Schweigen, beten, reden, zerreden. Als Gott Zacharias verstummen ließ

Im ersten Kapitel seines Evangeliums stellt Lukas den Zacharias vor, ein betagter Tempelpriester, dem der Engel des Herrn verheißt, er werde Vater des Täufers Johannes, der Wegbereiter Jesu Christi. Doch Zacharias ist skeptisch. Er und seine Frau Elisabet beteten schon lange um ein Kind, und Elisabet wurde nicht schwanger. Der Zweifel des Zacharias missfällt dem Herrn und er entzog dem skeptischen Tempelpriester die Sprache.
Auf den ersten Blick erscheint die Strafe Gottes doch recht streng. Zweifel können den Menschen überkommen, gerade dann, wenn etwas wirklich Ungewöhnliches verheißen wird. Und Zacharias wird, wie auch seine Gemahlin Elisabet, von Lukas als durch und durch gottesfürchtig beschrieben. Aber vielleicht geht es hier auch gar nicht um eine Bestrafung. Mir scheint, dass Gott die „Notbremse gezogen“ hat, indem er dem Zacharias die Sprache nahm. Sicher kann das Sprechen über Glaubenszweifel mit den richtigen Gesprächspartnern, die verständnisvoll Mut zum Glauben machen, helfen, aber es gibt auch die Gefahr, dass ein allzu intensives Nachdenken und Diskutieren über diese Zweifel diese erst recht manifestiert.
Wie Zacharias selbst mit seiner Verstummung umgegangen ist, beschreibt Lukas nicht. Allein erfahren wir, dass er nach der Geburt, anlässlich der Beschneidung und Namensgebung seines Sohnes wieder sprechen konnte. Und dann begann er Gott zu preisen und machte allen deutlich, dass sein Sohn Johannes Wegbereiter Jesu Christi wird.
Offenbar hat das Schweigen dem Glauben des Zacharias genützt. Es ist interessant, dass sich der wenige Kapitel später von Lukas beschriebene Ziehvater Jesu Christi, der heilige Josef, gerade durch sein Schweigen auszeichnet. Papst Benedikt XVI. hat in einer Ansprache einmal darauf hingewiesen, dass das Schweigen des heiligen Josef „durchdrungen (ist) vom beständigem Gebet …, der Anbetung seines heiligen Willens“. Mag auch Zacharias dies im Schweigen gelernt haben?
Jedenfalls ist es wohl augenscheinlich, dass gerade im anbetenden Schweigen der Glauben gefestigt werden kann.
Und genau das macht mich auch nachdenklich, wenn ich auf die Situation unserer Kirche heute schaue. Viel wird über den gewiss erschreckenden Glaubensschwund geredet. Aber ist da auch nicht viel zerredet worden?
Zacharias hatte seine Probleme mit einem Wunder, damit, dass Gott in die Welt hineinwirkt. Heute mache ich die Erfahrung, dass nicht selten an der wirklichen Anwesenheit Jesu Christi im Altarsakrament vorbeigeredet wird. Man sucht Antworten, die das „Geheimnis des Glaubens“ in die Banalität hinein manövrieren. Eucharistie wird zum gemeinsamen Mahlhalten, bei dem wir an Jesus denken. Wie anders bezeugte doch Franz von Assisi: „Der ganze Mensch erschauere, die ganze Welt erbebe, und der Himmel juble, wenn auf dem Altar in der Hand des Priesters, Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist!“ Aber wo der Glaube daran fehlt, dass Gott in die Welt hineinwirken kann und es auch tut, wird kaum jemand in der Eucharistiefeier vor Staunen erschauern und vor Freude jubeln.
Es ist interessant, dass Pfarreien und Gemeinschaften Wachstum erfahren, wenn sie bei Gebet und Anbetung dieses vom heiligen Franziskus bezeugte „Erschauern und Jubeln“ wirklich realisieren. Sie werden im Sinne Jesu Stadt auf dem Berg und Licht der Welt. Hier wird Zweifel nicht durch Gespräche, die im Zweifel bleiben, zementiert, hier wird nicht mit primär soziologisch-psychologischen Konzepten das Problem des Glaubensschwundes angegangen. Vielmehr ist hier durch das Schauen auf das „Geheimnis des Glaubens“ – Gottes Anwesenheit in unserer Welt im gewandelten Brot – das Eigentliche des Christentums im Zentrum: Gott ist bei uns und will den Weg mit uns gehen. Und dieser Glaube kann wirklich Kreise ziehen.

Raymund Fobes

Bild: Wikimedia: public domain, Fresko von Domenico Ghirlandaio in Santa Maria Novella in Florenz, Cappella Tornabuoni

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*