Paul Josef Kardinal Cordes: „Christus will neue Zuversicht geben“. Predigt beim Abschlussgottesdienst des Kongresses „Freude am Glauben“ 2017

Im Evangelium dieses Sonntags haben wir eben einen bei den Synoptikern wirklich ungewöhnlichen Abschnitt gehört. Der Herr öffnet den Jüngern sein Herz. Die Seinen erfahren Jesu ganz persönliches und kostbarstes Geheimnis. Er lässt sie wissen, wie er in der Tiefe seines Wesens zu seinem Vater steht. Und zwar mit einem Jubelruf. Die Jünger sind sogar einbezogen in dieses Preisgebet; mehr noch: sie sind der Grund für Jesu Freude. Jesu Sprachstil hebt mit größter Feierlichkeit an. Der gewählte Ton fällt heraus aus der nüchtern-sachlichen Art, die sonst die drei ersten Evangelien kennzeichnet. Man hat darum diesen Abschnitt auch eine „johanneische Weise der Jesus-Überlieferung“ genannt. Wir wollen die Sätze noch einmal hören und andächtig in uns aufnehmen: „Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber geoffenbart hast.“
Was treibt den Herrn zu solchem Enthusiasmus? Er dankt dem Vater, weil die Jünger etwas von Jesu Größe erahnen. Sie nehmen sein Geheimnis wahr. Das heißt doch: Jesus Christus möchte erkannt werden. Und zwar in ganz persönlicher Zuwendung und Anhänglichkeit. Christsein ist demnach nicht zuerst eine Einordnung in die Religionsstatistik, in die Zugehörigkeit zu einer Konfession, in die Mitgliedschaft einer Gemeinde oder der Kirche. Es ist persönliche Verbundenheit mit Jesus Christus, Aufmerksamkeit für ihn, die Vertrautheit mit ihm. Jemand gibt dem Sohn des allmächtigen Gottes Grund zum Jubel, wenn er mit wachem Interesse und liebender Annäherung Christus entgegengeht.
Jesu Wort galt nicht nur vor 2000 Jahren für die, die ihm damals folgten. Er wünscht auch von uns heute solche Sympathie. Wohl ist er zu seinem Vater heimgekehrt, doch mit seiner ganzen Menschheit, mit seinem Empfinden und Fühlen. Sein Geständnis muss uns wie das eines Freundes treffen. Es drängt uns dazu, uns für ihn Zeit zu nehmen, ihm unser Interesse und unsere Neugier zu schenken, uns ihm zuzuwenden in der Art von Liebenden.
Jesu Preisgebet lässt noch anderes Bemerkenswerts erkennen. Der Herr geht davon aus, dass es zu ihm unterschiedliche Zugehörigkeiten gibt. Da ist der Kreis derer, denen der Vater Jesus offenbart hat. Und da sind die andern, die gleichsam draußen stehen. Fraglos möchten wir alle zu den Erwählten zählen. Wer möchte nicht ein Grund sein dafür, dass Christus jubelt und dem Vater dankt: „Vater, ich preise Dich“! Dann aber können wir jetzt nicht umhin, uns nach unserm Ort in Jesu Nachfolge zu fragen: Gehören wir zu denen, die der Herr die „Unmündigen“ nennt? Denn sie sind es ja, die ihn frohlocken lassen: „Vater, Du hast alles den Unmündigen geoffenbart“.
Erneut gilt es, genau hinzuhören. Mit Jesu Heraushebung der Unmündigen verlieren zunächst die Wertmaßstäbe unserer Gesellschaft an Wichtigkeit. Da treten die zurück, die sich eines Intelligenz-Quotienten über 130 rühmen können; die auf akademische oder kirchliche Titel setzen; die es vielleicht in der Politik zu etwas gebracht oder eine Karriere in kirchlichen Gremien hinter sich haben – all das mag irdischen Rang ergeben, aber der Herr nimmt es nicht in den Blick. Er preist die Unmündigen. Diese nun sind sich klar, noch nicht am Ziel zu sein. Sie haben ihre Unvollkommenheit vor Augen; sie sehen, dass die liebende Auslieferung an den Herrn immer noch wachsen kann. Unmündige sind nicht blockiert durch Selbstsicherheit, sie bleiben hörbereit, offen und erwartungsvoll wie ein Kind.
