Die Problemlösung heißt Verzicht!

Die Zeitungsüberschrift „Jeder zweite Schüler steht unter Stress“ (Augsburger Allgemeine Zeitung, 2.9.2017) bezieht sich auf die Studie „Präventionsradar 2017“, die von der Krankenkasse DAK bei knapp 7000 Schülern der 5. bis 10. Klassen in sechs Bundesländern durchgeführt wurde. Danach leiden 43% der Schüler unter Stress. Viele Schüler empfinden den Unterricht als eine enorme Belastung. Liegen die Ursachen tatsächlich in der Schule? Erfahrene Pädagogen wie Josef Kraus, langjähriger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Leiter eines Gymnasiums, sehen das anders. Kraus spricht von einem „Jammern auf hohem Niveau“. Studienleiter Hanewinkel sieht „eine ganze Reihe von Wechselwirkungen am Werk“. Der „Konsum von Alkohol, Tabak und Marihuana erreichen ein bedenkliches Ausmaß“. Wissenschaftler vermuten, „dass die Schüler ihren Stress bereits von Zuhause mitbringen“: „Junge Leute, die in schwierigen Umständen aufwachsen, keine geregelten Tagesabläufe kennen, sich schlecht ernähren, wenig schlafen und ihre Freizeit vor dem Bildschirm, statt auf dem Spielplatz verbringen, sind besonders gefährdet.“
Ein Hauptfaktor für Stress ist die unersättliche Gier nach News. Wir wissen von anderen Untersuchungen, dass junge Menschen Stunden mit Fernsehen und mit Smartphones verbringen. Wie heißt die Problemlösung? Der berichtende Journalist schlägt vor: „Um den Teufelskreis zu durchbrechen und mehr schulische Chancengerechtigkeit zu erreichen, dürften sich unsere Bildungspolitiker durchaus etwas mehr Stress machen.“ Warum die Bildungspolitiker? Man könnte es viel einfacher ausdrücken. Die Problemlösung heißt Verzicht. Aber das traut man sich offensichtlich nicht mehr zu sagen.

Hubert Gindert

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Eine Antwort auf Die Problemlösung heißt Verzicht!

  1. Geht man nun einen Schritt weiter, wird man sich fragen müssen, welche Weichen in der Vergangenheit in die besagte Richtung gestellt wurden.
    In Umkehrung des NS-Slogans „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ wurde hierorts seit Jahrzehnten (medial und schulisch) das Ideal des hedonistischen Egomanen mit dem Ziel der eigenen Triebbefriedigung proklamiert, sozusagen „Dein Volk ist nichts, du bist alles!“. Als anzustrebendes Ziel wird (politisch-medial propagiert) die Rolle des kulturell sterilen Fernsehkonsumenten vorgegaukelt. Anders ist der Erfolg der berüchtigten Vierbuchstabenformate wie „DSDS“, „GNTM“, „GZSZ“ usw. nicht erklärbar. In der heutigen Zeit muss man nichts mehr können, um bekannt zu werden, meistens sind diese Personen nach mehreren Auftritten bei sog. „Castingshows“ oder „Doku-Soaps“ halt dafür bekannt, bekannt zu sein und werden vom „Normalbürger“ dafür auch noch kritiklos angehimmelt.
    Wenn maßloser Erfolg ohne Können sprichwörtlich für jede und jeden erreichbar scheint, lastet ein immenser Druck auf den Jugendlichen, „Superstar“, „Supertalent“ oder was auch immer zu werden. Notfalls ziehen sie sich auf ihren „Planet Ego“ zurück und verlieren sich in einer virtuellen Scheinwelt.
    Ein jahrzehntelang gepflegter maßloser Individualismus und moralischer Relativismus haben als Ergebnis die oberflächliche, Genuß-orientierte Gesellschaft. Diese hat keinen „Vorrat an Gemeinsamkeiten“, ein deutsches Volk mit gemeinsamer Geschichte und Erlebnissen im Generationengedächtnis, gemeinsamer Sprache und Kultur (natürlich mit regionaler Ausdifferenzierung) existiert heute höchstens noch fragmentarisch. Demzufolge kann sie nachwachsende Generationen (sofern diese nicht gleich „verhütet“ oder abgetrieben wurden) nicht mehr formen, sondern läßt sie hilflos in eine sich ständig rapide (aber kaum belegbar, weil diffus) ändernde Umwelt taumeln (vgl. Baumans „flüssige Moderne“ – https://kirchfahrter.wordpress.com/2017/11/13/zygmunt-bauman-von-der-festen-moderne-ueber-die-postmoderne-zur-fluechtigen-moderne/).
    In dieser dominiert die immer professioneller designte Oberfläche offizieller und privater Kommunikation: Ob Institution oder Privatperson, jeder präsentiert sich zur Erreichung höchst egoistischer Ziele up to date, kulturell aufgeschlossen, multilingual, kulturkompetent, gelassen, offen und verständnisvoll. Versicherungen gerieren sich als „bester Freund“, jeder mag angeblich jeden, es wird die Illusion der verständnisvollen Welt geschaffen, der man sich bedingungslos anvertrauen darf. Diese Zwecklügen sind für Kinder und junge Menschen – mangels Lebenserfahrung – als solche kaum erkennbar. Sie vermögen kaum zu erkennen, dass das Ziel lediglich ihr Verbrauch mit optimalen Nutzen ist, sie sollen – mittels vorgegaukelter „Akzeptanz ihrer Persönlichkeit“ – lediglich zum möglichst geräuschlosen funktionieren gebracht werden.
    Ist dieses Funktionieren nicht mehr gegeben, lauert hinter den Glanzlack-Kulissen dieser inhaltsleeren Bussi-Bussi-Alles supi!-Gesellschaft für Menschen, die der Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen, wie beispielsweise Kranke und Arbeitslose, Harz-IV bzw. das Pflegeheim…

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