Reformer und Wegbereiter in Kirche und Welt: Georges Lemaitre 1896 – 1965

Die Erforschung der Erde und des Universums geschah weitgehend im jüdisch-christlichen Kulturbereich. In der Genesis, dem ersten Buch der Bibel, steht: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde aber war wüst und leer. Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach, es werde Licht und es ward Licht.“
Der heutige Leser der Genesis denkt an dieser Stelle unwillkürlich an die Urknall-These des Physikers und Astronomen Georges Lemaitre aus Belgien. Er war Priester und steht in der Tradition kirchlicher Gelehrter wie des großen Kalenderreformers Papst Gregor XIII. mit seinem Ratgeber Aloisius Lilius sowie des Domherren Nikolaus Kopernikus oder des Erforschers der Vererbung, des Paters Gregor Mendel.
Lemaitre wollte ursprünglich Bergbau-Ingenieur werden. Als zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 das deutsche Militär in Belgien einfiel, meldete sich Lemaitre freiwillig zur Verteidigung seines Landes. Dort erhielt er auch Tapferkeitsauszeichnungen. Nach dem Krieg studierte er Physik, Mathematik und Theologie. 1923 wurde er zum Priester geweiht. Den Priesterberuf übte er jedoch nur nebenamtlich aus. Sein Bischof, Kardinal Mercier, erkannte die Begabung des jungen Priesters und stellte ihn für die wissenschaftliche Arbeit frei. Dennoch legte Lemaitre Wert auf ein spirituelles Leben. Jedes Jahr machte er zehntätige Schweige-Exerzitien und schloss sich der Bruderschaft der „Amis de Jesus“ an. Er wurde mit einer Doktorarbeit in Mathematik promoviert. Dann wurde er rasch Professor für Mathematik und Physik an der Katholischen Universität in Löwen. Schließlich ließ er sich zu einem Studienaufenthalt in den USA beurlauben. Dort beschäftigte er sich mit Albert Einsteins Relativitätstheorie. Bei seinen Studien konnte Lemaitre schließlich nachweisen, dass je weiter ein Objekt von uns entfernt ist, desto stärker ausgeprägt die Rotverschiebung von Spektral-Nebeln ist, das heißt, es muss eine Proportionalität zwischen Geschwindigkeit und Entfernung geben. Diese Erkenntnis wurde später fälschlicherweise „Hubbles Gesetz“ genannt. In Wahrheit hat Lemaitre dieses Gesetz schon zwei Jahre vor Hubble publiziert – aber nur in einer französischsprachigen Zeitschrift. Das fand daher kaum Beachtung, weil die Wissenschaftssprache damals schon Englisch war.
Lemaitre verglich seine Beobachtung mit Einsteins Thesen und erkannte: „Das Universum kann nicht statisch sein. Entweder muss es schrumpfen oder es muss sich ausdehnen.“ Lemaitre vertrat nach verschiedenen Beobachtungen die These von der Ausdehnung des Universums. Er kam zu dem Schluss: „Wenn sich das Universum ausdehnt, dann muss es einmal kleiner gewesen sein – unvorstellbar klein – ein kosmisches Ur-Atom. Von diesem Ur-Atom muss eine gewaltige Explosion ausgegangen sein. Der Beginn der Ausdehnung ist der Beginn der Zeit und auch der Beginn der Materie.“ Man könnte den Urknall als Schöpfungsakt betrachten. Einstein war begeistert, als Lemaitre diese These in Pasadena vortrug. Anderen Physikern war Lemaitres These zu nahe am biblischen Schöpfungsakt. Wer nicht glauben will, der glaubt offenbar auch dann nicht, wenn er sieht. Lemaitre hat bewirkt, dass die Kirche heute den Glauben und die Naturwissenschaft unabhängig voneinander erforscht. Ob der Urknall so gewaltig war, oder nur der Beginn einer langsamen Entwicklung, ist zweitrangig. Jedenfalls hat Lemaitre ein neues Weltbild geschaffen. 

Quellen: Helmut Hirtz: Die Wiege des Abendlands, Verlag Sabat 2015; Elke Worg im Bayer. Rundfunk BR II am 3. September 2017.

Eduard Werner

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