Klare Unterscheidung gegen die diabolische Rhetorik der Verharmlosung

Liebe Brüder und Schwestern,
breit und bequem ist der Weg, der ins Verderben führt, und viele gehen auf ihm. Es gehört zur Strategie des Teufels, die Sünde zu verharmlosen und so den Menschen ganz sachte und schmeichelnd anzulocken, einzufangen und von Gott, vom Quell des Lebens abzutrennen, bevor wir Menschen uns dessen überhaupt erst recht versehen. Wenn wir den biblischen Bericht vom Sündenfall, der unserer heutigen ersten Lesung aus dem Buch Genesis vorausgeht, auf uns wirken lassen, dann fällt vor allem die diabolische Intelligenz der Schlange auf. Mit listiger Insinuation fragt der Versucher: „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum des Paradieses essen dürft?“ Damit verdreht der Teufel das Wort Gottes nur ein ganz klein wenig, so dass man es fast nicht merkt. Gott hatte aber etwas anderes gesagt, nämlich: Von allen Bäumen dürft ihr essen – nur den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, der die Gottheit Gottes symbolisiert, den lasst unangerührt. Das heißt, ohne Bilder gesprochen: Freut euch an der Schöpfung, aber macht euch nicht selbst zu Gott, macht nicht eure eigene Lust und Laune zum Maßstab dessen, was gut und böse heißen soll, oder kurz: Widersteht der Versuchung, Gott spielen zu wollen.
Die Schlange stellt das in Frage und erweckt bei der Frau den Eindruck, es werde dem Menschen hier ein unglaublicher Genuß vorenthalten, nämlich wie Gott zu sein. Und Eva fällt prompt darauf herein, will vom Baum naschen und selbst festlegen, was gut und was böse ist – so wie wir heute uns oft unsere eigenen Moralvorstellungen machen, nicht selten gegen das natürliche und göttliche Sittengesetz. Vielleicht sagt Eva sich auch: „Einmal ist keinmal“. Verharmlosung der Sünde! Was aber folgt, ist kein Genuss, sondern die schamvolle Erkenntnis der eigenen Armut und Blöße. Der Mensch ist nicht wie Gott geworden, sondern mit Gott entzweit, er hat das ewige Heil verloren.
Wenn ein Schiff auf dem Ozean unterwegs ist – und auch nur um ein Geringes vom richtigen Kurs abweicht, dann kann es sehr schnell um hunderte oder gar tausende Kilometer sein Ziel verfehlen. Jeder Maurer weiß, dass geringe Abweichungen am Anfang sich am Ende beim Hausbau rächen, wenn man nicht auf die Wasserwaage geachtet hat. So ist es auch mit der Sünde, die am Anfang oft harmlos ausschaut, dann aber im Herzen des Menschen fest einwurzelt und ihn irgendwann ganz beherrscht. Ein Ausprobieren wird zur Gewohnheit, die Gewohnheit zur Sucht, die Sucht zum Verderben des ganzen Menschen. Ein streng katholisches Festhalten am Wort Gottes und am Gebot der Kirche ist daher keine Haltung der Ängstlichkeit, sondern eine Haltung der Wachsamkeit und der Entschiedenheit, eine Haltung der Unterscheidung der Geister, wie der hl. Ignatius sagt. Denn in der Tat, zwischen dem Geist der Sünde und Lüge und dem Heiligen Geist Gottes kann es keinen Kompromiss geben. Die Verharmlosung der Sünde ist gefährlich: Auch wenn eine Gesellschaft sich etwa an die massenhafte Abtreibung ungeborener Kinder oder an Ehebruch gewöhnt hat, bleibt Abtreibung dennoch ein brutaler Mord, und Ehebruch bleibt eine schwere Sünde gegen die Schöpfungsordnung. Nur die Gewissen sind dann eben schon abgestumpft und verroht, wir sind dem Bösen auf den Leim gegangen, bleiben hinter unserer menschlichen Würde zurück – und auch hinter dem Gnadengeschenk unserer Gotteskindschaft.
Gegen diese diabolische Rhetorik der schleichenden Verharmlosung der Sünde setzt Gott daher schon im Buch Genesis die Rhetorik der klaren Unterscheidung, wenn es heißt „Feindschafft stifte ich zwischen dir, der Schlange, und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, du triffst ihn an der Ferse.“ Gerade diese agonistische Stelle, wo es zwischen dem Teufel und der Frau keine Freundschaft, keinen Kompromiss geben kann, haben die Kirchenväter als eine Andeutung der Erlösung, als Protoevangelium gelesen. Die neue Eva ist Maria – und ihr Nachwuchs, Jesus, zermalmt den Kopf der Schlange. Denn auch Christus besteht im Evangelium darauf, dass man nicht den Teufel durch den Beelzebul austreiben kann. Die klare Abgrenzung gegen die Verführungsmacht des Bösen ist indes nicht ohne Mühe, nicht ohne Kampf zu haben.
Daher braucht ein christliches Leben 1. eine rechtverstandene Aszese und 2. ein treues Festhalten am geoffenbarten Glauben, insbesondere an den Dogmen der Kirche. Die Aszese will aber nicht Spielverderberei oder Weltflucht sein. Auch Christus hat gerne gegessen und getrunken und einen Sinn für die zarten Bande der Freundschaft gehabt, denken wir an Marta, Maria und Lazarus. Aber er hat auch gefastet und gebetet. Und auch uns sagt er heute: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet.“
Noch wichtiger als die Aszese ist aber der Wille zur Rechtgläubigkeit: Wer leichtfertig kirchliche Dogmen über Bord wirft und sich nach eigenem Gusto seine individuelle Wohlfühlreligion strickt, der betrügt sich letztlich selbst: er konstruiert sich einen Götzen und setzt sich nicht mehr mit dem herben Anspruch der Wahrheit auseinander. Gewiss schmecken ungesunde Zuckerbonbons besser als bittere Medizin. Aber das eine hilft, das andere schadet. Daher hat es zum Beispiel auch durchaus einen tiefen Sinn, wenn wir uns, wie die Kirche es uns aufträgt, im hl. Bußsakrament dem liebenden Gericht Gottes unterstellen – statt uns selbst einzureden, wir bräuchten nicht zu beichten, denn unsere Sünden seien ja harmlos und Gott werde das sowieso schon vergeben. Aber wie soll Versöhnung mit Gott geschehen, wenn wir zu stolz oder zu bequem sind, reumütig um Vergebung unserer Sünden zu bitten und die Gnade des Bußsakramentes zu empfangen, die uns hilft, nicht mehr in dieselben Sünden zurückzufallen? Papst Franziskus, und mit diesem Zitat möchte ich schließen, hat einmal gesagt: Gott wird nicht müde, uns zu verzeihen – aber werden auch wir nicht müde, ihn um seine Verzeihung zu bitten! Wenn das gelingt, sind wir durch den Heiligen Geist vor den Verlockungen des Bösen geschützt und können zu glücklichen Menschen werden, denen Gottes Gnade ein reines Herz bereitet hat. Amen.

Pater Cyprian Krause OSB

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