„Tragödie von historischem Ausmaß“ oder „Grandioser Sieg der Frauen“?

In den Kommentaren zum Volksentscheid in Irland über die Abtreibungsregelung konnten sich Abneigung und Hass auf die katholische Kirche austoben. So heißt es z.B. in der Augsburger Allgemeinen Zeitung (AZ) vom 29. Mai 2018 unter der Hauptüberschrift „Warum die Iren ja gesagt haben“ und im Untertitel „Die breite Zustimmung zur Liberalisierung der Abtreibung ist auch ein Triumph der Frauen über die alte Vormacht der Kirche“, weiter „Ein längst überfälliger Schritt“ … „Das Gesetz passte schon lange nicht mehr zu diesem liberalen, aufgeschlossenen Land, das sich seit Jahren von der katholischen Kirche abwendet“. … „Die Menschen lassen sich in moralischen Fragen nicht länger mehr von ihr belehren“ … „Über Jahrhunderte herrschte ein von der Kirche gesteuertes Unterdrückungssystem, das vor allem auf Frauen abzielte“. Weitere Kommentare hören sich ähnlich an. So heißt es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „… In all dem zeigt sich der Machtverlust, der einst dominierenden katholischen Kirche“, in der Süddeutschen Zeitung: „Die Macht der Bischöfe, die das Land Jahrhunderte im Griff hatten, ist gebrochen“, Die Welt: „Irland hat sich für die Menschlichkeit entschieden“, die Zeit: „Ein großer Sieg für Menschlichkeit und Mitgefühl“. Die Internationale Presse hat ähnliche Töne. So feierte The Irish Times den „Erdrutschsieg“. „The British Observer“ hofft auf die weltweite Auswirkung des irischen Ergebnisses für die Unterstützung der Frauenrechtsaktivistinnen in den USA und in Polen etc.
Die Veränderung der Einstellung zur Kirche hat sich seit Jahren abgezeichnet: 1995 stimmten die Iren mit knapper absoluter Mehrheit der Ehescheidung zu. 2015 sprachen sich 62% für die „Homoehe“ aus. Für eine liberalisierte Abtreibungsregelung votierten 68%.
Zweifellos haben die sexuellen Übergriffe von Priestern an Jugendlichen dazu beigetragen, die Autorität der Kirche zu untergraben. Wenn aber diese Ursachen für den Ansehensverlust genannt werden, darf auch daran erinnert werden, dass die Aufarbeitung der Vorfälle seit Benedikt XVI. mit Nulltoleranz betrieben wurde und nur ein kleiner Teil der Priester in diese Verbrechen einbezogen war.
Es wäre auch angebracht, einmal zu fragen, worin die enge Verbindung zwischen der Kirche und dem irischen Volk begründet war? Warum konnte man zurecht von der „katholischen Insel“ sprechen? Diese Frage wird von der Geschichte beantwortet. Irland wurde im 16. Jahrhundert von Heinrich VIII. erobert. Das Land blieb bis 1923 unter englischer Zwangsherrschaft. In dieser Zeit der Unterdrückung gab es Phasen, die an Völkermord erinnern, z.B. in der Zeit Oliver Cromwells. Dieser Vorwurf gilt nicht nur für Orte, wie die Stadt Drogheda, wo er die gesamte Bevölkerung ermorden ließ. Die Zeiten der Ausbeutung, in denen den katholischen Iren Land und Habe genommen wurden und sie im eigenen Land ein erbärmliches Leben als Pächter fristen mussten, belegen das deutlich. Als im 19. Jahrhundert 1839 und 1846 die Kartoffelernten, das Hauptnahrungsmittel der Iren, durch die Phytophtora (Krautfäule) vernichtet wurde, starben Tausende dahin. Das nahe England ließ das tatenlos geschehen. Wer die Fracht für die Auswanderung aufbrachte, wanderte in die USA aus. Die Bevölkerung ging von 8,3 Mio. 1850 auf 5,1 Mio. 1881 zurück. In diesen Jahrhunderten der Unterdrückung blieben die Priester bei ihren Leuten und teilten jede Not mit ihnen. Die irische Kirche war eine Volkskirche, vergleichbar mit der Kirche in Polen. Auch dort blieb der Klerus in den vier Teilungen mit der Gefahr der Auslöschung von Sprache und Kultur beim Volk.
Wer ist aber der wirkliche
Gewinner des Volksentscheids
in Irland?
Das ist die Abtreibungslobby, bestehend aus den Abtreibungsärzten und jenen, die mit den verwertbaren Körperteilen getöteter Ungeborener Geschäfte machen. Ein Milliardenmarkt.
Das sind die Medien und Institutionen, die seit Jahren Kampagnen für die Abtreibung führen.
Das sind die Gegner der Menschenrechte, weil das Recht auf Leben ein grundlegendes Menschenrecht ist. Ihr Netz wurde enger geknüpft.
Das sind die Feinde des Friedens. Mutter Teresa hat die Abtreibung als größte Gefahr für den Frieden bezeichnet.
Das sind die Feinde der katholischen Kirche, weil sie die letzte Bastion ist, die Abtreibung kompromisslos als „verabscheuungswürdiges Verbrechen“ (Zweites Vatikanisches Konzil) ablehnt.
Sind die Frauen die Gewinner?
Nein! Sie sind oft nur die Opfer ihrer nächsten Umgebung, die sie dazu drängt. Für diese Verführer wäre es besser, wenn ihnen ein Mühlstein um den Hals gehängt würde und sie in die Tiefen des Meeres versenkt würden (Lk 17,2). Auf die schwangeren Frauen, die ihr Kind austragen wollen, wird der Druck abzutreiben, zunehmen, weil das ja jetzt „gesetzlich erlaubt ist“. Frauen, denen mit der Abtreibung die große Freiheit und das Recht auf den eigenen Bauch vorgegaukelt wurde, werden von den Aktivisten der Abtreibung, wenn sie das Unrecht der Abtreibung einsehen, im Stich gelassen. Es wird ihnen dann der bekannte Spruch vorgehalten „Was geht das uns an, siehe du zu“! (Matt 27,5)
Gibt es da nicht noch einen Dritten?
Das sind die ungeborenen Kinder. Das Leben der Ungeborenen war den Kommentatoren keine Zeile wert.

Hubert Gindert

Erschienen in der Monatszeitschrift „Der Fels“ August 2018 

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