Unser eben verlesener Matthäus-Text wurde nicht eigens für diese Heilige Messe ausgesucht; die offizielle liturgische Gottesdienst-Ordnung hat ihn uns vorgegeben. So dürfen wir folgern, dass ihn Gottes Hand gerade uns für heute bestimmt hat. Diese Fokussierung schärft noch seine Leuchtkraft. Jesu Jubelruf hat nämlich im Zusammenhang des Matthäus-Evangeliums einen charakteristischen Ort: Er folgt auf Berichte über verschiedene biblische Ereignisse, die Jesu Ablehnung schonungslos schildern. Mit seinem Lobpreis will der Herr offenbar seinen enttäuschten und verunsicherten Jüngern neue Zuversicht geben. Dann aber passt sein heutiges Wort punktgenau in die Perspektive unseres Kongresses. Die Organisatoren, liebe Schwestern und Brüder, haben ja für unser Treffen den Leitsatz gewählt: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“ Das Motto unseres Kongresses reagiert demnach gleichfalls auf den Schmerz erduldeter Zurückweisung und Verängstigung. Die Treue zu Papst und Kirche bekommt eben in unseren Tagen kaum Applaus; oft empfinden wir uns als ein verschüchtertes, verdrängtes Häuflein. Wir sehnen uns nach Annahme und nach der Resonanz für unsere Glaubensbotschaft; wir brauchen genau wie die Jünger Trost und Ermutigung. Welch überraschende Koinzidenz des Kongress-Mottos mit dem heutigen Evangelium!
Sie nötigt uns fraglos zunächst zu der Einsicht: Wir dürfen uns nicht wundern, wenn uns Christen widrige Winde ins Gesicht stehen. Es war noch nie der Beifall der Welt, der die Glaubensbotschaft zuverlässig machte. Geistliche Nüchternheit lehrt vielmehr damals wie heute, sich auf Widerspruch gegen uns einzustellen. Und ein Zweites, das noch wichtiger ist: An Jesu Leben und Wirkungsgeschichte ist abzulesen, dass der Schmerz der Ablehnung in den Triumpf von Gottes Sieg umgeschlagen ist. Die Gruppe derer, die ihn zunächst nicht erkannten, die „Weisen und Klugen“, denen er verborgen war, kann aufgebrochen werden. Der Grund? Nach seiner Auferstehung stößt pfingstlicher Geist die Türen der Urgemeinde auf und all ihr frommes Selbstmitleid verfliegt. Die Augen der Jünger entdecken, wie sehr ihre Zeitgenossen den Erlöser brauchen. Sie werden zu machtvollen Zeugen Jesu Christi.
Hat die Unerlöstheit seit Christi Kommen abgenommen? Täglich die Zeitung aufzuschlagen genügt schon, um festzustellen, dass diese Welt nicht die beste aller möglichen Welten ist. Die „Tagesschau“ zeigt ein anderes Bild. Und Werbung führt in die Irre. Neueste Essens-Rezepte, Schönheits-Salben und Kreuzfahrten machen unseren Alltag nicht zum Schlaraffenland. Da ist der „Tatort“ am Sonntag-Abend schon realistischer – auch wenn er nur ausgedacht ist. Und erst recht durchschaut das sensible Herz, durchschauen die Augen des Glaubens den schönen Schein. Hinter der glänzenden Fassade bedrücken viele Formen der Not. Flucht, Krankheit, Zwietracht, Hass und Gottlosigkeit. Wir sind nicht heil und finden unser Glück nicht aus eigener Kraft. Der Mensch braucht Erlösung, wir brauchen Gott. Das mag den wachen Christen alarmieren. Dann begnügt er sich nicht länger damit, sich selbst beim Herrn wohl zu fühlen. Er geht hinaus – wie die Jünger zu Pfingsten. Ich habe selbst bei Bekannten erlebt, dass Lebensrealismus und Glaubenssinn apostolisch machen.
Ein Ehepaar aus sogenannten besseren Kreisen; Beruflich angesehen und gesellschaftlich geachtet; Eine gesunde Familie, erfreuliche Kinder. Doch sie suchen mehr, und irgendwann gebe ich ihnen eine Anregung. In einer längeren Glaubensschule geht ihnen zunächst die Selbstbezogenheit ihrer eigenen Frömmigkeit auf. Dann entdecken sie in ihrer Umwelt Fälle von erschreckender Unerlöstheit. Meine Bekannten sind inzwischen sicher geworden, dass Gottes Wort und die Gemeinschaft der Kirche Menschen heilen kann. Nicht ohne Zittern lassen sie sich darauf ein, ihre eigene Erfahrung anderen mitzuteilen: sie werden zu Glaubenszeugen. Und eine neue Welt geht ihnen auf: Wie beglückend es ist, anderen gläubige Hoffnung zu geben – durch das Wort des Lebens. Sie erfahren, dass die Hinführung anderer zu Gott innerlich reich macht. So viel Glück wird ihnen geschenkt, dass sie nach einigen Jahren ihres Engagements zu mir kommen und sich beschweren: Nicht für die zeitraubenden Gespräche mit anderen Suchenden; nicht weil der eine oder andere sie kritisiert, sie ließen sich nicht mehr bei den üblichen gesellschaftlichen Verpflichtungen blicken; nicht weil den Nachbarn ihr intensiver Einsatz für das Evangelium verdächtig erscheint. Sie machen mir einen ganz andern Vorwurf: „Warum ist uns nicht schon viel früher gezeigt worden, dass wir selbst missionieren können? Warum haben wir so viel Zeit vertan, bevor wir dies Wunderbare am Christsein entdeckten?“
Genau hier liegt die Wahrheit, die Johannes Paul II. uns allen unter dem Stichwort „Neuevangelisierung“ hinterlassen hat. Er wollte die Glieder der Kirche eben zu dieser Erfahrung führen: den Glauben anderer zu entzünden, erfüllt mit Freude. Das Wort „Neuevangelisierung“ ist zwar in vieler Munde. Aber die Verbreitung des Wortes setzt es noch nicht um. Engagiertes Apostolat steht nämlich absolut quer zur Mentalität unserer Tage. Nach unserm Selbstverständnis heute ist der Kunde König. Man ist überzeugt: Ich habe Rechte; meinen Erwartungen muss entsprochen werden; die Ware ist mir frei Haus zu liefern, wenn ich bezahle – auch mit der Kirchensteuer. Die Institution Kirche ist verpflichtet, dass mir ihre Produkte zur Verfügung stehen; sie ist gleichsam das Versorgungsdepot, bei dem das Erwünschte einklagbar wird. – Neuevangelisierung aber ist das Gegenteil von Versorgungsmentalität und Anspruchsdenken. Neuevangelisierung lässt Passivität in Engagement umkippen. Eine Wunschvorstellung für Idealisten? Keineswegs! In den Anfängen des Christentums hat dieser Umschlag jedenfalls eindrucksvoll geklappt.
