Schaffen wir das?

Wir stehen vor großen Herausforderungen, z.B. durch die Zunahme des Individualismus mit der Einsamkeit im Gefolge, durch die Überalterung der Bevölkerung, mit den Problemen der Betreuung der medizinischen Versorgung. Die demographische Entwicklung wird erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitswelt bringen. Hinzukommt die politische Unsicherheit in Europa und darüber hinaus. Das erfordert von den Herausgeforderten Mut und eine gute körperliche und psychische Verfassung. Denn die Probleme werden nicht allein mit Roboter, Digitalisierung und Fachwissen zu bewältigen sein. Wie steht es mit der psychischen Verfassung der Deutschen? Stephan Baier ist dieser Frage nachgegangen. Er hat seinen Artikel mit „Kranke Gesellschaft“ (Tagespost 22.3.18) überschrieben. Das Ergebnis seiner Recherchen lautet: „Eine steigende Relevanz psychischer Erkrankungen“:
Die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich binnen 20 Jahren verdreifacht (Ärzteblatt). Seit 2006 melden die Krankenkassen einen steten Anstieg psychischer Diagnosen: Die AOK meldet eine Verdoppelung der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme und eine Steigerung der Ausfallstage um 70%. Die Arbeitsunfähigkeit wegen Depression war 2016 die drittwichtigste Einzeldiagnose. Wegen Burnout wurden 2015 fünfzehnmal mehr Menschen krankgeschrieben wie zehn Jahre davor.
Samuel Pfeiffer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie äußert: „Alles deutet darauf hin, dass mehr Menschen an leichten Depressionen und Erschöpfungssyndromen leiden und sich in Behandlung begeben“.
Was sind die Ursachen psychischer Erkrankungen? Smartphone mit seiner Informationsflut beschleunigt die Lebensabläufe. Die Wirtschaft fordert einen immer höheren Output pro Zeiteinheit. „Auch Kinder und Jugendliche überfordern ihr Gehirn, wenn sie sich auf oberflächliche und ständige Kommunikation und Informationsverarbeitung fokussieren“. Das „Mengenwachstum der Informationsgesellschaft“ bei steigender Vernetzung und ständiger Erreichbarkeit habe sogar die Kinder erfasst. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff gibt zu bedenken: Immer mehr Kinder seien „lernunwillig, rücksichtslos und leben nur lustorientiert“. Da Menschen nur eine bestimmte Menge an In-formationen aufnehmen und Entscheidungen treffen können, entsteht eine Reizüberflutung.
Das Internet hat neue Süchte geschaffen. Durch die Industrialisierung der Pornographie ist Pornosucht zum „Breitenphänomen der Kinder und Jugendlichen“ geworden. Hinzu kommt, dass sich durch das Internet die „Schere zwischen Lebensrealität und virtueller Existenz“ immer weiter wird, d.h. immer mehr Menschen leben in Scheinwelten.
Der Wiener Psychiater, Psychotherapeut und Neurowissenschaftler Raphael Bonelli bestätigt: „Zweifellos hat das Internet die Psyche extrem verändert“. „Es gebe einen Trend zur Oberflächlichkeit, Emotionalisierung und Hysterisierung von Debatten“, weiter: „Psychische Erkrankungen sind zeitgeistbedingt“. Es sei belegt, dass der „Narzissmus seit den 1968er Jahren im Steigen begriffen ist“. Bonelli sieht die Ursachen dafür in einer „verhätschelnden Erziehung, die das Kind inflationär lobt, statt es zu erziehen“. Die Erscheinung des Narzissmus lässt sich weltweit feststellen: An US-Universitäten wies „1985 jeder siebte Student erhöhte Narzissmus-Werte auf, 2009 jeder vierte“. Dabei sieht der Psychotherapeut und Arzt Reinhard Haller „einen Zusammenhang von Drogenkonsum und Narzissmus“.
Was ist zu tun? Psychisch Kranke brauchen eine ärztliche Behandlung. Die Wiedereingliederung in das Leben, das ihnen Selbstvertrauen und Mut gibt, ist wichtig. Was sind aber Kräfte, welche die psychische Stabilität stärken, das Ver-trauen in schwierigen Situationen, nicht alleingelassen zu sein, fördern. Die Familie, gute Freunde. Sicher! Da gibt es aber noch etwas, was tabuisiert wird. Das ist das Gottvertrauen. Mit der Zunahme psychischer Erkrankungen geht in der Gesellschaft eine schwindende religiöse Bindung einher. Religio bedeutet ja die Bindung an Gott. Gewiss schafft religiöse Bindung die Schwierigkeiten im Beruf und in der gesellschaftlichen Umgebung nicht aus der Welt. Wer aber religiös ist, lebt deshalb nicht in einer virtuellen, sondern wie wir alle, in der realen Welt. Andererseits wissen wir von Extremsituationen, dass religiös gefestigte Menschen in Gulags, KZ’s, in der Verfolgung besser durchhalten als areligiöse. Religiöse Menschen ziehen Hilfe aus der Zusicherung „ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. Ein Leben mit oder ohne Gott hat seine Konsequenzen.

Hubert Gindert

Erscheint auch in der Monatszeitschrift „Der Fels“.

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