1917: „Fatima, ein neuer Frühling … nur für Portugal?“

Der Vergleich von Fatima mit Lourdes, und zwar schon im Jahr 1917, zeugt vom starken Selbstbewusstsein der Portugiesen. „Gibt es ein neues Lourdes?“ wird gefragt. Schon 1921 sprach jemand von Lourdes portuguesa, vom portugiesischen Lourdes. Man hob die Ähnlichkeiten bei den Krankenheilungen, beim Wasser, bei der Jugendlichkeit der Seher hervor. Der Bischof von Leiria, Don José Alves Correia da Silva, gewichtete Fatima, das neue, das portugiesische Lourdes höher als das französische 2. Die Wallfahrten nach Fatima sind imposanter und bedeutender als die von Lourdes: Diese Überlegenheit sieht der Bischof in doppelter Hinsicht, einmal in der großen Zahl der Pilger und dann im Geist der Buße. Damit sind die beiden Charakteristica für das erste Jahrzehnt der Fatimabewegung bezeichnet: Geist der Buße und die Menge der Pilger. Zuvor muss aber noch das große auslösende Moment genannt werden, das Sonnenwunder.
1. Das Sonnenwunder als das entscheidende Ereignis
In Fatima sind nach den Erscheinungen viele Heilungswunder geschehen. Aber das wichtigste und weithin wirksamste Wunder, kurz: o milagre schlechthin, war das Sonnenwunder. Schon am 13. Juli bat die Seherin Lucia die Gottesmutter „ein Wunder zu tun, damit alle glauben, dass Sie uns erscheinen“. Dieses erbetene Wunder wurde für den 13. Oktober versprochen. Da sich das Datum herumgesprochen hatte, kamen an diesem Tag ca. 80 000 zusammen. Die große Zahl gab die Gewähr dafür, dass das angekündigte Wunder rasch im ganzen Land bekannt wurde und nicht als Phantasieprodukt, als Einbildung eines einzigen Träumers ausgegeben werden konnte. Was erlebten die 80.000?
Die Menschen auf der Cova da Iria hatten bei dem Erlebnis am Mittag des 13. Oktobers einen regenreichen Marsch hinter sich, bei dem sie nass und schmutzig wurden. Der Himmel war wolkenbedeckt. Plötzlich rissen die Wolken auf, die Sonne drang durch mit wechselnden Farben (gelb, grün, blau, rot). Die Sonne drehte sich eiernd um eine imaginäre Achse. Andreas de Andrad e Silva beschreibt das Sonnenphänomen so: „Die Sonnenkugel, einer Scheibe von dunklem Silber ähnlich, drehte sich um eine imaginäre Achse, und in diesem Augenblick schien sie sich in der Atmosphäre herabzubewegen zur Erde hin mit einem außerordentlichen Glanz und intensiver Wärme.“ 4 Schilderungen dieses Sonnenphänomens finden sich häufig in den ersten Bänden der Dokumentation: „Ich habe gesehen. Nicht haben wir Unsere Liebe Frau gesehen. Wir halten uns dessen nicht für würdig. Aber wir haben die Sonne gesehen, das für sich allein schon die Bestätigung eines Phänomens, eines übernatürlichen Falles ist … Wir können es nicht erklären, aber das Faktum zählt, und gegen Fakten gibt es keine Argumente.“ Eine andere Beschreibung spricht von dem Eindruck, dass sich die Sonne von ihrem ursprünglichen Ort weg bewege. „Beim Beobachten dieser Zeichen hatte ich nicht einen Augenblick einen Zweifel daran, dass man sie der unendlichen Allmacht Gottes verdankt … Ich erinnere mich auch, dass ich mich nicht niederkniete, aber der größte Teil der Leute fiel auf die Knie, ohne sich um den enormen Dreck zu kümmern.“ Die Leute beteten, riefen die Gottesmutter an, erweckten Reue und Leid. „Unbeschreiblich ist die Woge des Glaubens“, die durch die Menge ging. Ein Journalist schreibt noch am 13.10. seiner Schwester: „Ich habe außerordentliche Dinge gesehen.“ Ein Pfarrer hatte das Bedürfnis, noch abends um 21.30 Uhr einem Mitbruder darüber zu schreiben. Der Eindruck des Sonnenwunders war gewaltig und bleibend.
