Gottheit tief verborgen. Das Geheimnis der Eucharistie und der Hymnus „Adoro te devote“ des Thomas von Aquin

„Geheimnis des Glaubens“. Das sagt oder singt der Priester oder Diakon jeweils nach der Wandlung in der heiligen Messe. Und er erinnert damit daran, dass wir dieses Geschehen, dass aus Brot und Wein Christi Leib und Blut werden, nicht wirklich verstehen und begreifen können. Es ist und bleibt Geheimnis des Glaubens.
Der heilige Thomas von Aquin hat in seinem bekannten Hymnus „Adoro te devote“ dieses Geheimnis staunend betrachtet. Die heute in der Liturgie geläufige Übersetzung „Gottheit tief verborgen“ entstand 1951 und stammt von der Dominikanerin Petronia Steiner. Auch diese Übersetzung lässt die Anliegen des Aquinaten, wie ich meine, sehr gut aufscheinen: das gläubige Staunen darüber, dass Gott sich dem Menschen im Hier und Jetzt in der Eucharistie zuwendet.
„Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir“ heißt es in der zweiten Strophe. In der Tat: Bei der Eucharistie steht nicht die Wahrnehmung mit den Sinnen im Vordergrund. Es geht um den Glauben, der vom Hören der Botschaft kommt. Und dieses Gehörte gilt es anzunehmen, sodass es wirklich ins Herz trifft – die Botschaft: Jesus lebt, und er schenkt mir durch die Eucharistie auch die Möglichkeit, dass er mir ganz nah ist, in mir sein möchte.
Bemerkenswert ist der Vergleich, den Thomas in der dritten Strophe zieht: Am Kreuz war die Gottheit Jesu verborgen, in der Eucharistie auch seine Menschheit. Die Gottheit Jesu musste auch von den Menschen seiner Zeit gläubig angenommen werden, der Glaube ist nicht nur eine Herausforderung für unsere Zeit. Auch hatten die Menschen, die mit dem irdischen Jesus zusammen waren, Zweifel. Gerade als er am Kreuz hing – und nachdem er gar ins Grab gelegt worden war, waren sie überzeugt, dass sich durch diesen Jesus rein gar nichts verändert hat. Die bedrückten Emmausjünger sind ein beredtes Beispiel dafür. Natürlich, durch die Begegnung mit dem Auferstandenen wurde dann alles wieder anders. Und man muss es heute, wo viele ihre Zweifel daran kundtun, ausdrücklich sagen – diese Auferstehung Jesu war ein einzigartiges von Gott gewirktes Zeichen. Dafür spricht das auch historischen Kriterien standhaltende Zeugnis der Evangelien genauso wie das Wachstum der Christenheit mit der Bereitschaft vieler, zu Märtyrern zu werden. Eine Massensuggestion oder eine rein aus der Sehnsucht entstandene Fiktion hätte dies wohl kaum bewirkt. Und dennoch erfahren wir in den Osterberichten auch von einem Zweifler, vom Apostel Thomas. Und der Aquinate lenkt in seinem Hymnus in der vierten Strophe den Blick auf seinen Namensvetter. Dieser durfte die Hände in die Wunden des Auferstandenen legen – gleichwohl musste er sich auch den Tadel des Herrn gefallen lassen: „Selig sind die, die nicht sehen und dennoch glauben.“ Und der Apostel Thomas antwortet erschüttert: „Mein Herr und mein Gott“ – in der deutschen Übersetzung ließ Petronia Steiner dieses Zitat einflechten. Thomas von Aquin selbst benennt den Zweifel des Apostels nicht, aber es scheint mir doch gut, sowohl den Zweifler wie auch die Mahnung des Herrn im Blick zu haben. Ja, der Auferstandene weiß, es werden Zweifel kommen an den Wundern, die auch noch zukünftig geschehen werden – auch am Wunder der Eucharistie. Wohl nicht von ungefähr ist die Perikope vom Zweifler Thomas auch das Evangelium vom Weißen Sonntag. Der Aquinate schließt diese Strophe mit einem Vorsatz, den man insbesondere bei der Feier der Erstkommunion allen dringend ans Herz legen sollte, gerade auch den Erstkommunionkindern und ihren Familien, die ja die Aufgabe haben, ihre Kinder weiter zu begleiten auf dem Weg des Glaubens an die Eucharistie (wie wohl es hier augenscheinliche Mängel gibt): „Fac me tibi semper magis crédere. In te spem habére, te dilígere – Tief und tiefer werde dieser Glaube mein, fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.“ Gerade darum wird es gehen: beim Empfang oder der Anbetung der Eucharistie im Glauben und in der Liebe zu Gott wachsen, doch auch in der Hoffnung – besonders der Hoffnung auf das Ewige Leben, das ja vor allem von der nun unverhüllten Begegnung mit Gott gekennzeichnet ist, was die letzte Strophe des Hymnus ausdrückt: „Iesu, quem velátum nunc aspício, Oro fiat illud quod tam sítio; Ut te reveláta cernens fácie, Visu sim beátus tuae glóriae. Amen. – Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: lass die Schleier fallen einst in deinem Licht, dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“
So ist die Eucharistie nun wirklich „heilge Seelenspeise auf dieser Pilgerreise“. Um durch das Altarsakrament aber in Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen zu können, braucht es eine tiefe Beziehung zu diesem „Geheimnis des Glaubens“, die durch Gebet und häufige innere Anteilnahme an der heiligen Messe immer wieder neu eingeübt werden muss.
Thomas von Aquin hat den Hymnus „Adoro te devote“ im Jahr 1264 geschrieben, einer Zeit, in der die Sehnsucht bei den Menschen nach der Begegnung mit dem lebendigen Gott in der Eucharistie sehr groß war. Aber das Anliegen des Hymnus ist zeitlos: Der große Gott wendet sich uns zu, er will uns stärken, jeden einzelnen, dass wir das Leben hier gut bestehen und eines Tages mit ihm glückselig in der Ewigkeit Gemeinschaft mit ihm haben. 
1. Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier. Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin, weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.
2. Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir. Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an; er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.
3. Einst am Kreuz verhüllte sich der Gottheit Glanz, hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz. Beide sieht mein Glaube in dem Brote hier; wie der Schächer ruf ich, Herr, um Gnad zu dir.
4. Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot, bet ich dennoch gläubig: „Du mein Herr und Gott!“ Tief und tiefer werde dieser Glaube mein, fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.
5. Denkmal, das uns mahnet an des Herren Tod! Du gibst uns das Leben, O lebendig Brot. Werde gnädig Nahrung meinem Geiste du, dass er deine Wonnen koste immerzu.
6. Gleich dem Pelikane starbst du, Jesu mein; wasch in deinem Blute mich von Sünden rein. Schon ein kleiner Tropfen sühnet alle Schuld, bringt der ganzen Erde Gottes Heil und Huld.
7. Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: lass die Schleier fallen einst in deinem Licht, dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.

Raymund Fobes

Bild: Archiv

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*