Wie weit kann Gemeinwohl gehen?

In einer globalisierten Welt müssen alle Menschen „guten Willens“ zusammenarbeiten, wenn der Friede, die menschliche Würde, die Bewahrung der Schöpfung kurz, Anliegen, die alle betreffen, auf dem Spiel stehen.
Wer den Menschen nicht nur als biologisches Wesen sieht, das geboren wird, lebt und einmal stirbt, sondern ihm Transzendenz und eine unsterbliche Seele zuspricht, ist Gesprächspartner, weil er an einen Schöpfergott und eine unsterbliche Seele glaubt.
Christen, die dem gemeinsamen Missionsauftrag „geht hin und macht alle zu meinen Jüngern“ verpflichtet sind, sind Brüder, auch, wenn sie in getrennten Konfessionen leben. Die Bitte Jesu an den Vater „auf das alle eins seien“, sollte ihnen aber stets Stachel im Fleisch sein.
In der Realität bestehen wesentliche Unterschiede zwischen Christen verschiedener Konfessionen, z.B. im Sakramenten-Verständnis und in der Stellung der Gottesmutter Maria im Heilsplan Gottes. Es sind Unterschiede, die man nicht überspringen kann, z.B. in einem gemeinsamen Reli-Unterricht, wie wir ihn jetzt in den Diözesen Nordrheinwestfalens, außer in der Erzdiözese Köln, haben. Ein solcher Unterricht stiftet Verwirrung, die schließlich in Gleichgültigkeit gegenüber der Religion enden kann.
Die Spaltung der Christen in Westeuropa ist das Ergebnis der protestantischen Revolution zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Missstände in der Kirche, die Anlass zur Trennung waren, dürfen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Die damaligen Reformer in der Kirche zeigen ein Verhalten, das auch für unsere Zeit gültige Maßstäbe setzt. Ein überzeugendes Beispiel liefert Peter Canesius, der zweite Apostel der Deutschen. Er geißelte scharf die Haltung eines großen Teils des verweltlichten Klerus und auch der Bischöfe in Deutschland. Er unterschied aber stets zwischen einem „bewussten und schuldhaften Abfall von der Kirche und einem bloß tatsächlichen und deshalb schuldlosen Getrenntsein von ihr“. Das war in der damaligen Zeit der scharfen Kontroversen keine selbstverständliche Frage. Petrus Canisius wäre aber nie in seinem Reformeifer auf den Gedanken gekommen, von der Lehre der Kirche z.B. von der Sakramentenlehre der Kirche Abstriche vorzunehmen, um Protestanten auf seine Seite herüber zu ziehen. Wie alle Reformer in der Kirche war Petrus Canisius auch ein großer Marienverehrer.
Für die religiöse Situation der Kirche in Deutschland ist u.a. der Mangel an Begeisterung für die befreiende Botschaft Jesu typisch. Besonders erschreckend und beispiellos ist, dass sich Viele von der Kirche abwenden und leben, „als ob es Gott nicht gäbe“ (Joh. Paul II.)
Die Augsburger „Mehrkonferenz“ hat einen fulminanten Gegenakzent gesetzt. Das Augsburger Treffen von rund 11.000 Menschen zeigt, dass auch in unserer Zeit religiöse Begeisterung geweckt werden kann. Die Grundausrichtung der verabschiedeten zehn Thesen steht mit der Forderung nach Neuevangelisierung diametral gegen die Verwaltung des Niedergangs, der sich in den etablierten Kirchen breit gemacht hat. Die „Mehrkonferenz“ gab das richtige Fanal, das auch vom „Forum Deutscher Katholiken“ begrüßt wurde.
Die Frage ist aber, wie geht es nach dem Augsburger Treffen konkret mit der Neuevangelisierung weiter? Was kann gemeinsam gemacht werden – rund 40% waren Evangelikale und 60% Katholiken – und wo endet diese Gemeinsamkeit.
Das Missionsmanifest, in dem die zehn Thesen für das „come back der Kirche“ beschrieben wird, gibt es auch als Buch.
Es ist keine Backmesserei, hat nichts mit „klerikalem Neid“ zu tun, wenn einer, der auf der Mehrkonferenz war und die Grundausrichtung der zehn Thesen befürwortet, nämlich Pfarrer Maria Fink, einige nachdenkenswerte Anmerkungen beibringt. Er sagt zunächst, dass die charismatische Initiative von Augsburg von Anfang an ökumenisch ausgerichtet war. Fink stellt aber auch fest, „es wundert mich doch ein wenig, dass beispielsweise die Gottesmutter nicht nur in den zehn Thesen…, sondern auch im ganzen Buch kein einziges Mal erwähnt wird. Ähn-liches gilt von der sakramentalen Prägung der Kirche, wie wir sie verstehen und leben… ich kann das Kerygma, also die Grundbotschaft der Freikirchen, ohne Abstriche anerkennen, doch sind es wesentliche Teile der Offenbarung, die ihnen fehlen… wir müssen wirklich ernst nehmen, dass es einem Jünger Christi darum gehen muss, Jesus Christus immer vollkommener kennenzulernen, sein Geheimnis immer tiefer zu ergründen, seinen Willen ganz zu entdecken. Und da kommen wir weder am sakramentalen Verständnis er Kirche noch an der mütterlichen Aufgabe der Gottesmutter für die Mission vorbei. …Maria ist von Gott erwählt worden, der Welt den Erlöser zu bringen. … deshalb ist Maria der Stern der Neuen Evangelisierung, wie es die letzten Päpste, Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus, immer wieder ausdrücklich betont haben. Eine Mission, die zur Erneuerung des Glaubens an Jesus Christus, zum neuen Aufblühen des sakramentalen Lebens, der Begegnung mit dem Erlöser in Beichte und Eucharistie, führen will, braucht Maria. Ohne die Gottesmutter wird es nicht gelingen, unsere Pfarreien mit neuem Leben zu erfüllen… Maria und Kirche sind letztlich nicht voneinander zu trennen. …den Christen, die sich auf die Heilige Schrift berufen, aber Maria und die Kirche ablehnen, haftet meist ein fundamentalistischer Zug an. …wir brauchen einen missionarischen Aufruf. Aber wir brauchen eine katholische Mission.“(Kirche heute ,Nr. 2 Februar und Nr.3 März 2018, S. 10-12)
„Katholisch“ heißt das Ganze umfassend. Die „Mehrkonferenz“ schafft Aufbruchsstimmung. Für die Neuevangelisierung in katholischem Sinne, muss noch Wesentliches hinzukommen!

Hubert Gindert
Der Artikel wird auch in unserer Monatszeitschrift „Der Fels“ erscheinen.

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