50 Jahre Biesdorfer Jesuitenprozess in der „DDR“.

Franz Werfel charakterisiert den Nationalismus und den Kommunismus als die beiden großen Pseudoreligionen des 20. Jahrhunderts, die keine echte Religion neben sich dulden. Beide Systeme kämpfen mit brutalsten Mitteln nur für das Diesseits und nur für ihre Rasse bzw. für ihre Klasse, während eine echte Religion für das Wohlergehen aller Menschen im Diesseits und im Jenseits sorgen will. Diesen Zusammenhang zeigt der berüchtigte Prozess der „DDR“ gegen vier Jesuiten vor dem Landgericht Frankfurt an der Oder. Am Abend des 22. Juli 1958 besetzten Polizisten die Niederlassung der Jesuiten in Biesdorf bei Berlin und durchsuchten das Haus die ganze Nacht hindurch. Sie fanden Gebetbücher, philosophische Schriften und 47 DM. Am Morgen wurden die Patres verhaftet. Angeklagt wurden die vier Jesuiten Robert Frater, Joseph Menzel, Wilhelm Rüther und Joseph Müldner, weil sie angeblich für den „Westen“ Spionage betreiben würden, weil sie religiöse Schriften aus dem Westen besaßen, weil sie westliche Radiosender gehört hatten und weil sie Fluchtwilligen aus dem „Arbeiter- und Bauernparadies“ Tipps gegeben hätten, wie man in den Westen gelangt. Letzteres erfüllte den Straftatbestand der Abwerbung und der Beihilfe zur Republikflucht. Die Anklage sollte eine abschreckende Wirkung in der Öffentlichkeit entfalten.
Der Hauptangeklagte war wohl P.Robert Frater. Er stammte aus einer katholischen Familie in Schlesien. Den von seiner Jugend her gewohnten Zusammenhalt mit seinen zahlreichen Geschwistern übertrug er auf die Gemeinschaft seiner geistlichen Mitbrüder und auf seine Gemeinde. 1935 trat er in den Jesuitenorden ein. 1939 musste er Soldat werden. In Sowjetrussland wurde er durch einen Kopfschuss schwer verwundet, woran er sein Leben lang zu leiden hatte. 1941 wurde er wie alle anderen Jesuiten auf einen Geheimbefehl Hitlers hin aus der Wehrmacht entlassen. Der Diktator fürchtete offenbar, dass die Soldaten von den Jesuiten beeinflusst werden könnten. Nun konnte Robert Frater seine Studien abschließen und 1945 die Priesterweihe empfangen. Ab 1949 war Frater als Seelsorger in der damaligen „DDR“ eingesetzt, wo offiziell der Dialektische Materialismus gelehrt wurde. Dagegen wehrten sich die Christen mit philosophischen Argumenten und auch mit plausiblen praktischen Beispielen. „Die Welt braucht zur Erklärung ihrer Existenz den unbewegten Beweger.“ Nicht einmal eine Schreibmaschine könne sich selbst konstruieren. Lehrer und Priester, die den Dialektischen Materialismus ablehnten, wurden von der Geheimpolizei überwacht und verfolgt. Zu den Verfolgten gehörten neben den Jesuiten viele Tausende von Bewohnern der „DDR“. Religionsfreiheit, Reisefreiheit und Informationsfreiheit waren in der roten und in der braunen Hölle gleichermaßen verboten.
Wie es in Diktaturen nicht selten vorkommt, stand die Verurteilung vorher schon fest. Das Urteil wurde am 20.12.1958 verkündet. Robert Frater erhielt vier Jahre und vier Monate Zuchthaus, die Angeklagten Menzel und Rüther wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Pater Joseph Müldner wurde aus der Haft entlassen. Die Zuchthausstrafe für Robert Frater stellte sich als unmenschlich heraus: Drei Jahre Isolationshaft in einer ungeheizten Zelle. Der einzige menschliche Kontakt bestand zum Zuchthauswärter, der die spärlichen Mahlzeiten durch die Luke schob. Robert Frater durfte in all den Jahren auch keine hl. Messe feiern. Was kann ein Priester in dieser totalen Isolation und bei Hunger und Kälte machen? – Er konnte wohl nur stumm beten und grenzenlos auf Gott vertrauen. Nach drei Jahren war er sterbenskrank. Da er nicht im Zuchthaus sterben sollte, kam er in ein Krankenhaus nach Westberlin, da damals die Stadt noch nicht völlig geteilt war. Der Mauerbau am 13.August 1961 teilte jedoch Berlin und Robert Frater war plötzlich gerettet. Er konnte nach seiner Genesung nach Westdeutschland ausgeflogen werden und dort wieder als Seelsorger arbeiten. 1987 starb er in Nürnberg. Er hatte in seinem Leben den braunen Terror und auch den roten Terror kennen gelernt. Dennoch hat er über sein Schicksal nie geklagt.

Eduard Werner

Quellen: Aufzeichnungen Dr. C. Brodkorb SJ München
„ Jürgen Antlitz, Rodgau

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