Zur Politik von Zeitungen mit Leserbriefen

Zeitungen lassen mit Leserbriefen ihre Bezieher zu Wort kommen – besonders solche, die ihre politische Linie unterstützen. Ein Beispiel dafür ist die „Schwäbische Zeitung“, einstmals „Unabhängige Zeitung für christliche Kultur und Politik“.
Mit Datum vom 27.11.2017 war als „Zitat des Tages“ folgender Text abgedruckt: „Wir wollen, dass jede Biene, jeder Schmetterling und jeder Vogel weiß: Wir werden uns weiter für sie einsetzen!“ Unter dem Text ein Bild mit der Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt mit der Unterschrift „Göring-Eckardt will, dass sich ihre Partei weiterhin auf ökologische Kernthemen konzentriert“.
Annelies und Prof. Hans B. schrieben dazu folgenden Leserbrief: „Als Fraktionsvorsitzende möchte Frau Göring-Eckardt ‚dass jede Biene, jeder Schmetterling und jeder Vogel weiß“, dass sich die Grünen ‚weiter für sie einsetzen‘. – Demzufolge wäre es nur konsequent, wenn die Grünen in ihren Artenschutz auch den Menschen von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod einbeziehen würden – dann wäre ihre politische Grundlage doch einigermaßen stimmig. – Nur sollte Frau Göring-Eckardt auch wissen, dass bislang alle Ideologien gescheitert sind, welche ein gottfreies Paradies auf Erden schaffen wollten“.
Dieser Leserbrief wurde nicht abgedruckt. Eine Antwort erfolgte erst nach folgenden Reklamationsschritten:
a.) „eine Mail-Rückfrage vom 4.12.2017 blieb unbeantwortet
b.) mehrmalige Direktanrufe an den Redakteur landeten nach Warteschleife regelmäßig im Call-Center mit der Frage, wen man denn sprechen wolle;
c.) erst beim Direktanruf von einem der Redaktion bis dato unbekannten Telefonanschluss erfolgte eine direkte Gesprächsverbindung – d.h., mein Telefon ist bei der Redaktion automatisch auf ‚Abweisung‘ geschaltet.
d.) Leserbriefe mit Grün-kritischen Themen wurden auch in der Vergangenheit regelmäßig abgewiesen: 11.12.2015 Toleranz – eine beliebige Größe? / 22.7.2015 Bildungsplan 2015/16 – ohne Sex? / u.a.“
Als der Leserbriefschreiber den Politredakteur schließlich doch erreichte, bekam er folgende Antwort: „Sehr geehrter Herr Prof. B., es tut mir sehr leid, dieses Mal können wir Ihren Leserbrief nicht abdrucken. Sollten Sie jedoch zu einem anderen Thema einen Leserbrief schreiben wollen, können Sie dies gerne tun. Dann werden (wir) ihn berücksichtigen (so wie in der Vergangenheit bereits mehrfach geschehen). Mit freundlichen Grüßen, ein schönes Wochenende, Politredakteur/Assistent der Chefredaktion.“
Natürlich hat kein Leserbriefschreiber ein Recht auf Abdruck. Zeitungsleser sollten aber wissen, dass sie gelegentlich instrumentalisiert werden, weil Redakteure nicht einen „Informationsauftrag“ sondern einen „Meinungsbildungsauftrag“ als ihre Aufgabe ansehen.

Hubert Gindert

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2 Antworten auf Zur Politik von Zeitungen mit Leserbriefen

  1. Willkommen in der Realität! Verzeihung, aber in Zeiten, in der die Existenz eines politisch-medialen Komplexes bereits offen in der FAZ erörtert wird (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/regierungsstil-merkels-neue-kleider-14212048-p5.html?printPagedArticle=true#pageIndex_4) ist die „Entdeckung“, dass die Presse politisch ausgerichtet ist und unbequeme Leserzuschriften schlicht ignoriert, alles andere als sensationell.

  2. Mathias Wagener sagt:

    Das ist ganz typisch für Leserbriefe, wobei mitunter auch Ausnahmen gemacht werden. Die in christlichen Funktionen agierende Grüne führt im Übrigen aus, was nicht stimmt. Die Naturschützer waren als Türöffner bei den Grünen früher gut gebraucht worden, wurden aber politisch schnell kalt gestellt. Dass die grünen auch Vögel usw. opfern für ihre dogmatischen Ziele, zeigt sich an ihrer rabiaten Durchsetzung der Windanlagen, die bekanntlich vogelgefährdend sind (unter vielen anderen negativen Gesichtspunkten und von der Ineffizienz ganz zu schweigen). Leserbriefe sollen schon die vorgegebene Richtung des jeweiligen Blattes (wobei die richtungen beim Mainstream kaum differieren) unterstreichen. Das ist das Ziel der Meinungsmacher.

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