„Abspecken tut weh“

so lautet ein wie immer sehr gescheiter Artikel von Regina Einig in der „Tagespost“ vom 28.Mai 2013 auf S.5. Das Thema „Entweltlichung“ ist seit der legendären Rede Papst Benedikts bei seinem letzten Deutschlandbesuch in Freiburg auf dem Tisch und wird es auch bleiben, bis auch die überinstitutionalisierte Kirche in Deutschland es ernsthaft und konsequent und vor allem mit Erfolg angeht. Die Kirche in Deutschland hat noch zwischen 2,5 und 3 Millionen jeden Sonntag praktizierende Katholiken und ca. 750.000 Mitarbeiter und Angestellte. Diese Zahlen sprechen für sich. Das Thema „Entweltlichung“ ist natürlich für alle Hauptamtlichen in der Kirche ein Schreckgespenst, weil eben so viele Arbeitsplätze aber auch sehr viel Einfluß bis hin zur Macht in der Kirche daran hängen.Dass die Arbeitsplätze aber nicht verloren gehen, sondern oft nur in staatliche oder private umgewandelt werden sollen und können, hat am Beispiel der katholischen Krankenhäuser der Theologe und Psychiater Dr. Manfred Lütz, Chefarzt des Kölner psychiatrischen Alexianer-Krankenhauses, zumindest für die katholischen Krankenhäuser in einem vielbeachteten Artikel in der Tageszeitung „Die Welt“ angedeutet, auf das sich Regina Einig bezieht. Lütz erklärte in diesem Artikel, dass die Kirche inzwischen einer der größten Arbeitgegber ist, „weil der Staat manches gerne an die Kirche abgibt“. Und das bringt sie in ein Dilemma. „Sie übt Arbeitgebermacht über Leute aus, die sich mit ihr nicht mehr indentifizieren wollen.“ So lange Ordensschwestern und Ordensbrüder die kirchliche Institutionen geleitet haben, war die katholische Welt in ihnen noch einigermaßen in Ordnung, weil die Nonnen und Mönche den Geist der Häuser prägten und zumindest bis vor etlichen Jahren auch für eine gute Kirchlichkeit in ihnen sorgten. Seitdem sich die Ordensleute mangels Nachwuchs aus den Krankenhäusern und anderen Institutionen zurückgezogen haben, unterscheiden sich die meisten von ihnen kaum noch von staatlichen und privaten Anstalten und es stellt sich die Frage, warum die Kirche all diese Krankenhäuser und Institutionen noch weiter führen soll, wenn an ihnen kaum noch etwas katholisch ist, ja sogar ein antikirchlicher Geist sich vielerorts in ihnen breit macht. Natürlich tut abspecken weh, besonders in den Führungsetagen der Kirche. Einfluß und Macht geht verloren.
So wehrt sich auch der katholische Krankenhausverband Deutschlands (KKVD) gegen die aus seiner Sicht „Polemik“von Manfred Lütz und weist auf die „christlichen Werte und die hohe Versorgungsqualität“ seiner Häuser als wichtigen Beitrag zum Gesundheitswesen in Deutschland hin. Die Versorgungsqualität ist unbestritten. Auch wird zu Recht seit vielen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass die kirchlichen Krankenhäuser vorbildlich wirtschaftlich arbeiten. Der KKVD, der bundesweit 420 katholische Krankenhäuser mit mehr als 165.000 Beschäftigten vertritt, erhebt den Anspruch, in seinen Häusern „vor Ort Kirche und Caritas erlebbar und erfahrbar zu machen.“ (Die Tagespost vom 28.5.13 S.7) Und genau das stimmt eben nicht. In allzu vielen katholischen Institutionen hat sich eine ausgeprägt Anti-Haltung gegenüber der Kirche ausgebreitet und Lütz spricht davon, dass in manchen kirchlichen Häusern “ eine Atmossphäre produzierter Heuchelei“ herrsche.
Er verlangt keineswegs, alle katholischen Krankenhäuser zu schließen. Das wäre ja angesichts der großen Zahl gar nicht möglich. Sondern was er verlangt ist, nur die Häuser und Institutionen im kirchlichen Besitz zu halten, in denen garantiert ist, dass sie im Geist der Kirche und nach ihrer Lehre geführt werden können. Das wird angesichts des Glaubensschwundes und des Glaubenswissens und der von innen und außen geschürten kirchen- und relgionsfeindlichen Stimmung hierzulande nur in wenigen Institutionen gelingen. Das muß man nun einfach einmal realistisch so sehen.
Alle Institutionen der Kirche gehören auf den Prüfstand, auch und besonders die katholischen Fakultäten. Wir haben im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz ca. 50 akademische Ausbildungsstätten, von denen nur wenige sich an das Lehramt halten und die meisten die Studenten vom Glauben wegführen als dass sie ihrer Aufgabe gemäß Wegführer sind. Klaus Berger, der wohl angesehenste deutsche Exeget hat in seinem neuen Buch „Die Bibelfälscher. Wie wir um die Wahrheit betrogen werden“ den Nachweis dafür geführt.
Die Fakultät in Münster, nach eigenem Bekunden die größte katholische Fakultät in Europa, hat nach eigenen Aussagen 2400 Studierende und hunderte von Mitarbeitern. Aus ihr kommen fast geschlossen mit die heftigsten Angriffe auf die Kirche, ihre Hierarchie und ihre Lehre. Wozu taugen all diese akademischen Stätten, wenn in der großen Mehrheit von ihnen der Glaube der Kirche infrage gestellt wird? Hinzu kommt die Verbeamtung der Universitätstheologen, die noch ein schwer lösbares Problem für die Kirchenleitung bilden, weil Beamte unkündbar sind. Die Verbeamtung von Wissenschaft und Lehre ist auch ein wichtiges politisches Problem in Deutschland.
In unmißverständlicher Weise und immer deutlicher äußerst sich Papst Franziskus tagtäglich in seinen Predigten in Santa Martha zu diesen Verhältnissen in der Kirche. Er legt ständig den Finger in unsere zahlreichen Wunden und wird gerade in Deutschland amtskirchlich hierin totgeschwiegen. So spricht er auch die Bürokratisierung in Teilen der Weltkirche an. Das trifft wohl uns Deutsche am meisten.
Die Bürokratisierung der deutschen Teilkirche ist einzig in der Weltkirche und lähmt das geistliche Leben, treibt die Pfarrer an den Rand der Erschöpfung und nimmt ihnen die Zeit für die Seelsorge.
Und so schließt Regina Einig ihren Artikel mit dem Satz: „Soll die ordentliche Seelsorge in den Pfarreien nicht künftig zum gefürchteten Grenzgang von Burn-out-Kandidaten werden, müssen Statusdenken und Strukturblasen innerhalb der Kirchen offen benannt werden dürfen.“
Dem schließen wir uns voll an.

