Johannes Paul II.: Schutzpatron der Kirche

Da Pius IX. in schwieriger Zeit die Kirche dem besonderen Schutz des heiligen Patriarchen Josef anvertrauen wollte, erklärte er ihn zum »Patron der katholischen Kirche«.(42) Der Papst wußte, dass er damit nicht eine weit hergeholte Geste vollzog, denn aufgrund der herausragenden Würde, die Gott diesem treuen Diener gewährt hatte, »hielt die Kirche nach der seligen Jungfrau, seiner Frau, stets den heiligen Josef hoch in Ehren und bedachte ihn mit Lob und wandte sich vorzugsweise in ihren Bedrängnissen an ihn«. (43)
Welches sind die Gründe für so großes Vertrauen? Leo XIII. legt sie, wie folgt, dar: »Die Gründe dafür, dass der heilige Josef als besonderer Patron der Kirche angesehen werden und die Kirche ihrerseits sich von seinem Schutz und Beistand sehr viel erwarten darf, rühren hauptsächlich daher, dass er der Mann Mariens und vermeintliche Vater Jesu ist… Josef war zu seiner Zeit rechtmäßiger und natürlicher Hüter, Haupt und Verteidiger der göttlichen Familie … Es ist daher für den heiligen Josef angebracht und seiner höchst würdig, dass er so, wie er einst die Familie von Nazaret in allen Belangen heiligmäßig zu beschützen gewohnt war, jetzt die Kirche Christi mit seinem himmlischen Beistand beschützt und verteidigt«. (44)
Dieser Schutz muss erfleht werden; die Kirche braucht ihn immer noch, nicht nur zur Verteidigung gegen die aufkommenden Gefahren, sondern auch und vor allem zur Stärkung ihrer erneuten Anstrengung für die Evangelisierung der Welt und für die Neuevangelisierung in jenen »Ländern und Nationen – wie ich im Apostolischen Schreiben Christifideles laici festgestellt habe -, in denen früher Religion und christliches Leben blühte… und die nun harte Proben durchmachen«.(45) Um die erste Botschaft von Christus zu bringen oder um sie neu zu verkünden, wo sie vernachlässigt wurde oder in Vergessenheit geriet, braucht die Kirche eine besondere »Gnade von oben« (vgl. Lk 24, 49; Apg 1, 8), gewiß ein Geschenk des Geistes des Herrn und verbunden mit der Fürsprache und dem Beispiel seiner Heiligen.
Außer in den sicheren Schutz vertraut die Kirche auch in das herausragende Beispiel des hl. Josef, ein Beispiel, das über die einzelnen Lebenslagen hinausgeht und sich der ganzen Kirche anbietet, in welcher Situation auch immer sie sich befindet und welches die Aufgaben jedes einzelnen Gläubigen sind.
Wie es in der Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung heißt, muss die Grundhaltung der ganzen Kirche sein, »Gottes Wort voll Ehrfurcht zu hören«,(46) das heißt die absolute Bereitschaft, dem in Jesus geoffenbarten Heilswillen Gottes in Treue zu dienen. Bereits am Anfang der Erlösung des Menschen finden wir das Vorbild des Gehorsams nach Maria eben in Josef verkörpert, der sich durch die treue Ausführung der Gebote Gottes auszeichnet.
Paul VI. forderte dazu auf, Josef, »wie es die Kirche in letzter Zeit zu tun pflegt«, um seinen Beistand anzurufen, »zunächst durch eine spontane theologische Reflexion über die Verbindung des göttlichen mit dem menschlichen Tun in dem großen Heilsplan, in welchem das erste, nämlich das göttliche, ganz sich selbst genügt, aber das zweite, das menschliche, also unser Tun, obwohl allein zu nichts imstande (vgl. Joh 15,5), niemals einer zwar bescheidenen, aber bedingenden und adelnden Mitwirkung enthoben ist. Außerdem ruft die Kirche den Beschützer aus einem tiefen und höchst aktuellen Verlangen an, ihre irdische Existenz mit wahren evangelischen Tugenden, wie sie im heiligen Josef erstrahlen, wiederzubeleben«. (47)