Gehen wir zurück in die Zeit, in der etwa die Städte griechisch-römischer Spätzeit christianisiert wurden. Es gab weder Generalvikariate mit ihrem bürokratischen Heer noch den Vatikan, keine katholischen Nachrichtenagenturen, Kirchenzeitungen, keinen Caritasverband oder schulischen Religionsunterricht. Selbstredend sind all diese Einrichtungen nicht schlecht; aber sie machen so manchen vergessen, dass sie der Evangelisierung nur sekundieren sollen. Erst recht dürfen sie nicht verdecken, was wir von den ersten Christen lernen können.
Wie verbreitete sich das Evangelium als Christus es vor 2000 Jahren eben verkündet hatte? Einfach gesagt: Es verbreitete sich durch Überzeugungstäter, nicht durch Professionelle. Wir haben eine sehr genaue Kenntnis des christlichen Lebens aus dieser Zeit – aus Niederschriften heidnischer Schriftsteller, also ungefärbt von jeglichem christlichem Eigeninteresse. Da gibt es etwa einen fraglos authentischen Brief Plinius des Jüngeren; er starb im Jahr 113 nach Christus.
Er war römischer Stadthalter, Freund des römischen Kaisers Trajan, und berichtete aus Bithynien, an der Südküste des Schwarzen Meeres. Tausend Kilometer von Jerusalem und zweitausend Kilometer von Rom findet er schon im Jahr 112 eine christliche Kolonie. Über sie schreibt der Briefautor beiläufig an den Kaiser: Die Christengemeinde gefährde die amtlich bestätigten gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen; Stadt und Land seien von dieser neuen Lehre befallen; er nennt sie eine „Seuche“, weil sie vor nichts und niemandem Halt mache.
Der Glaube an Christus griff folglich von Jerusalem und Rom aus mit größter Dynamik um sich – dank reisender Kaufleute, der Soldaten des Römischen Heeres, der Sklaven und Dienstboten. Ausgewiesene Historiker kommen für seine Verbreitung im Mittelmeerraum auf erstaunliche Ergebnisse: Weniger als zwei Jahrhunderte nach Christi Erdenleben, am Vorabend des Konstantinischen Friedens, kommen sie auf die Zahl von 10% der Bevölkerung des Römischen Reiches (alle drei Fundstellen in A. Hamman, Die ersten Christen, Stuttgart 1985, 15; 67; 74) – trotz der blutigen Verfolgung durch den römischen Staat und der gnadenlosen Ablehnung durch die jüdische Synagoge.
Solche Kraft hat Christi Erlösungsbotschaft bis heute – überall da, wo sich Glaubenstäter finden, denen Versorgungsmentalität nicht länger genügt. Sie haben sich in vielen Neuaufbrüchen von Glaubensgemeinschaften nach dem Konzil zusammengeschlossen. Ihre Männer und Frauen entdeckten etwas Faszinierendes. Sie wurden aus Konsumenten zu Akteuren.
Wir alle brauchen täglich Jesu Zuspruch, wir brauchen die Losung unserer Veranstaltung: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde“. Aber man kann auch erleben, dass das Motto unseres Kongresses den Herrn nur halb zitiert. Jesus spricht nämlich nicht nur Trost zu. Er begründet ihn auch. Er fügt den gewichtigen Satz an: „Eurem Vater hat es gefallen, euch das Reich zu geben.“ Dieser Nachsatz will allen Mut machen, Apostel zu sein. 

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