„Denn meine Augen haben das Heil gesehen“. Die Weisheit des Alters und „Mariä Lichtmess“

Im liturgischen Kalender, der bis 1970 gültig war, endete die Weihnachtszeit mit dem Fest „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar. In manchen Kirchen und Familien ist es heute noch üblich, die Krippe bis zu diesem Datum stehen zu lassen.
Wenn auch „Mariä Lichtmess“, das heute aufgrund des Namens „Darstellung des Herrn“ mehr als Christus- denn als Marienfest gilt, seit der Liturgiereform nicht mehr offiziell zur Weihnachtszeit gehört, so ist es doch mit dem weihnachtlichen Geschehen eng verbunden – steht das Fest doch im Zusammenhang mit der Geburt Jesu: Genau 40 Tage nach der Niederkunft des Gottessohnes zieht die Heilige Familie zum Tempel von Jerusalem, weil dort Maria ein Reinigungsopfer darbringen musste, wie es das mosaische Gesetz forderte.
Das Evangelium des Tages (Lk 2, 21-27) lenkt den Blick auf zwei betagte Personen, denen die Heilige Familie begegnet. Zum einen ist dies der weise Simeon, zum anderen die Prophetin Hanna. Simeon war extra in den Tempel gekommen, um das Jesuskind zu sehen, denn ihm war verheißen worden, dass er noch zu Lebzeiten dem Messias begegnen werde. Er nimmt das göttliche Kind auf den Arm und spricht einen Lobpreis, der einer der wichtigsten Texte des Breviergebetes ist: das sogenannte „Nunc dimittis“, das im kirchlichen Nachtgebet, der Komplet, seinen festen Platz hat.
Die zentrale Aussage dieses Gebetes ist: „Nun kann ich, Simeon, in Frieden scheiden, denn ich habe den Messias gesehen“ (vgl. Lk 2,29f). Simeon kann getrost sterben, denn seine Lebensaufgabe ist erfüllt – er hat den Herrn gesehen.
Eine Besinnung auf den Lebensabend und den Tod gehört zur Komplet, wie es das Segensgebet am Ende formuliert: „Eine ruhige Nacht und ein seliges Ende gewähre uns der allmächtige Herr.“ Und so ist der Betende in der Komplet am Abend eingeladen, zu fragen: Bin ich heute wie Simeon zu Jesus Christus hingegangen? Halte ich meine Sehnsucht nach ewigem Heil wach? Dies soll ich aber nicht nur für den Abend reflektieren, diese Fragen sollen das Leben als Ganzes bestimmen. Denn wenn ich wie Simeon das ewige Heil jeden Tag neu ersehne, gehe ich auch auf ein seliges Ende zu.
Doch gehört dazu auch die Bereitschaft, so manches Kreuz auf sich zu nehmen. Der von Simeon ersehnte Heilsbringer Jesus Christus ist auch „Zeichen, dem widersprochen wird“. Der Gottesmutter, die sich ganz und gar auf ihn eingelassen hat, wird nach Simeons Worten „ein Schwert durch die Seele dringen“. Simeon prophezeit, dass mit Christus das Heil gekommen ist, aber das bedeutet nicht, dass nun eitel Sonnenschein herrscht. Unsere Situation ist zwar die, dass uns das Heil gegeben ist – gleichwohl erfordert es Anstrengungen, Entbehrungen und die Bereitschaft, sich gegen den Strom zu stellen. Im letzten ist das aber nur möglich durch die Bereitschaft der ehrlichen Umkehr. Wer den Weg Jesu, im „Zeichen des Widerspruchs“ als den rechten Weg anerkennt und annimmt, der muss oft auch aus eingefahrenen Wegen ausbrechen und liebgewordene Gewohnheiten ablegen. Diese Neuorientierung, die aber auch zu einer ganz neuen Erfahrung von Erfüllung und Freiheit – von mancher Anhänglichkeit – führen kann, befähigt dazu, in der Nachfolge Christi „Zeichen des Widerspruchs“ zu sein. Und eben jene Bereitschaft zur Umkehr vermag auch andere dazu bewegen, sich Christus, dem Zeichen, dem widersprochen wurde, zuzuwenden. Um aber diese Haltung zu leben und um andere für sie zu überzeugen, braucht es vor allem Weisheit – und zwar jene Weisheit, dass oft der schwierigere Weg der bessere ist. Gerade da hat, so meine ich, die ältere Generation, die schwere Zeiten durchlebt und bewältigt hat, der jüngeren viel zu sagen. Aus dieser Perspektive kann man den weisen Simeon als jemand betrachten, der sich über das Heil, das in Christus gekommen ist, wirklich freut – der aber auch darum weiß, dass der Weg zu diesem Heil nicht ohne Entbehrungen möglich ist. Dafür gibt auch die betagte Prophetin Hanna ein Zeugnis. Sie war täglich im Tempel und fastete und betete. Gerade das ist beispielhaft für ein Leben hin auf Christus, das Heil. Fasten und Beten bedeuten doch in erster Linie: sich nicht ablenken zu lassen und sich so ganz auf Gott zu konzentrieren. Und auf diese Weise auch die Freude am Herrn zu spüren, denn Hanna „pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (vgl. Lk 2, 38).
So führt Mariä Lichtmess am Ende auch zur Fastenzeit hin, die in diesem Jahr Mitte Februar beginnt: Um sich der Bedeutung des Heils in Christus wirklich bewusst zu werden sind Fasten – Verzicht – und Beten unentbehrlich.

Raymund Fobes

Bild: (C) R. Fobes

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