Wenn du Gott suchst

Einst lebten Menschen auf einer Insel, die von einem weiten Meer umschlossen war. Diese Insel war ihnen zur gewohnten Heimat geworden. Sie hatten sich dort häuslich eingerichtet. Sie aßen, tranken, arbeiteten, schliefen, heirateten und bekamen Kinder, denen sie ihre Insel weiter vererbten.
Eines Tages verbreitete jemand eine aufregende Kunde: „Irgendwo weit hinter dem Meer gibt es ein unvergleichbar schöneres Land. Dort lebt ein gütiger und mächtiger König, der allen ein Höchstmaß an Glücklichsein verspricht. Um dorthin zu kommen muss man allerdings über die Weiten des großen Meeres fahren. Jeder Mensch, in dessen Herz Vertrauen, Liebe und Güte wohnen, kann es finden.
Diese Kunde wurde von den Menschen sehr verschieden aufgenommen. Einige sagten: „Seit ich lebe, kenne ich nur ein riesiges, unendliches Meer, das unser Land umgibt. Ich kann daher dieser Behauptung keinen Glauben schenken und bleibe lieber, wo ich bin. Da weiß ich, was ich habe.“ Andere waren ihrem Reichtum und ihren Vergnügungen verfallen. Daher konnten sie den Gedanken nicht ertragen, diese Annehmlichkeiten aufgeben zu müssen. „Wir leben nur einmal“, dachten sie. „Also essen und trinken wir und wollen es uns gut gehen lassen!“
Andere spürten instinktiv eine Gefahr, die von dieser Kunde für ihre bisherige Machtposition ausging. „Es wird höchste Zeit“, sagten sie zu einander, „dass wir entschlossen und notfalls mit Gewalt gegen diese staatsgefährdende Meinungsmache vorgehen.“ Sie fingen an, jeden Glauben an diese Kunde bei den Menschen von Anfang an zu zerstören.
Wieder andere bewahrten die froh machende Nachricht in ihrem Herzen. Ihr Denken fand keine Ruhe mehr. Sie fingen an, in ihr Leben Liebe und Güte einzubringen. Opfer, Nachteile und Widerstände schreckten sie nicht ab. Trotz Spott und Bedrohung seitens ihrer Mitwelt wagten sie den Aufbruch und verließen mit einem Schiff die Insel.
Und siehe, als sie im Glauben und Vertrauen an das Versprechen des fernen Königs in die unbekannten Weiten des Meeres hinausfuhren, fiel es ihnen immer mehr wie Schuppen von den Augen. Jeden Tag wurde ihre Gewissheit größer, ihr Kurs sicherer, ihr Ziel greifbarer.“
Leben die Menschen in unserer Gesellschaft nicht in einer vergleichbaren Situation? Wenige können sagen, dass sie noch nie etwas von der Frohen Botschaft gehört haben, die Gott in Christus allen Menschen übermittelte. Und doch – wie verschieden wird diese Botschaft aufgenommen! Die einen sagen: „Wir glauben nur, was wir wahrnehmen. Alles andere sind fromme Märchen.“ Die Reichen und Mächtigen denken an die Vorteile ihres Leben innerhalb des etablierten gesellschaftlichen Systems und haben Angst, ihre weltanschaulichen Positionen aufgeben zu müssen. Andere bezeichnen Güte und Liebe als charakterliche Schwachheit und verharren in Egoismus, Herzlosigkeit und sündigem Tun. Nur eine kleine Gruppe von Menschen denkt über den wahren Sinn und das Ziel des Lebens und über die Botschaft des Evangeliums nach und vertraut darauf.
Es ist eine alte Erfahrung: „Wer Gott sucht, der findet Ihn auch.“ Suchen heißt zunächst einmal, sich auf den Weg machen und den Aufbruch wagen. Gott finden wird jeder, der Ihn ehrlichen Herzens darum bittet und auf der Suche nach dem Ziel seines Lebens sich Christus anschließt, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Wagen, glauben, vertrauen – so musst du beginnen, wenn du Gott suchst.
Aber immer weniger Menschen wollen Gott suchen. Wir hasten von einem Tag zum andern. Unser Denken, Tun und Trachten ist belegt von der Suche nach irdischen Annehmlichkeiten, Reichtümern, Erfolgen, Ehrungen und persönlichem Wohlergehen. Wir nehmen dies so ungemein wichtig. Aber warum suchen wir nicht ebenso nach Gott? Ist Er uns weniger wichtig? Gott drängt sich nicht auf. Er ist ein verborgener Gott. Aber Er wirbt mit größter Liebe um unsere Aufmerksamkeit. Er wartet darauf, dass wir Ihn suchen und dann auch finden.
Aber wie kannst du ihn suchen? Es gibt ungezählte Möglichkeiten. Geh offenen Herzens in die Natur. Lass die kunstvolle Gestaltung und Schönheit einer Blume auf dich wirken. Betrachte den Flug der Schwalben, die Farbenpracht eines Schmetterlings, die sinnvolle Konstruktion eines Spinnennetzes, Blütenstaub-wolken, die der Befruchtung dienen. Man könnte endlos aufzählen. Gottes Schöpfung ist wunderbar. Und dahinter verbirgt sich Gott. Geh auf die Suche, um deine Sinne zu öffnen, nachzudenken und zu staunen.
Vielleicht wendest du dich einem hilfsbedürftigen Menschen zu. Hilf ihm aus seiner Not. Nimm ihn bei der Hand, schau in seine Augen. In der Begegnung mit der Seele deines Mitmenschens erlebst du ein Ahnen von der Größe Gottes, der diese Seele erschaffen hat. Oder denke über dich selbst nach. Wie kommt es, dass du da bist? Woher kommst du? Wohin zielt dein Leben? Wer hat bewirkt, dass es dich gibt? Gott hat auch dich erschaffen, einfach, weil Er dich wollte und weil Er dich liebt. Und nun wartet Er, dass du Ihn suchst, dass du Ihn findest, dass du Verbindung zu Ihm aufnimmst.
Der tiefe Sinn des Lebens ist es, Gott zu suchen. Der tiefe Sinn des Sterbens ist es, Gott ganz und für immer gefunden zu haben.

Reinhold Ortner

Eines Tages wollte der Enkel von Rabbi Baruch mit anderen Kindern Verstecken spielen. Er wusste ein besonderes Versteck und dies war sein großes Geheimnis. Er verbarg sich also dort und wartete voll gespannter Freude darauf, dass die anderen ihn entdecken würden. Als er lange ausgeharrt hatte, kam er wieder aus dem Versteck hervor. Jedoch seine Freunde waren nirgends zu sehen. Da wusste er, dass sie ihn überhaupt nicht gesucht hatten. Er ging betrübt zu seinem Großvater und klagte ihm seine Enttäuschung. Dieser strich ihm über das Haar und sagte:
„Siehst du, mein Junge, so geht es auch Gott. Er verbirgt sich. Aber keiner will Ihn suchen.“

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