Die Kirche setzt diese Erfordernisse in Gebet um. Eingedenk der Tatsache, dass Gott »die Anfänge unserer Erlösung dem aufmerksamen Schutz des hl. Josef anvertraut hat«, bittet sie ihn zu ermöglichen, dass sie in Treue am Heilswerk mitwirkt, dass ihr dieselbe Treue und Reinheit des Herzens, die Josef im Dienst am fleischgewordenen Wort beseelte, zuteil wird, und dass sie nach dem Beispiel und durch die Fürsprache des Heiligen vor Gott hergeht auf den Wegen der Heiligkeit und Gerechtigkeit. (48)
Bereits vor hundert Jahren forderte Papst Leo XIII. die katholische Welt auf, um den Schutz des hl. Josefs, des Patrons der ganzen Kirche, zu beten. Die Enzyklika Quamquam pluries berief sich auf jene »väterliche Liebe«, die Josef »dem Knaben Jesus entgegenbrachte«, und empfahl dem »vorsorglichen Hüter der göttlichen Familie« »das teure Erbe, das Jesus Christus mit seinem Blut erworben hatte«. Seit damals erfleht die Kirche – wie ich eingangs erwähnt habe – »wegen jener heiligen Liebesbande, die ihn an die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter band«, den Schutz des hl. Josef und empfiehlt ihm alle ihre Sorgen, auch hinsichtlich der Bedrohungen, die über der menschlichen Familie liegen.
Noch heute haben wir zahlreiche Gründe, in derselben Weise zu beten: »Entferne von uns, geliebter Vater, diese Seuche von Irrtum und Laster…, stehe uns wohlgesinnt bei in diesem Kampf gegen die Macht der Finsternis …; und wie du einst das bedrohte Leben des Jesuskindes vor dem Tod gerettet hast, so verteidige jetzt die heilige Kirche Gottes gegen feindselige Hinterlist und alle Gegner«.(49) Auch heute noch haben wir bleibende Gründe, um jeden Menschen dem hl. Josef zu empfehlen.
Ich wünsche lebhaft, dass die vorliegende Erinnerung an die Gestalt des hl. Josef auch in uns das Gebet, das vor hundert Jahren mein Vorgänger an ihn zu richten empfohlen hat, erneuern möge. Denn gewiß gewinnen dieses Gebet und Josefs Gestalt in Bezug auf das neue christliche Jahrtausend eine erneuerte Aktualität für die Kirche unserer Zeit.
Das II. Vatikanische Konzil hat alle in neuer Weise empfänglich gemacht für die »großen Dinge Gottes«, für jenen »Heilsplan«, dessen besonderer Diener Josef war. Wenn wir uns also dem Schutz dessen empfehlen, dem Gott selber »den Schutz seiner kostbarsten und größten Schätze anvertraut hat«,(50) dann wollen wir zugleich von ihm lernen, dem »Heilsplan« zu dienen. Möge der hl. Josef für alle ein einzigartiger Lehrmeister im Dienst an der Heilssendung Christi werden, ein Dienst, der in der Kirche jeden einzelnen und alle angeht: die Eheleute und die Eltern, jene, die von ihrer Hände Arbeit oder jeder anderen Arbeit leben, die Personen, die zum beschaulichen Leben, wie jene, die zum Apostolat berufen sind.
Der gerechte Mann, der das ganze Erbe des Alten Bundes in sich trug, ist auch in den »Anfang« des neuen und ewigen Bundes in Jesus Christus eingeführt worden. Möge er uns die Wege dieses das Heil verheißenden Bundes weisen, an der Schwelle des nächsten Jahrtausends, in welchem die »Fülle der Zeit« fortdauern und sich weiterentwickeln muss, die zu dem unaussprechlichen Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes gehört.
Der hl. Josef erwirke für die Kirche und für die Welt sowie für jeden von uns den Segen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 15. August, dem Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, im Jahr 1989, dem elften Jahr meines Pontifikates.

Bild: Schauber/Schindler: Bilderlexikon der Heiligen, Pattloch, S.340

 

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