Doch sollen auch die Einwände der Gegner genannt werden. Sie waren Freidenker, die sich vor allem von kirchlichen Vorstellungen freihielten. Sie waren bestimmt von naturwissenschaftlichem Denken. Der christliche Glaube wäre in einer Generation überholt und geschwunden, meinten sie. In Portugal wurde 1911 das Gesetz zur strikten Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt. Die Kirche durfte demnach nur noch in ihren Räumen wirken, nicht im Freien. So waren Prozessionen verboten und man ließ später auf der Cova da Iria die Nationalgarde aufmarschieren.
In Bezug auf das Sonnenwunder stellte der Astronom Frederico Oom fest, dass seine Apparate nichts von kosmischen Störungen gemeldet hätten, also nichts dergleichen geschehen ist. Die Sonnenphänomene könnten also nicht stattgefunden haben. Die Erscheinungen seien also Erfindungen klerikaler Kreise und die dummen, ungebildeten Katholiken hätten daran geglaubt!
Es standen sich also – unversöhnlich – gegenüber: Einerseits die ca. 80000 mit ihrem Erlebnis auf der Cova da Iria und andererseits die Freidenker, die zuhause geblieben waren und deshalb nichts sehen konnten, gestützt duch die Aussage des Astronomen. Wer wird die Oberhand bekommen? Nachzuholen ist noch: Vom Verhalten der Menschen auf dem Erscheinungsplatz gibt es Fotos, zwar nicht von der Sonne, aber von den Reaktionen der Anwesenden.
Das Sonnenwunder bestätigt die Echtheit der Erscheinung, denn es wurde erbeten und versprochen, „damit alle glauben“; es sollte den Glauben aller erwecken und stärken.
2. Fatima und der Opfergeist
Fatima verdankt seinen geistlichen Ursprung selbstverständlich dem Himmel, der Initiative der Gottesmutter. So gilt auch für die allmähliche Anerkennung dieser Wallfahrtsstätte das Wort des Kardinals Cerejeira von Lissabon: „Fatima hat sich selbst durchgesetzt, nicht wir haben es getan.“ Obwohl somit letztlich alles ein Geschenk der Gnade ist, darf nicht übersehen werden: Die Botschaft richtet sich an Menschen, erwartet ihr Mitwirken. Hier gilt nun auch für Fatima – wie übrigens für alle Marienerscheinungen, deren Botschaften sich weithin gleichen, dass nicht neugieriges Herumstochern in möglichen Geheimnissen gefordert wird, sondern Gebet und Buße. Wir Menschen sind übertüchtig darin, diese zentrale Forderung aller Marienerscheinungen im Gerede über den Sinn möglicher Geheimnisse total zu vergessen.
Erstaunlich ist nun, wie bei den Seherkindern nach den Erscheinungen der Gebets- und Opfergeist gewachsen ist. Maßgeblich für diese Entwicklung war die Höllenvision am 13. Juli 1917. Während bei heutigen Zeitgenossen, einer Spaß- und Wellnessgesellschaft, der Verdacht vorherrscht, Fatima verdüstere die Frohbotschaft zu einer Drohbotschaft und gebe dem Glauben ein ängstliches Gesicht – weshalb nicht wenige von Fatima nichts wissen wollen –, reagieren die Kinder auf die Höllenvision nicht in lähmender Angst, sondern in herausgeforderter Liebe: Sie beten und opfern, damit niemand oder nur wenige in die Hölle kommen. So sagt Jacinta „Francisco, wollt ihr nicht mit mir beten? Wir müssen viel beten, um die Seelen vor der Hölle zu retten. So viele kommen dorthin! So viele!“
