Sehnsucht und Gottesliebe. Was der Kirchenvater Augustinus uns heute sagen kann

Am 28. August feierte die katholische Kirche das Fest des heiligen Kirchenlehrers und Kirchenvaters Augustinus – übrigens einen Tag nach dem Fest seiner Mutter Monika, die sich mit großer Hartnäckigkeit, jedoch noch viel mehr mit Gebet um die Bekehrung ihres Sohnes bemühte. Augustinus hatte so einige Irrwege beschritten, bis er schließlich zu Jesus Christus fand und den dreifaltigen Gott mit brennender Liebe verehrte.
Für Augustinus stand vor allem die Sehnsucht nach dem Wahren und Guten zeitlebens im Mittelpunkt seines Lebensweges. Monika hatte sich früh darum bemüht, ihrem Sohn Christus nahezubringen. Tatsächlich findet Augustinus auf der Suche nach der Wahrheit zu Christus, indessen führt ihn sein Weg aber zuerst zu einer Bewegung, deren Mitglieder sich – wie es Papst Benedikt XVI. einmal ausdrückte – als Christen ausgaben: den Manichäern. Der Manichäismus ging davon aus, dass der Mensch im Grunde zutiefst verdorben sei. Doch durch die Erkenntnis eines Lichtreiches kann der Mensch sich dem Guten zuwenden, allerdings ist das nur Auserwählten möglich, die überaus asketisch lebten. Für die anderen gab es einen Manichäismus „light“, und der kam Augustinus gerade recht. Denn er liebte einerseits ein ausschweifendes Leben und schätzte auch die einflussreichen Persönlichkeiten, die er in diesen Kreisen kennenlernen konnte. Gleichzeitig aber blieb immer noch seine Sehnsucht nach dem Wahren und Guten, die er am Ende bei den Manichäern doch nicht erfüllt fand.
Augustinus wendet sich von den Manichäern ab und sucht weiter. Entscheidend wird für ihn die Begegnung mit Ambrosius, dem Bischof von Mailand. In dessen Predigten entdeckt er die Wahrheit, die er so lange gesucht hat. Hatte er früher eine Abneigung gegenüber dem Alten Testament, so entdeckt er es dank der Unterweisungen von Ambrosius nun als Hinführung zu Jesus Christus.
„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir“, so wird er in seinem bekanntesten Werk, den „Confessiones“, seinen Weg zu Christus beschreiben. Von Gott selbst wird der Mensch angeregt, ihn zu preisen, schreibt der Heilige. Denn Gott ist es, der den Menschen sucht und sich danach sehnt, dass er zu ihm zurückkommt. Augustinus beruft sich dabei auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn und dem barmherzigen Vater, der zwar den Sohn in die Ferne ziehen lässt, den aber sein Schicksal nicht kalt lässt. Ganz im Gegenteil: Gott sehnt sich nach der Rückkehr des Menschen. Der heilige Franz von Sales wird später, im 17. Jahrhundert, von den „Lockungen“ Gottes sprechen. In seinem „Theotimus“ betont er im Zweiten Buch, Kapitel 12, „Die göttlichen Lockungen lassen uns volle Freiheit, ihnen zu folgen oder sie abzulehnen“ Folgendes: „Gott zieht uns nicht mit eisernen Fesseln an sich wie Stiere oder Büffel, sondern er wirbt um uns, er lockt uns liebevoll an sich durch zarte und heilige Einsprechungen.“ (DASal 3, 129).
Augustinus hat genau diese Liebe Gottes fasziniert, dass der große Gott, sich dem kleinen Menschen zuwende. Er schreibt unmittelbar, bevor er von der Ruhe seines Herzens in Gott spricht: „Groß bist du, Herr, und über alles Lob erhaben. Und da will der Mensch dich preisen, dieser winzige Teil deiner Schöpfung. Du selbst regst ihn dazu an; denn du hast uns zu dir hin geschaffen.“ Wir sind also auf diesen Gott hin geschaffen, er will die Beziehung zu uns, und er will sie, damit wir glücklich werden. Gottes Interesse ist letztlich unser Glück, man könnte sagen: Im Grunde will er nichts für sich, sondern ist wahrhaft Existenz für andere – Proexistenz. Genau das hat er ja auch durch seine Menschwerdung bewiesen, die zu unserem Heil geschah, zu unserer Erlösung.
Für Augustinus ist Gott das absolut Gute. Und wer sich dem absolut Guten zuwendet, der wird glücklich. Diese Aussage ist gerade auch für unsere Zeit interessant. Es gibt so viele andere „Götter“, die die Menschen heute dem wahren Gott vorziehen: Geld, Egoismus, Selbstverwirklichung ohne Rücksicht auf den anderen. Vor allem ist es die Tendenz des Menschen, sich selbst zum Gott, zum Herrn über alle Dinge zu machen und dabei den wahren Gott zu vergessen, der das wahre Glück des Menschen will. Doch der Mensch scheint es besser zu wissen und interessiert sich rein gar nicht für den Willen Gottes, der es zwar dem Menschen nicht leicht machten, ihn aber glücklich macht. Denn gerade auch der Wille Gottes ist immer die Liebe Gottes.
Von Augustinus stammt ein bekanntes Zitat, das allerdings oft missverstanden wurde: „Liebe, und was du dann willst, das tu!“ Dieses Zitat ist genau in dem Kontext des vorher Gesagten zu sehen – es bedeutet nicht: Seid nett zueinander – und ihr seid schon gute Christen. Vielmehr geht es darum, sich auf den schwierigen und doch auch glücksbringenden Weg der Gottesliebe zu machen und bereit zu sein, aus Liebe seinem Willen nachzukommen. Aber dieser Wille ist, Gott und den Nächsten zu lieben. Es ist die Liebe, die Gott in Christus selbst vorgelebt hat: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“
Für Augustinus ist – so wie auch für Paulus – die Liebe die Erfüllung des Gesetzes Christi. Ein solches Handeln ist möglich aus dem Bewusstsein der Liebe Gottes. Und dieses Bewusstsein muss immer neu gestärkt werden. So bedeutet der Satz „Liebe, und was du dann willst, das tu!“ auch, dass ich mich immer mehr auf diesen Gott einlasse, indem ich immer mehr seine Liebe suche, im Gebet, in der Anbetung, in der Feier der Eucharistie. Auch das gehört zur Erfüllung des Gesetzes durch die Liebe.

Diakon Raymund Fobes

Foto: (c) Raymund Fobes

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