Unsere Kultur neu entdecken und wertschätzen!

Zuerst eine alte Geschichte:
Im Jahr 476 n.Chr. hat der germanische Söldnerführer Odoaker den letzten römischen Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt. Damit endete die letzte Epoche des Weströmischen Kaiserreichs. Odoaker verlangte vom römischen Senat, dass die kaiserlichen Insignien nach Byzanz, d.h. nach Ostrom, geschickt wurden. Das war das Zeichen des auch formalen Endes einer 800jährigen ruhmreichen Vergangenheit, in der Rom Hauptstadt (caput mundi) des Römischen Weltreichs war.
Der Senat, der sich noch immer versammelte, um die Entscheidungen des jeweiligen Machthabers formal abzusegnen, betrachtete den Vorgang als einen gewöhnlichen Verwaltungsakt. Ein solches Verhalten der Senatoren gegenüber einem welthistorischen Vorgang ist bezeichnend. War doch der Römische Senat jene Einrichtung, welche die Autorität des Römischen Weltreiches verkörperte. Aber 476 raffte sich keiner der Senatoren zu einem Nachruf auf die einstige Größe Roms auf.
Dieses Imperium Romanum war trotz seiner Schwächen und Fehler ein großartiges Reich. In dem die Pax Romana den Frieden sicherte und den Bewohnern, woher sie auch kamen, Aufstiegsmöglichkeiten in die höchsten Ämter gab, wenn sie bereit waren, sich die Errungenschaften einer großen Kultur anzueignen.
Nur einer empfand die Tragik der Katastrophe, die im Untergang Roms lag und drückte seine Empfindungen in Worten aus. Es war kein gebürtiger Römer, sondern ein geborener Gallier, wahrscheinlich aus Narbonne. Er hieß Rutilius Numancius, kam aus der Verwaltung, war Präfekt in der Toskana und in Umbrien. Bevor er in seine Heimat zurückkehrte, wollte er seine Dankbarkeit gegenüber Rom, das aus ihm einen zivilisierten, gebildeten Menschen gemacht hatte, zum Ausdruck bringen. Vielleicht ist sein Buch „Über die Rückkehr“ ein letztes großes Werk in klassischem Latein. Dort heißt es u.a.:
„Höre, schönste Königin einer Welt, die du zu deiner gemacht hast.
Rom, Mutter der Menschen und Götter, höre im gestirnten Himmel: Wir sind nicht fern vom Himmel, wenn wir uns in deinen Tempeln befinden. Du spendest deine Gaben an die Strahlen der Sonne, überall wo der Ozean uns umspült.
Du hast aus unterschiedlichen Völkern eine Heimat gemacht. Wer kein Gesetz hatte, ist zu deinem Schuldner geworden, weil du Menschen zu Bürgern und das, was nur ein Globus war, zu einem Gemeinwesen gemacht hast.“
Und wir heute? Die Frage heute ist, ist uns bewusst, in welch großartiger Kultur wir leben, die sich in den vergangenen tausend Jahren in Europa in Musik, Literatur, Malerei und Baukunst entfaltet hat? Haben wir noch Bezug und eine innere Bindung zu ihr? Oder ist unser Verhältnis zu ihr, wie zu weit entfernten Verwandten, deren fehlende Nähe wir nicht vermissen?
Ein Nichteuropäer, der jüdische Prof. Joseph Weiler aus den USA, hält den Europäern fehlende Wertschätzung, ja Abneigung und sogar Hass auf die eigene Kultur vor.
Wenn wir zu den Wurzeln zu unserer christlich geprägten Kultur nicht zurückkehren, so hat das auch Konsequenzen. Wir können von Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen, nicht erwarten, dass sie sich in unsere Kultur integrieren, wenn wir sie selber nicht mehr wertschätzen. Unsere Kultur ruht auf einem christlichen Fundament, deswegen ist die Rückkehr zum Christentum auch für die Erhaltung der Kultur entscheidend. Erzbischof Dyba sagte vor rund 20 Jahren: „Wir sind im freien Fall und überlegen: Wie schaffen wir es, dass das Ganze trotzdem funktioniert? Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wenn die Entwicklung so weitergeht: Entweder unsere Gesellschaft verfällt in eine politische Barbarei oder aber sie erkennt, dass sie zu unserem gemeinsamen Fundament, zum Christentum zurückehren muss. Die dritte Möglichkeit ist, dass der Islam uns überrennt.“ („Der Spiegel, 22.12.1997, zitiert nach Tagespost 30.12.2017). Der englische Dichter T.S. Eliot hatte bereits vor Dyba prognostiziert: „Sollte das Christentum verschwinden, so verschwindet die gesamte Kultur … Wir müssen durch Jahrhunderte der Barbarei gehen …“.
Sollten wir Europäer unsere Kultur nicht wieder entdecken, z.B. in Kirchen, in einem Konzert, im Besuch von Museen und wieder wertschätzen und weiterentwickeln?

Hubert Gindert

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