„Die Spione des Papstes. Der Vatikan im Kampf gegen Hitler“

Der Vorwurf gegen Papst Pius XII., zum Holocaust mit Eiseskälte geschwiegen zu haben, ist immer noch weit verbreitet. Nun wirbt der Historiker Mark Riebling um Verständnis für Papst Pius XII. und legt auch bisher unbeachtetes Material vor. Trotzdem halten Rezensenten, Journalisten und gar manche Lehrer an ihren Vorwürfen gegen den Papst fest. Warum das? Können sie die neuen Wahrheiten nicht brauchen, um an den zementierten Klischees gegen Papst Pius XII. festhalten zu können? Schon der Menschenkenner Albert Einstein formulierte einleuchtend: „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“ Viele Argumente für Pius XII. waren bisher bereits bekannt.
Schon die vatikanische Verurteilung des Antisemitismus vom 25.03.1928 wäre ohne Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII., wohl kaum zustande gekommen. Das Gleiche gilt für das Verbot des Vatikans, Alfred Rosenbergs Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ zu lesen. Dieses Buch war die Grundlegung der nationalsozialistischen Rassenlehre, die gerade von der katholischen Kirche besonders bekämpft wurde. Das alles nehmen die Ankläger gegen den Papst ebenso wenig zur Kenntnis wie die Weihnachtsansprache des Papstes von 1942. Dort hatte der Papst mit Blick auf die rassisch Verfolgten beklagt, dass Menschen nur wegen ihrer Nationalität oder ihrer Abstammung der Verelendung und dem Tod preisgegeben werden. Die Nationalsozialisten in Berlin haben diese Klagen des Papstes als gegen sie gerichtet wohl verstanden. Nun versucht Mark Riebling einen anderen Weg zur Verteidigung des Papstes. Er belegt, dass und wie der Papst mit der deutschen Militäropposition zusammengearbeitet hat, um Hitler zu stürzen. Der nach dem Krieg als „Ochsensepp“ bekannt gewordene Münchner Rechtsanwalt Dr. Josef Müller war als Abwehroffizier getarnt in Italien, um im Auftrag von Admiral Canaris den Papst für eine konspirative Zusammenarbeit mit der deutschen Militäropposition und den alliierten Kriegsgegnern zu gewinnen. Diese Aktion verlief zunächst erfolgreich. Im Archiv des Foreign Office in London liegen die Beweise für diese für den Papst höchst gefährliche Unternehmung. Die deutschen Pläne zum Sturz Hitlers verliefen jedoch alle im Sande, so dass die britische Seite letztlich zurückhaltend blieb. Jedenfalls ist der Papst mit seiner Vermittlung ein unvorstellbares Risiko eingegangen für seinen Vatikanstaat, für die katholische Kirche in Deutschland und in den besetzten Gebieten und für sich persönlich. Trotzdem existiert das Bild vom eiskalt schweigenden Papst weiter. Sollte nun ein anderer Historiker noch zusätzlich auflisten, was Pius XII. zur Rettung von Juden allein in Italien bewirkt hat, so würde auch das sein Bild in der veröffentlichten Meinung kaum aufhellen. Die Medien brauchen das Bild vom eiskalten Papst, das unterschwellige Klischees gegen die katholische Kirche bestätigt. Da hilft auch kein Willi Brandt-Zitat in US-amerikanischen Geheimdienstkreisen, das da lautet: Die katholische Kirche sei „die verbreitetste und am besten organisierte Opposition in Deutschland“ gewesen.
Im Übrigen überschätzen die Papstkritiker die Wirkung eines flammenden Papstprotestes gegen den Holocaust, der über die Weihnachtsansprache von 1942 und über den Protest der niederländischen und belgischen Bischöfe hinausgegangen wäre. In Deutschland und in den besetzten Gebieten hätte kaum jemand von einem solchen Protest erfahren, da das heimliche Abhören von Radio Vatikan lebensgefährlich war. Überdies gab es beim damaligen Stand der Technik auch technische Schwierigkeiten. So verständlich das Abwägen des Papstes für oder gegen einen weiteren öffentlichen Protest erscheint, so deutlich wird die Erkenntnis: Das Bild vom Papst, der eiskalt schweigt, ist inzwischen eine so liebgewordene Droge, auf die man nicht mehr verzichten möchte. Nur wer dieses Thema unvoreingenommen sine ira et studio studiert, kann die historische Wahrheit wahrnehmen. 

Mark Riebling: „Die Spione des Papstes. Der Vatikan im Kampf gegen Hitler.“ Aus dem Englischen übersetzt. Piper-Verlag München 2017, 496 S. Euro 26;-

Eduard Werner

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Eine Antwort auf „Die Spione des Papstes. Der Vatikan im Kampf gegen Hitler“

  1. Mathias Wagener sagt:

    Da hat sich seit dem „Stellvertreter“ Hochhuths oder noch früher nichts geändert und die herrschenden Kräfte wollen daran auch nichts ändern. Danke für diese Erläuterung.

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