: „Wir versuchen , den damaligen Reformkurs am Leben zu erhalten“. Keine der konkreten Forderungen der „Kirchenvolksbegehrer“ ,die im Dossier genannt werden, lassen sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil legitimieren. Deswegen versuchen sie auch nicht entsprechende Quellen aus dem Konzil anzugeben. Es scheint vielmehr, dass die „Kirchenvolksbegehrer“ glauben, dass ihre alten Forderungen die Ortskirche zu verändern, durch Äußerungen von Papst Franziskus zur synodalen Kirche, die den Ortskirchen größere Freiräume einräumen, nun doch reifen.

Hubert Gindert

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2 Antworten auf Wenn Brandstifter Biedermann spielen

  1. Ulrich S. sagt:

    Sie, G. Küpper-Sondermann, instrumentalisieren – wie alle Linken – und natürlich auch Weisner den Papst. Sie sprechen von zwei Richtungen, übersehen aber bewusst die Tatsche, dass Papst Franziskus immer wieder sich auf seinen Vorgänger bezieht und beide ihre Einheit immer wieder demonstrieren. Sie sollten genauso wie Weisner den Papst nicht selektiv lesen und sondern ihm täglich zuhören. Dann werden Sie merken, dass die aus der untersten linken Ecke, sehr deutlich ausformulierten Vorstellungen des Herrn Weisner, der wie Gindert nachweist früher ganz anders getönt hat, ebenso falsch liegt wie Sie im Glauben, dass nun alle Blütenträume der Linken reifen werden. Da ist wohl mehr der Wunsch der Vater des Gedankens.
    Und kommen Sie bitte nicht auf die Idee, den Forumskatholiken eine Gegnerschaft zum derzeitigen Papst zu unterstellen. Schauen Sie mal auf deren Logo.

  2. G. Küpper-Sondermann sagt:

    Was denn nun an dieser „Frontstellung“ so schrecklich „verkehrt“ sein soll, will mir nicht in den Kopf.
    Was ist daran „verkehrt“, wenn sich mit einem neuen Papst auch eine neue Richtung in der Kirche etabliert und diejenigen, die die alte Richtung gut fanden und den alten Papst unterstützt haben, nun auf einmal selbst zu Papstgegnern mutieren?
    Ich finde das vollkommen nachvollziehbar. Die Forumskatholen haben unter dem Vorgängerpapst selbst solche Pro-Papst-Initiativen propagiert und hochgejubelt, so wie das heute Christian Weisner tut. Was ist dagegen einzuwenden? Gönnen sie der anderen Richtung nicht, dass die auch mal einen Papst haben, der ihnen freundlich gesonnen ist, oder warum muss man nun gegen solche ganz ähnlichen papsttreuen Initiativen polemisieren, wie man sie vor wenigen Jahren selbst gemacht hat?

    Das ist eine völlig normale Entwicklung in der Kirchengeschichte. War beim Wechsel von Pius X. zu Benedikt XV. oder beim Wechsel von Pius XII. zu Johannes XXIII. oder beim Wechsel von Johannes Paul I. zu Johannes Paul II. doch ganz genauso.

    Probleme hat man damit nur, wenn man ein Rechthaber ist und glaubt, nur die eigene Richtung habe ihre Berechtigung und die andere Richtung sei vom Teufel. Diese Einstellung gibt es unter konservativen Katholiken natürlich häufiger, sie ist aber im Kern spalterisch und unkatholisch. Alle Richtungen passen unter ein Dach und jede kriegt mal einen netten Papst. So ist das bei Kirchens. Wers nicht mag, muss eine Sekte aufmachen (das gilt für Erzkonservative und Ultraprogressive gleichermaßen).

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