Liebende Ganzhingabe in der Nachfolge Jesu Christi – der Zölibat

Die Sadduzäer glaubten nicht an die Auferstehung und das Ewige Leben. Sie wollten Jesus eine Falle stellen. Sie fragten den Herrn, mit wem eine Frau, die gemäß dem mosaischen Gesetz nach dem Tod ihres Mannes dessen Bruder heiratet und nach dessen Tod wiederum den nächsten Bruder usw. (Mt 22,23ff), im Himmel denn verheiratet sei. Jesus betont in seiner Antwort die Macht Gottes, der ein Gott der Lebenden ist und dass die Menschen nach der Auferstehung nicht mehr heiraten werden, sondern wie die Engel leben. Der Hauptzweck der von Gott eingesetzten Ehe ist in Liebe Kinder zu haben und diese zu Gott zu führen. Somit ist der Zölibat der Verzicht auf etwas Gutes – das Schlechte müssen wir sowieso als Sünde meiden. Der Zölibat erschöpft sich aber nicht im Verzicht, sondern ist auf Gott, die unendliche Liebe, ausgerichtet und weist auf das Ewige Leben hin: „Denn nach der Auferstehung werden die Menschen nicht mehr heiraten, sondern sein wie die Engel im Himmel“ (Mt 22,30). Der verheiratete Petrus fragte Jesus: „’Du weißt, wir haben unser Eigentum verlassen und sind Dir nachgefolgt.’ Jesus antwortete ihnen: ‚Amen, ich sage euch: Jeder, der um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen hat, wird dafür schon in dieser Zeit das Vielfache erhalten und in der kommenden Welt das Ewige Leben’“ (Lk 18,28ff). Diejenigen Apostel, die verheiratet waren, haben demnach ihre Frauen (und Kinder), die in der Großfamilie versorgt waren, um Jesu willen verlassen.
Paulus stellt die Sorge um das Reich Gottes über eine Familie und schreibt, dass man nicht gleichzeitig zwei Herren dienen kann (1 Kor 7,26-35). Die ehelos lebenden Kleriker wählen Jesus, der selbst unverheiratet war, als den Bräutigam ihrer Seele (Mt 2,18ff), in dessen Nachfolge sie gerufen sind. Ihre ganze Sorge gilt nach dem Vorbild des Herrn dem Reich Gottes. Wenn Paulus schreibt, dass der künftige Bischof und Diakon nur Mann einer Frau gewesen sein darf (1 Tim 3,2.12; Tit 1,6) so spricht er nicht über die Vielweiberei, die sowieso den Gesetzen Gottes widerspricht, sondern lässt nur solche Kandidaten für die heiligen Weihen zu, die nur einmal verheiratet waren und wie die Apostel ihre Ehefrau um Jesu willen verlassen haben. Frau und Kinder mussten versorgt sein, das war selbstverständlich und entsprach dem Liebesgebot.
Die Diakone, Priester und Bischöfe entscheiden sich für die Ehelosigkeit in der Nachfolge Jesu Christi um des Himmelreiches willen (Mt 19,12). Dies ist eine besondere von Gott geschenkte Berufung (1 Kor 7,7), die man nicht ‚machen’ kann. Sie richtet sich nicht gegen die von Gott in der Schöpfungsordnung gewollte Familie. Denn alle Formen christlichen Lebens nach den Gesetzen Gottes ergänzen sich in der Kirche. Jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe. Gott wird in Seiner Liebe und Allmacht allen gerecht. Jesus wird vom Vater gesandt und offenbart dessen bedingungslose Liebe durch Sein Leben, Leiden und Sterben am Kreuz (Joh 13,1; 19,30). Diese Liebe will Jesus uns offenbaren und schenken. Er beruft Bischöfe, Priester und Diakone, die leben wie Er. Sie sollen von jeder familiären Bindung befreit sein und sich ungeteilt um das Reich Gottes kümmern (Lk 9,58-62).
