„… führe uns nicht in Versuchung“ – Gedanken zur 6. Vater-unser-bitte

Jeder noch in der Wolle gefärbte Humanist unter den predigenden Theologen hat die vier Abwandlungen und Bedeutungen des unregelmäßigen griechischen Verbums „erchomai“ (Matthäus 6,13) im Ohr. In der 1. Form (intransitiv) heißt es einfach „kommen“, „ich komme“, „ich bin am Kommen“. In der 3. Form (transitiv) heißt es hingegen „jemand oder etwas kommen lassen“, „hineingeraten lassen“, etwas über jemanden kommen lassen“. – Der Urtext sagt also etwas anderes als das Wort „führen“. Dieses kommt im Vaterunser aus der lateinischen Übersetzung des griechischen Neuen Testaments durch Hieronymus (Vulgata), deren lateinischer Wohlklang oft wirklich Musik in den Ohren ist, aber sachlich oft nicht genügend genau ist.
Gehen wir vom Urtext aus, so lautet die Bitte: „Lass uns nicht hineingeraten in …“, ja sogar „lass nicht kommen über uns …“.
Mit „Versuchung“ („peirasmos“) ist im Urtext genau alles gemeint, was wir unter „Prüfung“ verstehen. Von einer Prüfung des Glaubens ist in der ganzen Bibel in den Zeugnissen der Heilsgeschichte die Rede. Gott, der zum Glauben ruft, prüft diesen Glauben in seinem Volk. Er tut das auf seine Weise bei jedem von uns. Jeder Christ weiß, was das heißt. „Gott hat mit jedem von uns eine ganz persönliche, verborgene Geschichte der Gnade“ (Karl Hartenstein).
Der große Alttestamentler Franz Delitzsch hat die Vater-unser-bitte ins Hebräische rückübersetzt. Hier findet das liturgische Wort im Vaterunser genau wie im Griechischen diesen Bedeutungswandel (bo` = „kommen“, „hebi`“ = hineinbringen, hineinkommen lassen“). Im jüdischen deutschsprachigen Gebetbuch findet sich gleichen Sinnes die Bitte: „Lass mich nicht kommen in die Gewalt der Sünde noch in die Gewalt der Schuld.“
Die christliche Kirche betet in der Erfahrung, dass wir wie seit je als Gemeinde der Glaubenden in einer Welt leben, in der die Gegenkräfte eines Mächtigen am Werk sind. Jesus spricht vom „Fürsten dieser Welt“, vom „Herrscher der Welt“ (z.B. Johannes 14,30). – Alle Lehrer des Glaubens wiesen darauf hin, dass die Kirche um Bewahrung vor endzeitlichen Verführungen betet, denen kein Mensch von sich aus gewachsen sein wird (Markus 13,20). – „Die Leichtverführbarkeit des Menschen ist ein uraltes Thema und täglich zu beobachten“ (Werner Bergengruen).
So gehört diese Vaterunserbitte ganz eng zur letzten: „Erlöse uns vom Bösen.“ „Und führe uns nicht in Versuchung!“
Lass uns nicht hineingeraten in Zustände und Verhältnisse, aus denen wir nicht mehr herausfinden, wo der Glaube stirbt, die Hoffnung erlischt, die Liebe erkaltet.
Beten wir getrost weiter, wie wir es gelernt und überliefert bekommen haben. Es muss nur in der Predigt immer, wie so vieles, erklärt und vertieft werden. So sollen wir zum Beten ermuntert werden.

Eduard Haller

Bild: Wikimedia free

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Eine Antwort auf „… führe uns nicht in Versuchung“ – Gedanken zur 6. Vater-unser-bitte

  1. Kunigunde Kreuzerin sagt:

    Naja, das Verb in Mt 6:13 ist aber nicht „erchomai“, sondern „εἰσενέγκῃς“ (eis-enenkēs / hinein-bringe) und zwar in allen Lesarten. Der Urtext sagt schlicht: „Und nicht hineinbringe uns in …“. Nichts für ungut, Kuni.

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