Die Gebrüder Baiz – Verfolgte der Hitlerdiktatur

Es wird immer noch viel über die Hitlerzeit diskutiert. Manchmal kann man von Jüngeren hören: „Die Alten haben total versagt! Wie konnten sie im Dritten Reich mitmachen! Sie hätten Widerstand leisten müssen!“
Doch man fragt sich: Wären die heutigen Generationen wirklich besser? Laufen wir nicht auch am liebsten dem großen Haufen – immer dem Zeitgeist, dem gerade Modernen – hinterher? Zum Beispiel: Wie viele von uns Christen verteidigen wirklich unseren Glauben, obwohl es keine Verfolgung sondern höchstens Verachtung kostet?
Mancher fragt wohl zurecht: Wenn wir die Not von 1932 wieder hätten, müsste dann nicht nur wieder der richtige „Rattenfänger“ auftauchen?
Sind die Menschen heute nicht noch viel leichter zu verführen, weil sie meist keinen festen Rückhalt mehr im Glauben haben und die modernen Medien etc. noch viel mehr Möglichkeiten zur Manipulation der Massen bieten.
Man kann aus der Geschichte viel lernen! Das folgende Schicksal der Gebrüder Baiz aus dem Allgäu zeigt, wie hart die Nazis im Dritten Reich sogar gegen den geringsten Widerstand vorgingen und wie gemein und hinterhältig „liebe“ Mitbürger und sogar bisherige Gegner Hitlers Andersdenkende zum Schweigen gebracht haben!
Das Klima der Angst führte zum „Nichts hören“, „Nichts sehen“ und „Nichts wissen“ wollen!
Wenn ich nicht noch aus den Erzählungen meines inzwischen längst verstorbenen Vaters von diesem Fall gewusst hätte und wenn nicht noch ein paar Angehörige etwas über die damaligen Vorkommnisse beitragen hätten können, wäre die Verfolgung der Gebrüder Baiz bald ganz vergessen worden. Mit Hilfe des Münchner Staatsarchivs konnte Genaueres ans Licht gebracht werden.
Das Geschlecht Baiz ist eines der ganz wenigen alten Geschlechter in Kleinweiler, deren Name in Kleinweiler seit über 200 Jahren noch fortlebt.