Zum Gebet hinzu haben die Kinder noch viel Verzicht geleistet. So schreibt Lucia12: „Jacinta nahm die Opfer für die Bekehrung der Sünder so ernst, dass sie sich auch nicht eine Gelegenheit dafür entgehen ließ. Da waren die Kinder …, die an den Türen betteln gingen … Als Jacinta sie sah, sagte sie zu uns: Lasst uns unser Mittagbrot jenen Armen geben für die Bekehrung der Sünder. Und sie lief, um es ihnen zu geben … Unsere Nahrung bestand an diesen Tagen aus Tannenzapfen, Wurzeln von Glockenblumen … Brombeeren, Pilzen … Jacinta schien unersättlich im Opferbringen zu sein.“
Die Nöte und Leiden ihrer tödlichen Krankheit trugen Jacinta und Francisco ebenso aus Sühne. Sie wurden gemildert und innerlich erträglich einmal durch die schon bei der ersten Erscheinung geweckte Hoffnung auf den Himmel, dann durch die Liebe zum gekreuzigten Heiland und zu den Sündern, damit sie gerettet werden … „Seit dem unsere Liebe Frau uns gelehrt hatte, Jesus unsere Opfer darzubringen, fragte Jacinta immer, wenn wir vereinbart hatten, eines zu bringen, oder wenn wir irgend eine Prüfung erdulden mussten: Hast du Jesus schon gesagt, dass es aus Liebe zu ihm ist. – Wenn ich mit nein antwortete … Dann sage es ihm – und sie faltete die kleinen Hände, erhob die Augen zum Himmel und sagte: „O Jesus, es ist aus Liebe zu Dir und für die Bekehrung der Sünder.“ Das Thema „Sühne“ steht in der Mitte der Sendung Jesu, in der Mitte der Fatimabotschaft und bildet die Ouverture am ersten Erscheinungstag am 13. Mai in der Frage an die Kinder: „Wollt ihr euch Gott darbieten, um alle Leiden zu ertragen, die er euch schicken wird, zur Sühne für alle Sünden, durch die er beleidigt wird und als Bitte um die Bekehrung der Sünder?“ – „Ja, wir wollen es“. „Ihr werdet also viel leiden müssen, aber die Gnade Gottes wird eure Stärke sein“.
Dann aber muss noch der Beitrag des portugiesischen Volkes gewürdigt werden. Die Wallfahrt nach Fatima wurde zu einer Volksbewegung, an der die Freimaurerregierung scheiterte. Am 13. Okt. 1917 werden 80.000 Besucher auf der Cova da Iria geschätzt. Die Zahlen gingen zeitweilig zurück, nahmen aber auf 150000 zu (1928).
Die Beschwerden der Wallfahrt waren die Opfer, die von den Pilgern gebracht wurden. Bedenken Sie: Es gab keine Infrastruktur, also keine Hotels zum Übernachten, keine Restaurants. Man musste seine Verpflegung mitbringen und im Freien übernachten. Mehrmals wird von Regenwetter berichtet. Da die Pilger von allen Provinzen Portugals gekommen sind, dauerte eine Wallfahrt – meistens eine Fußwallfahrt – wenigstens eine Woche. Da lag es nahe, einmal vom Regen überrascht zu werden. Wer aus der näheren Umgebung von Fatima kam, brach am Abend auf, marschierte die ganze Nacht betend und singend, nahm etwa in Leiria an der hl. Messe teil und empfing die hl. Kommunion, um erst dann wegen des Nüchternheitsgebots etwas essen zu können. In Fatima konnte man den Rosenkranz beten, an der hl. Messe teilnehmen, eine Predigt anhören, für die es noch keinen Lautsprecher gab. Am Nachmittag brach man nach Hause auf.
Sicher, eine solche Wallfahrt hatte nicht nur ihre Beschwerden, sondern auch eine frohe Erfüllung: Wenn die Gruppe die ganze Nacht durchwanderte bis die Sonne aufging – mit Fahnen – und der Pfarrer im Chorrock oder Rauchmantel, so darf man sich auch eine innere Genugtuung vorstellen. Noch nachhaltiger und tiefer als die Freude an der Natur und den nächtlichen und frühmorgendlichen Wanderungen unter Gebet und Gesängen dürfte die innere geistige Freude gewirkt haben, die dem erlebten und gelebten Glauben entspringt. So bemerkte die Zeitschrift O Mensageiro: „Innerhalb des Bezirkes (= Cova da Iria) gibt es keine sozialen Klassen, keine Kategorien – es gibt Andächtige, es gibt Gläubige.