Michael Schneider-Flagmeyer

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2 Antworten auf „Abspecken tut weh“

  1. Eduard Werner sagt:

    Wenn die Kirche ihre Theologiestudenten den Professoren zuführt, die das so genannte Theologen-Memorandum unterschrieben haben und daher die Priesterkandidaten absichtlich in die Irre führen, dann ist das extreme Verweltlichung. Die Kirche wird also in Deutschland nur zu retten sein, wenn die Armut bald zur Entlassung dieser Professoren zwingt.

  2. Marc sagt:

    „So lange Ordensschwestern und Ordensbrüder die kirchliche Institutionen geleitet haben, war die katholische Welt in ihnen noch einigermaßen in Ordnung, weil die Nonnen und Mönche den Geist der Häuser prägten und zumindest bis vor etlichen Jahren auch für eine gute Kirchlichkeit in ihnen sorgten.“
    Das muss bei so einigen Institutionen wirklich schon ETLICHE Jahre her sein. Ich kenne eine „kath“ Schule , von Ursulinen „geführt“, und ein Fransziskannerinnenkloster, jeweils mit Interkommunion und entsprechender „ökumenisch“-feiger-verlogener Geisteshaltung. Gewiss kein Einzelfall. Es liegt also nicht nur daran, dass auf die weltlichen Arbeitnehmer Rücksicht genommen werden muss, sondern dass viele leitende „Protestoliken“ der Generation 50+ ihr eigener Papst sind oder einfach einem „Wir ham uns alle lieb“-Kindergartenglauben anhängen. Gerade was Schulen angeht, ist das eine unsägliche Versündigung an der jungen Generation, die dadurch nicht im Glauben heranreifen können, ja eher noch davon abgehalten werden.

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