Die Geschwister Baiz waren im heutigen „Rimmelhof“ (Letzweg) daheim. Magnus Baiz, geboren am 20.11.1869 in Kleinweiler, war bereits verwitwet. Von Beruf war er Zimmermann und betrieb dazu noch die kleine Landwirtschaft. Magnus Baiz war es, der 1903 im inzwischen abgebrochenen Pfarrhof das Amtszimmer an der Decke und an den Wänden schön getäfert hatte. Mit auf dem Hof lebte sein lediger Bruder Hans, geboren am 26.6.1879 in Kleinweiler. Beide waren überzeugte Sozialdemokraten.
Am 15. März 1936, einem Sonntag Nachmittag, saß Magnus Baiz im Gasthaus Sonne (damals Gudermann). Einige spielten an seinem Tisch Karten. Drei halbgewachsene Kinder haben dazu noch Handharmonika im Lokal gespielt. Wegen der in zwei Wochen bevorstehenden Wahl kam man ins Politisieren. Da habe sich Magnus Baiz so „oder so ähnlich“ geäußert: „Heut‘ vierzehn Tag wär es vielleicht doch möglich, dös Früchtle oder Bürschle herunter z‘bringen von seim Postamentle.“ Sein Gesprächspartner erwiderte ihm: Das sei undenkbar, weil doch überwiegend Nationalsozialisten vorhanden seien. Magnus sagte darauf: Was, was, da sollst du andere Leute hören!
Das genügte! Die Aussage machte nun in der Spulenfabrik die Runde: Der Gesprächspartner von Magnus Baiz berichtete es einem Werkmeister, dieser meldete es dem in der Spulenfabrik aufgestellten „Vertrauensrat“ und dieser wiederum dem Kleinweiler „Zellenleiter der NSDAP“,¬ der dann am 25. März 1936 bei der Gendarmerie-Station Kleinweilerhofen (Nebengebäude des Gasthauses Sonneck) Anzeige erstattete. Sofort ging die Ortspolizei der Sache nach: Der Gesprächspartner vom Gasthaus Sonne bezeugte die Magnus Baiz vorgeworfene Behauptung (besonders tragisch ist dabei, dass dieser Zeuge ein abgesprungener Sozialdemokrat und damit ein ehemaliger Parteifreund von Magnus Baiz war).
Als weiteren Zeugen gab er den Käser Johann Burger aus Isny an. Dieser jedoch half ihm nicht, sondern sagte bei der polizeilichen Vernahme: Er habe nichts gehört …, weil er dem Gemauschel … kein obacht geschenkt habe und den Kartenspielern zugeschaut habe.
Magnus Baiz versuchte beim Verhör die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe zurechtzurücken, räumte aber durchaus kritische Aussagen gegen das Regime ein: „Ich bin der Meinung, dass der größere Teil der arbeitenden Bevölkerung heute nicht zufrieden ist, weil diese Leute zuwenig Geld haben und zu viele Abgaben zahlen müssen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich beleidigende Äußerungen gebraucht habe… Jedenfalls werde ich Hitler gemeint haben, wenn ich vom herunterbringen gesprochen habe …“
Magnus Baiz gab als Zeuge zu seinen Gunsten den Käser August Beckeler aus Isny an. Dieser wurde vom Isnyer „Oberlandjäger“ vernommen und gab zu Protokoll: „Ich saß damals mit Burger und Baiz zusammen an einem Tisch. Dabei wurde von Politik überhaupt nichts geredet. Ich wenigstens habe davon nichts gehört.“
Der Kleinweiler Gendarm verhörte schließlich auch noch die drei Kartenspieler Remigius Siegel von Nellenberg, Xaver Kalbrecht (Knecht im Greit) und Andreas Dürrheimer von Seltmans; alle drei hatten nichts Bemerkenswertes in dieser Sache gehört.
Dennoch:
Am 1. April 1936 wurde Magnus Baiz verhaftet und kam in sogenannte „Schutzhaft“ ins Gefängnis nach Kempten. Dort saß er bis zum 19. Juni 1936. Es war eine harte Zeit für ihn, zumal man den damaligen Strafvollzug nicht mit dem heutigen vergleichen kann!
Am 21. Juli 1936 ordnete der Generalstaatsanwalt die Strafverfolgung an und am 1. September 1936 fand in Kempten der öffentliche Prozess unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Braun statt.
Vor Gericht bestritt Magnus Baiz die ihm vorgeworfene Äußerung, gab aber zu, dass es möglich sei, dass er den Führer als „Burschen“ bezeichnet habe. Der Zeuge konnte oder wollte sich nun nicht mehr erinnern, welchen Ausdruck Magnus Baiz gebraucht habe.
„Das Gericht“ blieb aber „überzeugt, dass die Angabe des Zeugen gegenüber der Polizei zutreffend war“, zumal „dem Angeklagten eine derartige Äußerung … wegen seiner politischen Vergangenheit“ auch zuzutrauen sei.
So wurde Magnus Baiz „zur Gefängnisstrafe von zwei Monaten, verbüßt durch die Schutzhaft, sowie zur Tragung der Kosten verurteilt.“
Die Urteilsbegründung lautete u.a.: „Diese Äußerung war nach Form und Inhalt gehässig und mit der darin liegenden Aufforderung dem Führer die Stimme zu versagen, hetzerisch. Sie war geeignet, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben. Dessen war sich der Angeklagte auch bewusst, er wollte sogar, dass das Volk dem Führer das Vertrauen abspricht … Der Angeklagte hat seiner Abneigung gegen den Führer und das 3. Reich in einer äußerst hämischen Weise Luft gemacht, die die Freude an der Kränkung des Führers klar erkennen lässt.“
Als strafmildernd wurde das „hohe Alter und seine bisherige Straflosigkeit“ angerechnet. „Da überdies der Ausgang der Wahl bewiesen hat, dass das Volk in überwältigender Mehrheit hinter dem Führer steht, erschien eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten als ausreichend.“
Der Richter wusste sicherlich, dass diese Wahl längst keine freie Wahl mehr war. Es ist bemerkenswert, wie auch diese hochgebildeten Juristen (Landgerichtsdirektor, zwei Landgerichtsräte als Beisitzer und der 1. Staatsanwalt mit Doktortitel) in diese Unrechtsjustiz hineingezogen werden konnten und stillschweigend mitgemacht haben!
„Ja wir werden mutig, wenn wir uns in Gottes Hand geborgen wissen, was immer uns auch treffen mag. Es gibt keine Macht auf Erden, die uns ohne die Zulassung Gottes etwas anhaben könnte, Gott lässt uns nie zappeln. Er lässt nur Prüfungen zu, die uns zum Nutzen gereichen …“ Sel. Rupert Mayer
Während des Krieges war es streng verboten, ausländische Radiosender, „Feindsender“, zu hören. Magnus und sein Bruder Hans informierten sich trotzdem immer wieder über den wirklichen Stand des Krieges beim Schweizer Radio.
Wohl deswegen oder aufgrund kritischer Äußerungen gegen das Naziregime ist auf jeden Fall Hans Baiz (vielleicht auch noch mal sein Bruder) angezeigt und verhaftet worden. Nach den Erinnerungen ihrer Nichte (Frau Mühlbauer) kam Hans in dem strengen Winter 1943/44 ins Gefängnis nach Kempten. Hans hat „unter diesem Gefängnisaufenthalt besonders gelitten, weil er dort Wintermonate verbringen musste. Es gab für die Gefangenen keine Heizung und natürlich auch sehr wenig Essen und dazu musste er tagsüber Schneeschaufeln, mit hungrigem Magen und frierend. Er bekam deshalb im Gefängnis eine schwere Lungenentzündung und auch eine Rippenfellentzündung, wofür natürlich Pflege und Medikamente fehlten. Schwerstkrank hat man ihn zurückgebracht in das Krankenhaus Seltmans, wo er noch seinen Angehörigen berichtet hat, dass er sich im Gefängnis überhaupt nicht mehr erwärmen konnte… Nachts konnte er sich nur mit einer schlechten Rossdecke auf einer Pritsche niederlassen.“
Am 13. Mai 1944 ist Hans Baiz verstorben, sein Bruder Magnus bereits am 17.9.1943 – ebenfalls im Krankenhaus Seltmans.
Schon ein Jahr nach dem Tod von Magnus Baiz wollten viele – wohl auch seine Richter – nicht mehr am Unrechtsystem beteiligt gewesen sein!

Erwin Reichart

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