Gott als personalem „Du“ begegnen Zu dem Buch „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ von Kardinal Paul Josef Cordes

16,2 Prozent der Katholiken und zwölf Prozent der Evangelischen in Westdeutschland erfahren und bekennen Gott als ein personales „Du“, für 85 Prozent hingegen gilt dies nicht. Knapp 40 Prozent von Christen beider Konfessionen sehen Religion als „Einheitsintuition mit einem diffusen Göttlichen“ – sprich: Gott ist für sie kein Gegenüber, sondern mehr oder weniger eine Wirklichkeit unter und mit ihnen – im Sinn eines Pantheismus – der so kaum Wegbereiter für das Leben sein und daher kaum zur Nachfolge aufrufen kann.
Die Zahlen stammen aus einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2009, und Kardinal Paul Josef Cordes greift sie in seinem neuen Buch „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“ auf, ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der Gottesbeziehung für ein gelingendes gelebtes Christentum. Allemal wird dadurch auch deutlich, dass der Glaube etwas ist, was auf uns zukommt – wir sind nicht die Schöpfer der Gottesbeziehung, wir machen den Glauben nicht selber, sondern wir finden ihn vor. Wir lassen uns als Christen auf einen Gott ein, dem es wichtig ist, dass wir uns ihm zuwenden – zu unserem Heil. Kardinal Cordes zeigt Beispiele für eine gelungene Gottesbeziehung, Menschen, die sich auf diesen Gott des Christentums eingelassen und so ihr Leben verändert haben – und dadurch Sinn und Erfüllung gefunden haben. Den seligen Charles de Foucauld, der viele Jahre lang ein Leben führte, das an Dekadenz und Tugendlosigkeit kaum zu übertreffen war. Egoismus, Hochmut, Pflichtvergessenheit und Völlerei waren seine ständigen Begleiter. Doch dann kommt er nach Nordafrika und begegnet dem Volk der Berber und ihrem intensiven und konsequenten Gebetsleben. Es sind Moslems, er sympathisiert zuerst – um dann jedoch festzustellen: Hier fehlt die lebendige Beziehung, zu Gott, der „Ja“ zu mir sagt. Foucauld findet sich wieder bei dem Gott Jesu Christi und wird ihm radikal nachfolgen bis zu seinem gewaltsamen Tod.
Die Erfahrung der göttlichen Zuwendung ist das eine, das die Beziehung zu Gott, dem liebenden „Du“ ausmacht, das andere ist aber auch, dass eine solche Beziehung nicht subjektivistisch sein kann und darf. Den Gott, der mir gegenüber steht, habe ich nicht selbst gemacht – er ist nicht mein Geschöpf, sondern ich bin sein Geschöpf. So sehr er mich liebt, so sehr ist er doch auch der andere, der mich formen und verändern will.
Insofern steht Gott gleichzeitig für Nähe und Erhabenheit, für Barmherzigkeit wie Gerechtigkeit. So sehr er sich den Menschen zuwendet, er lässt sich nicht wirklich greifen. Maria Magdalena macht er es in Jesus Christus nach seiner Auferstehung deutlich: „Noli me tangere – halt mich nicht fest!“ Das bedeutet, dass dieser Gott bei aller Liebe zu uns, uns nicht nach dem Mund redet – dies aber wiederum tut er auch aus seiner Liebe zu uns. Denn seine Sorge um Gerechtigkeit will ja nichts anderes, als dass seiner Schöpfung als solcher Gerechtigkeit widerfährt, damit seine Geschöpfe glücklich werden – wie wohl die Freiheit des Einzelnen mit der Möglichkeit zum Bösen das oft verhindert. Eben diese ergriffene Möglichkeit zum Bösen, die Sünde, zerstört die Beziehung des Menschen zu seiner Welt, zu sich selbst oder zu Gott. Vor allem ist dies der Egoismus, die Meinung, es besser zu wissen als Gott. Aber auch, wenn wir uns bessern wollen, fallen wir immer wieder zurück in die Sündhaftigkeit. Doch Gott steht den Menschen hier zur Seite mit seiner Barmherzigkeit und Nähe – er wird aber nicht aufhören, die Sünde beim Namen zu nennen. Er sagt uns: „Wenn Du mit mir gehst, so werde ich Dich in Liebe und mit Verständnis für Deine ganz persönliche Situation begleiten. Allein, verlier dein Ziel nicht aus den Augen und mach nicht das Ungerechte zu etwas Gerechtem, was es eben nicht ist.“
Der Glaube zu Gott ist ein kirchlicher Glaube, um zu verhindern, dass er ins Subjektive abrutscht. Gerade in der Gemeinschaft der Kirche, gemeinsam mit Menschen, die von der Gottesbeziehung erfüllt sind, wird das Böse durch Barmherzigkeit überwindet, um so im Geiste Gottes mehr Gerechtigkeit zu schaffen. Kirche sollte der Ort sein, wo wir gemeinsam in geduldiger Liebe mit unseren Mitmenschen mitgehen und uns gegenseitig im Glauben und im Leben nach diesem göttlichen Willen weiterbringen.
Die Pastoral will den Menschen den Weg zu einer persönlichen Gottesbeziehung ebnen. Deshalb dieses Buch!

Raymund Fobes

Foto: (c) R. Fobes

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