Getreu bis in den Tod.

Von manchen Menschen verlangt das Schicksal plötzlich eine Entscheidung, welche ihre natürlichen Kräfte übersteigt. So auch von dem deutschen Soldaten Leonhard Andersag. Er ist am 14. 10. 1913 in Südtirol geboren. 1919 kam er in eine vierjährige Volksschule, in der nur Italienisch gesprochen werden durfte. Nach dem Ersten Weltkrieg war Südtirol an Italien gefallen. Alle deutschen Namen wurden zwangsweise italienisiert. Aus dem Familiennamen Andersag wurde Dallasega. Nach der erzwungenen Teilnahme am Abessinienkrieg lebte Leonhard D. mit seiner Familie wieder in dem 1400 Meter hochgelegenen Dorf Poveis, der südlichsten deutschen Sprachinsel auf dem Nonsberg. Das Leben dort war hart und entbehrungsreich.
Als 1943 deutsche Truppen Oberitalien besetzt hatten, wurde Leonhard zum deutschen Militär einberufen und mit vorgehaltener Pistole gezwungen, in die Waffen – SS einzutreten. Bis zum Kriegsende war er in Italien eingesetzt. Beim Rückzug passierte Folgendes:
Eine deutsche Kompanie wurde von italienischen Partisanen bei Giazza überfallen. Die Deutschen wehrten den Angriff ab. Anschließend verhafteten sie alle männlichen Bewohner des nahen Dorfes Giazza, um zur Abschreckung für jeden gefallenen Deutschen zehn Italiener zu erschießen. Da meldete sich der italienische Dorfpfarrer Don Domenico Mercante und sagte: „Diese Leute aus dem Dorf sind unschuldig. Nehmt mich und lasst sie gehen!“ Nach einigem Zögern nahm der deutsche Offizier das Angebot an. Er ließ den Pfarrer vor einen Bombentrichter führen und stellte das Erschießungskommando auf. Da rief Leonhard: „Dieser Mann ist unschuldig! Einen Unschuldigen erschießen ist ja Mord.“ Nun fragte ihn der Kommandant, ob auch er katholisch sei, weil er so rede. „Ja,“ war die Antwort. „Ich bin katholisch und habe Frau und vier Kinder daheim, aber lieber sterbe ich, als auf einen unschuldigen Priester zu schießen.“ Darauf zynisch der SS-Offizier: „So, jetzt werden Sie den Pfarrer erschießen.“ Als Leonhard sich weigerte, wurde er wegen Befehlsverweigerung zum Tode verurteilt. Er musste zuerst noch zusehen, wie der Pfarrer erschossen wurde. Dann musste Leonhard vor den Bombentrichter treten. Er rief fassungslos „Aber ich habe vier Kinder daheim.“ Da krachten schon die Schüsse und Leonhard stürzte tot neben die Leiche des Priesters in den Bombentrichter. Das geschah am 27. April 1945, wenige Tage vor dem Ende des Krieges. Bauern aus der Umgebung pflegten zunächst das provisorische Grab der beiden Helden. Später wurde die Leiche des Priesters nach Giazza überführt und die Leiche von Leonhard Dallasega in den Soldatenfriedhof von Meran, Grabnummer 1018.
Als ein heimkehrender Soldat die Nachricht über dieses Geschehen in das Haus der Familie Dallasega (Andersag) in Poveis brachte, war der Schock entsetzlich. Heute empfinden Leonhards Kinder bei aller Trauer eine tiefe und dankbare Verbundenheit mit ihrem Vater. Sie brauchen sich seiner nicht zu schämen, denn er ist dem Sittengesetz treu geblieben. Nach den Worten seines Sohnes Ewald, der jetzt in Deutschland lebt, hat sein Vater mehr für die Versöhnung der Völker getan, als mancher Diplomat mit Reden überhaupt tun kann.

Eduard Werner

Quellen: Siegfried Staudinger: Geistliche Miniaturen, Journal-Verlag, 2002
Internet –Auszug aus der Zeitung Dolomiten…..

 

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