Emil Kiesel und das Beichtgeheimnis

Katholische Priester haben ein geheimnisvolles Charisma. Sie sind in der ununterbrochenen Nachfolge der Apostel geweiht. Sie feiern das hl. Messopfer und spenden die Sakramente. In der Beichte sprechen sie an Christi Statt von den Sünden los und über den Gräbern sprechen sie den letzten Segen. Wie echt dieses Charisma ist, erweist sich in Zeiten der Verfolgung. Dann brauchen die Priester die Kraft zum Martyrium. In der Zeit des Nationalsozialismus und Bolschewismus führten vor allem die Jugendseelsorger einen gigantischen Kampf um die Herzen der Jugend. Deshalb wurden sie von der Geheimpolizei mit großer Härte bekämpft. Es gab Hausdurchsuchungen, Verhöre, Gefängnis und KZ.
Kaplan Emil Kiesel ist ein Zeuge dieses Kampfes. Er ist am 28. August 1910 in Konstanz geboren. Als Priester der Erzdiözese Freiburg wurde er schon 1938 aus seinem Dienstbezirk Konstanz ausgewiesen, weil die Jugendlichen seine begeisternden Predigten den Hitler- Jugendappellen vorgezogen hatten. Das wollte die Gestapo nicht länger hinnehmen. In seinen Reisepass bekam Emil Kiesel den Eintrag „national unzuverlässig“, womit ein Grenzübertritt ausgeschlossen war. Die Gestapo verbot Kiesel den Religionsunterricht in der Schule und suchte einen Verhaftungsgrund. Weil Kiesel statt den politisch geforderten „Hass auf Feinde“ die in der Bibel geforderte „Feindesliebe“ praktizierte, lud er trotz Verbots polnische Gefangene in seine Gottesdienste ein. Als ein Hitlerjunge einen Gefangenen nach einem Gottesdienst anspukte, schritt Kaplan Kiesel ein und gab dem verhetzten Hitlerjungen eine Ohrfeige. Einen Tag später wurde Kaplan Kiesel verhaftet und in das KZ Dachau eingeliefert. Dort hatte er die üblichen Misshandlungen zu erleiden.
Jede Form von Seelsorge für die Häftlinge war im KZ streng verboten, das Abnehmen der Beichte wurde sogar mit der Todesstrafe geahndet. Kaplan Kiesel hörte trotzdem einmal auf Bitten eines Gefangenen dessen Beichte und gab ihm die Lossprechung von den Sünden. Dies hatte das Wachpersonal beobachtet. Daraufhin ging der Lagerführer Zill auf den vormaligen österreichischen Landeshauptmann Horizon zu und sagte: „Du hast gebeichtet. Gesteh es!“
Und der gestand: „Ja, ich habe gebeichtet.“ Nun wandte sich der SS-Mann Zill an Kaplan Kiesel und sagte: „Ich will wissen, was der gebeichtet hat!“ Und Kiesel: „Herr Lagerführer, Sie wissen, dass ein katholischer Priester nicht sagen darf, was ihm die Leute gebeichtet haben.“ Darauf schrie der Lagerführer: „Was geht das mich an? Ich will wissen, was der gebeichtet hat!“ Und Kaplan Kiesel: „Herr Lagerführer, ich kann das nicht sagen“ Darauf nimmt der Lagerführer seinen Revolver aus der Halterung, entsichert die Waffe, hält sie dem Kaplan direkt an die Stirn und fordert mit letzter Entschlossenheit: „Sagst Du jetzt, was der gebeichtet hat!“ Emil Kiesel auf den Tod gefasst – schaut den SS-Mann an und spricht: „ Herr Lagerführer, es ist schrecklich in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Und das Unglaubliche geschieht – langsam zieht sich die Hand des SS-Mannes zurück und sinkt. Offenbar hat die Antwort des Priesters sogar diesen harten SS-Mann beeindruckt, so dass Kiesel am Leben blieb. Wenige Tage vor dem Ende des Krieges wurde Emil Kiesel zusammen mit mehreren Gefangenen aus dem KZ entlassen. Er wurde wieder Seelsorger. Als Pfarrer und als Dekan fand er bald wieder den alten Schwung und die Begeisterung für seinen Beruf. Am 19.Mai 1990 ist er eines natürlichen Todes gestorben. Eine große Trauergemeinde stand dankbar an seinem Grab.

Eduard Werner

Quellen: Eugen Weiler: Die Geistlichen in Dachau. Missionsdruckerei St. Gabriel, Mödling,
Archivalien des Badenia-Verlages Karlsruhe.

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