Eine trostreiche Nachricht für die ganze Menschheit »Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott« (Jes 40, 1).

Mit dieser Aufforderung beginnt das sogenannte »Buch der Tröstungen«, in dem der Zweite Jesaja dem Volk im Exil die freudige Nachricht von der Befreiung verkündet. Die Zeit der Bestrafung ist vorüber; das Volk Israel kann vertrauensvoll in die Zukunft blicken, denn endlich erwartet es die Rückkehr in die Heimat.
Diese frohe Botschaft gilt auch uns. Im Grunde genommen sind wir alle Wanderer auf dem Weg. Das Leben ist ein langer Weg, auf dem jeder Mensch auf seiner Pilgerreise zum Absoluten mühevoll nach einer festen und sicheren Bleibe sucht. Im Laufe der Zeit erkennt er, dass er diese Wohnstatt hier auf Erden nicht finden kann. Unsere wahre und endgültige Heimat ist der Himmel. Der Verfasser des Hebräerbriefs schreibt hierzu: »Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehenbleibt, sondern wir suchen die künftige« (Hebr 13, 14).
In dieser Perspektive betrachtet, ist das Wort des Propheten besonders trostreich. Er versichert uns, dass Gott mit uns geht: »Tröstet, tröstet mein Volk […] Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen« (Jes 40, 1.5). In der Nacht von Betlehem hat sich das Wort Gottes zu unserem Weggefährten gemacht; es hat unser Fleisch angenommen und war bereit, unser Menschsein bis auf den Grund zu teilen. Im Glauben können wir somit den ganzen Bedeutungsreichtum des Wunsches »Tröstet, tröstet mein Volk!« erfassen.
Hören wir nun wieder die Worte des Propheten. Er hilft uns, die frohe Botschaft, die das Geheimnis der Weihnacht zu den Menschen aller Zeiten und Kulturen bringt, besser zu verstehen. Die Geburt Christi ist eine trostreiche Nachricht für die ganze Menschheit.
Ja, »dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen« (Jes 40, 5). Wir alle können sie betrachten und von ihr erleuchtet werden. Angesichts dieser Herrlichkeit, so fährt der Prophet fort, »ist alles Sterbliche wie Gras, und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld« (Jes 40, 6).
Die Herrlichkeit Gottes und die Herrlichkeit der Menschen: Gibt es etwa eine menschliche Herrlichkeit, die mit der göttlichen vergleichbar wäre? Gibt es eine irdische Macht, die mit dem Herrn in Wettstreit treten könnte? Auch die Großen der Erde, wie Nebukadnezzar, Darius und Kyrus, sind »wie das Gras«, wie die Blume, die »verwelkt, wenn der Atem des Herrn darüberweht« (Jes 40,7).
Nichts kann Gott widerstehen. Nur Er – mit seiner Allmacht – regiert das All und leitet die Geschicke der Menschen und der Geschichte. Richten wir unseren Blick auf das vor kurzem zu Ende gegangene Jahrhundert und auf unsere heutige Zeit: Wie hinfällig waren doch jene Mächte, die anderen ihre Herrschaft aufzwingen wollten! Und wenn Wissenschaft, Technik und Kultur den Anspruch auf Allmacht erheben, stellen sie sich letztendlich ebenfalls als Gras heraus, das schnell verdorrt, als Blume, die vertrocknet und stirbt.
Im Herzen jedes Menschen sollen diese Worte des Propheten erklingen, die wir gemeinsam aufs neue gehört haben. Sie beeinträchtigen die menschliche Freiheit nicht, im Gegenteil: Sie wird durch sie bereichert, weil sie auf den Weg einer wahrhaften Entfaltung des Menschen geführt wird. Die Universitätsseelsorge, die die Kirche mit Umsicht und Sorgfalt in den Einrichtungen für Studium und wissenschaftliche Forschung fördert, bietet in dieser Hinsicht eine wichtige Hilfestellung.
Ich denke an meine persönlichen Erfahrungen im Bereich der Universität zurück. Aus dem täglichen Kontakt mit Studenten und Professoren habe ich gelernt, dass eine ganzheitliche Bildung vermittelt werden muss, die dazu geeignet ist, die jungen Menschen auf das Leben vorzubereiten: eine Unterweisung, die sie dazu erzieht, ihre Rolle in Familie und Gesellschaft verantwortungsbewusst anzunehmen, und dies mit einer nicht nur beruflichen, sondern auch menschlichen und geistlichen Kompetenz. Aus diesen Jahren, die mich nachhaltig geprägt haben, zog ich nützliche Lehren, und ich habe versucht, sie im Aufsatz über christliche Ethik, Liebe und Verantwortung und in dem Theaterstück über die Ehe „Der Laden des Goldschmieds“ weiterzugeben.
Kommen wir erneut auf den Text des Propheten zurück, den uns die heutige Liturgie vorstellt. Es ist ein äußerst bedeutungsreicher Textabschnitt, der dem entmutigten Volk ankündigt: »Seht, Gott, der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm« (Jes 40, 10). Die Allmacht Gottes ist, wie wir im Weihnachtsgeheimnis besser verstehen werden, von Zärtlichkeit und Barmherzigkeit durchdrungen. Es ist eine Macht der Liebe, die sich besonders den Schwachen und Geringen widmet.
Das soeben vorgetragene Kapitel aus dem Evangelium hilft uns, diese Botschaft der Hoffnung noch tiefer zu erfassen. Der Hirte, von dem Jesus spricht, lässt neunundneunzig Schafe auf den Bergen zurück, um nach dem verirrten Schaf zu suchen (vgl. Mt 18, 12-14). Gott betrachtet die Menschheit nicht als anonyme Masse, sondern er verweilt bei jedem einzelnen und kümmert sich um jeden persönlich. Christus ist der wahre Hirte, der mit seiner Hand die Herde versammelt: »Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam« (Jes 40, 11).
Besonders aussagekräftig ist das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Im Unterschied zu anderen Tieren, wie beispielsweise dem Hund, findet das Schaf nicht allein nach Hause und bedarf der Führung durch den Hirten. So sind auch wir: unfähig, uns mit unseren eigenen Kräften zu retten. Wir brauchen das Wirken vom Himmel, und an Weihnachten geschieht dieses Wunder der Liebe: Gott ist einer von uns geworden, um uns behilflich zu sein, den Weg zur Glückseligkeit und zum Heil wiederzufinden.

Predigt vor den Angehörigen der römischen Universitäten am Advent 2002 des Hl Papstes Johannes Paul II.

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