Änne Meier (1896 – 1989): „Ich wusste, dass ich das Kreuz mittrage“

Das katholische Milieu leistete im Nationalsozialismus vor allem einen geistigen Widerstand. Das zeigen nicht nur 99 % der Priester. Auch viele katholische Politiker, Offiziere und vor allem die katholischen Lehrerinnen waren mit ihrer Ablehnung des Nationalsozialismus im katholischen Milieu fest verankert. Eine dieser Lehrerinnen war Änne Meier aus dem Saarland. Sie wurde 1896 als fünftes von sieben Geschwistern geboren. Nach dem Abitur wurde sie 1917 Grundschul-Lehrerin. In diesem Beruf war sie glücklich. Leider musste sie nach wenigen Jahren ihre Stelle an einen aus dem 1.Weltkrieg zurückgekehrten Lehrer wieder abgeben. Deshalb wurde sie Fürsorgerin. Auf der Fachschule in Heidelberg fand sie Kontakt zur neuen Liturgischen Bewegung und lernte damit den Freundeskreis um Romano Guardini kennen.
1925 übernahm sie die Leitung des Fürsorgewesens in St. Ingbert im Saarland. Daneben war sie beim Aufbau der katholischen Jugendarbeit im Saarland engagiert. 1931 war sie führend daran beteiligt, im Saarland den „Bund katholischer Pfadfinderinnen“ zu errichten. Damit konnte sie ihren pädagogischen Idealen in veränderter Form treu bleiben. Im ganzen Saargebiet konnte die religiöse Jugendarbeit weitergehen, als sie im übrigen Reichsgebiet durch die Nationalsozialisten schon sehr eingeschränkt war, denn das Saargebiet war durch den Versailler Vertrag vom Reichsgebiet abgetrennt. Hier fühlten gar manche Saarländer einen schmerzlichen Zwiespalt in sich. Sie wollten zwar politisch zu Deutschland gehören, sie fürchteten aber gleichzeitig die Einschränkungen der bürgerlichen und religiösen Freiheiten.

Änne Meier sah den Gegensatz zwischen der internationalen und zeitlosen Botschaft Christi einerseits und dem engherzigen Nationalismus in Deutschland anererseits, Als folgerichtig erschien ihr daher, dass der Vatikan das ideologische Hauptwerk der Nationalsozialisten, den „Mythus des 20.jahrhunderts“ von Alfred Rosenberg, im März 1934 auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher setzte. Als es 1935 um die Rückgliederung des Saarlandes in das Deutsche Reich ging, warnte sie in ihrem großen Bekanntenkreis dringend davor, für den Anschluss an Hitler-Deutschland zu stimmen. Sie sagte: „In ein Land, in dem keines der zehn Gebote beachtet wird, möchte ich nicht.“ Als sie jedoch bald sehen musste, dass die Mehrheit der Saarländer dem nationalen Jubel erlag und für Hitler-Deutschland stimmte, war ihre Enttäuschung groß. Als die konfessionellen Jugendverbände 1938/1939 endgültig verboten wurden, arbeitete Änne Meier heimlich weiter. Sie traf sich weiterhin mit Jugendlichen in Privatwohnungen, um religiöse Themen zu besprechen und vor allem, um Protestbriefe von Priestern und Bischöfe abzuschreiben und weiterzugeben. Ihre Gegnerschaft zum nationalsozialistischen System war bekannt. Deshalb wurde sie nicht befördert. Schließlich wurde ihr sogar der Beamtenstatus aberkannt. Am 21. Januar 1942 wurde sie in ihrer Wohnung verhaftet. Es folgten zehn Wochen Einzelhaft mit strengen Verhören. Dann wurde sie in das berüchtigte Frauengefängnis Ravensbrück überstellt, wo sie zwei Jahre lang an Hunger, Kälte und Misshandlungen Schreckliches erleiden musste. Auf dem Todesmarsch wurde sie am 28.April 1945 befreit. Sie kehrte in das Saarland zurück und übernahm wieder ihre alte Stelle. Neben der Berufsarbeit engagierte sie sich nun in der Friedensarbeit bei Pax Christi, eine Organisation, die damals nicht einseitig ausgerichtet war. 1988 erhielt Änne Meier das Bundesverdienstkreuz. Ihr christliches Gewissen ließ sie für die Zehn Gebote, für die Kirche und für die Rechtstaatlichkeit eintreten. Und das unter Einsatz ihres Lebens!
Eduard Werner

Quelle: Elisabeth Pregardier in „Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus“ ,Morus Verlag

Quelle: Eduard Werner: Helden und Heilige in Diktaturen, Media Maria Verlag, Illertissen 2017

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