Wir haben gesehen, dass der Zölibat durch das Vorbild Jesu und Seiner Apostel gut begründet ist. Dieses Leben ist ein großes Zeichen einer innigen und ungeteilten Liebe zu Gott und den Menschen (Eph 5,25), die in der Ewigkeit durch Gott selbst vollendet wird. Wie Jesus folgten auch den Aposteln Frauen als Helferinnen (1 Kor 5,9) nach, die aber nicht ihre Ehefrauen waren, da sie von Paulus zusätzlich als Schwestern bezeichnet werden.
Der Zölibat macht den Priester frei für das Reich Gottes und wurde in der nachapostolischen Zeit in Ost und West praktiziert. Die verheirateten Weihekandidaten (die sogenannten viri probati = bewährte Männer) durften nur einmal verheiratet sein. Sie trennten sich wie etwa der hl. Gregor von Nyssa und der hl. Paulinus von Nola von ihren Frauen und Kindern mit deren Einverständnis. Diese waren in der Großfamilie oder anderweitig gut versorgt. Man ging später immer mehr dazu über, nur noch unverheiratete Kandidaten zu weihen, von denen in der Anfangszeit noch nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung standen. In der Ostkirche legte man im Vergleich zur Westkirche anfangs sogar größeren Wert auf den Zölibat wie aus den Zeugnissen der griechischen Kirchenväter hervorgeht. Auch die lateinischen Kirchenväter wie etwa Hieronymus legen ein eindeutiges Zeugnis für den Zölibat ab. Dies änderte sich erst durch Abspaltungen von der Reichskirche in Persien und Ägypten sowie durch die Trullanische Synode 691 in Konstantinopel. Dort berief man sich auf absichtlich oder unabsichtlich schlecht übersetzte Texte afrikanischer Synoden, die den Zölibat bekräftigten und deutete diese in das Gegenteil um, worauf schon im 16. Jahrhundert Caesar Baronius hingewiesen hatte. Seit dieser Zeit sind die Weltpriester im Osten verheiratet, die Bischöfe jedoch nicht. Diese müssen aus dem unverheirateten Mönchsstand gewählt werden.
Gegen den Zölibat wird immer die von Friedhelm Winkelmann als Legende entlarvte Rede eines Bischofs mit Namen Paphnutius auf dem Konzil von Nizäa (325) ins Feld geführt. Dieser solle von einer Verpflichtung zur Ehelosigkeit bei den Weihkandidaten abgeraten haben und die anderen Bischöfe hätten zugestimmt. Sein Name taucht jedoch erst in späteren Schriften auf und ist beim bekannten Kirchengeschichtsschreiber Eusebius von Cäsarea, der in Nizäa anwesend war, nicht zu finden. Das Konzil von Nizäa verbietet den Bischöfen, Priestern und Diakonen das Zusammenleben mit Frauen, die nicht mit ihnen verwandt sind. Wegen der menschlichen Schwäche mussten die Päpste und Konzilien immer wieder den Zölibat einschärfen.
Der zölibatär lebende Priester ist im Dienste Jesu Christi wie dieser für Seine Schafe voll verfügbar und teilt die Einsamkeit des Herrn im Gebet, das immer mehr zu einer liebenden Zwiesprache mit dem Vater werden soll, der dem Priester die Kraft und die Gnaden für seine Aufgaben verleiht. Dies erfordert das Gebet der Priester für alle Menschen und das Gebet der Gläubigen für ihre Priester. So legen wir ein Fundament der Gottes- und Nächstenliebe.

P. Andreas Hirsch FSSP

Vgl. die sehr informativen Bücher von Alfons Maria Kardinal Stickler, Der Klerikerzölibat, Abensberg 1993; Arturo Cattaneo (Hg.), Verheiratete Priester?, Paderborn 2012 und Stefan Heid, Zölibat in der frühen Kirche, Paderborn 32003

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