“ Die Zusammengehörigkeit in der einen Kirche stärkte das Selbstbewusstsein. Dann ist die Freude zu nennen, die aus dem Opfer und dem Verzicht kommt. Ebenso die Wirkung der Beichte, des Ostergeschenkes des Auferstandenen (Joh 20,2f). Die Wirkung dieses Sakraments ist nach dem Konzil von Trient: Vergebung der Sünden, Friede und Heiterkeit des Gewissens, verbunden mit starker Tröstung des Geistes (DH 1674). In der Regel haben die Pilger vor oder während der Wallfahrt gebeichtet. Zum Beleg: Wir wissen von einem Priester, der vor jedem 13. ab 21 Uhr bis morgens Beichte hörte. Er war sicher nicht allein. Auf alle Fälle: Wenn sich jemand den Beschwerden einer Wallfahrt unterzog, dürfte er darin nicht nur ein Opfer, sondern auch eine Erfüllung gesehen haben.
In den zwanziger Jahren des letzten Jhds. wurden Tatsache und Botschaft der Erscheinung stark bekämpft. Die Nationalgarde wurde eingesetzt. Doch bald erkannte man: Gewalt ist kein Mittel bei Fragen des Glaubens. Man kann doch nicht auf Betende schießen. Von der übernatürlichen Hilfe abgesehen, die nicht gemessen werden kann, aber in Betracht gezogen werden muss, war es die Volksbewegung der Wallfahrten, die allmählich einen Umschwung bewirkte. Jede Pfarre organisierte Wallfahrten bzw. hielt zuhause Fatima-Triduen. Ende dieses Jahrzehnts waren schon die Tochter und die Gattin des Staatspräsidenten in Fatima, 1928 dieser selbst.
Wer diese Entwicklung in den ersten zehn Jahren bedenkt, wird der Botschaft von Fatima Relevanz, nicht nur für Portugal, das eine geistige Auferstehung erlebte, sondern auch für unsere Zeit zuerkennen. Einmal ruft Fatima eschatologische Daten ins Bewusstsein. Schon bei der ersten Erscheinung am 13. Mai 1917 waren die Kinder von der Schönheit der Frau, die „vom Himmel kam“, so fasziniert, dass sie am 13. Juni baten, mit in den Himmel genommen zu werden. In dem zitierten Dialog vom 13. Mai fährt Lucia fort: „Ist die Maria das Neves schon im Himmel?“ – „Jawohl“ – „Und Amelia?“ „Sie bleibt bis zum Ende der Welt im Fegfeuer“ – Am 13. Juli hatten die Kinder die Höllenvision. Ist uns der Himmel heute noch als Ziel unseres Lebens bewusst? Und die Hölle als das unbedingt zu Vermeidende? Werden nicht häufig die Verstorbenen schon beim Requiem in die Anschauung Gottes versetzt von oberflächlichen Predigern? Über die Dauer des Fegfeuers wissen wir nämlich nichts. Die Auskunft über Amelia stimmt nachdenklich! So ist Fatima eine Mahnung, die eschatologischen Daten – Himmel, Hölle, Fegefeuer – ernstzunehmen.
Auch der Themenkreis „Opfer, Sühne, Fasten“, bedarf einer Neubesinnung: Die Muslime haben ihren Ramadan. Wir noch eine Fastenzeit? Obwohl wir in jeder hl. Messe vom Sterben Jesu „für uns“ hören, ist uns die Sühne für das Heil anderer fremd geworden. Insofern kann ich nur Papst Benedikt XVI. zustimmen: „Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich.“ Fatima ist auch ein Ruf an uns. 

Prälat Prof. Dr. Anton Ziegenaus

Die Anmerkungen und Quellennachweise finden Sie im Artikel der Ausgabe Mai 2018 von „Der Fels“, die auch online angesehen werden können.

Foto: (li/mi) Titelseite der Ausgabe „Fatima 50“ , 13.10.67

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Eine Antwort auf 1917: „Fatima, ein neuer Frühling … nur für Portugal?“

  1. Jürg Rückert sagt:

    Mein Fatima ist aber größer als dein Lourdes!
    Und sie stritten darüber, wer unter ihnen der Größte sei.

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