Weltgestaltung, doch keine Anpassung

Augsburger Theologische Sommerakademie
Christen leben „in der Welt“, sie sind aber nicht „von der Welt“. Das heißt, sie müssen sich mit ihrer Welt und Umwelt auseinandersetzen, sie aber aus dem Glauben an den göttlichen Christus deuten – und dieser Glaube muss auch ihr Handeln bestimmen. Papst Benedikt XVI. hat dies mit dem Begriff der „Entweltlichung“ ausgedrückt, was nicht den Rückzug aus der Welt bedeutet, sondern eine Verlagerung des Blickwinkels fordert – alles im Licht des Glaubens zu betrachten, was dann auch in der Welt manche Dunkelheiten erkennen lässt.
Die Theologische Sommerakademie in Augsburg setzte sich vom 29. August bis zum 1. September 2018 mit dieser Entweltlichung auseinander. Ihr Thema war dem Römerbrief entnommen, wo Paulus schreibt: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!“ (Röm 12,2). Insgesamt neun Referenten betrachteten aus verschiedenen Perspektiven dieses Thema und gaben den Besuchern der Akademie so wertvolle Impulse auf dem Glaubensweg.
Wahr, gut, aber nicht angenehm
Das Eröffnungsreferat hielt Prälat Prof. Dr. Anton Ziegenaus, der wissenschaftliche Leiter der Akademie. Er behandelte das Thema „Der Mensch auf der Suche nach Wahrheit – Gott spricht zu ihm durch seinen Sohn“. Dabei ging er sowohl auf philosophische wie auch auf theologische Aspekte ein. Er erinnerte an Sokrates, der sagte, es sei besser Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. Das bedeutet auch, dass das Gute (und damit das Wahre) nicht identisch mit dem Angenehmen ist. Vielmehr kann es nötig sein, um des Guten und Wahren willen zu leiden. Diese Aussage des Sokrates bietet im Grunde die Folie für unseren christlichen Umgang mit der Wahrheit, die von Gott offenbart ist, wie es etwa das Beispiel der heiligen Edith Stein zeigt, die ihr Martyrium in den Gaskammern der Nazis als Sühnetod, also als Dienst an etwas Gutem und Wahrem, begriffen hat.
Im Weiteren stellte sich Ziegenaus der Frage, warum uns gerade in Jesus Christus Wahrheit offenbart ist. Die Antwort liegt darin, dass er Gottes Sohn war. Doch davon distanzieren sich viele. Da ist zu hören, dass alle Religionen gleich sind. Die Erfahrung aber lehrt, dass jede Religion ein anderes Gesicht hat. So ist die Würde aller Menschen Grundlage des Christentums – die Religion der Azteken hingegen etwa forderte Menschenopfer. Auch die Antwort, dass Jesus Christus zwar nicht Gott, doch der genialste aller Menschen war, befriedigt nicht – es könnte ja noch ein größeres Genie kommen. Die Leugnung Jesu Christi als Sohn Gottes hat gerade auch in der philosophischen Entwicklung in den letzten Jahrhunderten ihren Grund. So geht der Historizismus davon aus, dass es feste Wahrheiten schlechterdings nicht gibt. Demgegenüber steht zum einen aber die Offenbarung Gottes, die zu erkennen dem Menschen gnadenhaft als göttliches Geschenk möglich ist. Zum anderen aber ist auch zu bedenken, dass der Mensch eine tiefe Sehnsucht nach Wahrheit hat. Wahrheit gibt Halt und einen festen Grund, so Ziegenaus.

Dass das Gute – und damit Wahre – nicht identisch ist mit dem Angenehmen, hatte Prof. Ziegenaus zum Anfang seines Vortrags schon erwähnt. Dafür sind vor allem die Märtyrer Zeugen, die ja für das Wahre und Gute den Tod erlitten hatten. Hierzu referierte einer der besten Kenner der Thematik: Prälat Prof. Dr. Helmut Moll. Er hat das zweibändige deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts „Zeugen für Christus“ herausgegeben, das, jetzt in sechster Auflage, umfassend über alle Märtyrer des vergangenen Jahrhunderts im Deutschland informiert. Zudem war Prof. Moll von 1993 bis 2004 theologischer Konsultor für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren und ist seit 1998 Beauftragter für Selig- und Heiligsprechungsverfahren in seinem Heimatbistum Köln. In seinem Vortrag zeigte Moll die Kriterien auf, die nötig sind, dass jemand christlicher Märtyrer genannt werden kann. So muss er einen gewaltsamen Tod erlitten haben, bedingt durch Ablehnung des Glaubens oder den Hass auf Christus und die Kirche. Schließlich gehört auch die innere Annahme des Leidens dazu, so wie Christus selbst ganz bewusst am Ölberg den Kelch angenommen hat, den der Vater ihm gereicht hat. Aufgrund dieser Kriterien ist nicht jeder gewaltsame Tod eines Christen ein Martyrium – beispielsweise auch nicht der Tod von Charles de Foucauld, der in Kriegswirren Opfer eines Überfalls einer Räuberbande wurde, die bei ihm Waffen und Wertsachen vermutete. Er wurde aber – so Moll – nicht wegen seines Glaubens ermordet.
Wenn er auch nicht einen gewaltsamen Tod um der Wahrheit willen erlitten hat, so litt er doch in seiner Verkündigung der Botschaft Christi sehr: der Pfarrer, den George Bernanos in seinem „Tagebuch eines Landpfarrers“ beschreibt. Dr. Monika Born, die schon häufig bei der Akademie christliche Literatur vorgestellt hat, machte auch diesmal wieder neugierig, sich näher mit dem Buch zu befassen, das sie vorstellte. Es handelt sich um ein Werk, das einen Geistlichen beschreibt, der mit großem Eifer die Menschen für Christus gewinnen möchte, dabei aber immer wieder scheitert. Er ist sanftmütig zu den Menschen, jedoch konsequent, wenn es um das Seelenheil geht. Immer bewegt er sich – so der Untertitel des Vortrags – zwischen der Welt der Sünde, die er bekämpft, und der Welt der Gnade, wohin er die Menschen führen will.
Monika Born gab auch wegweisende Impulse, welche Bedeutung Bernanos‘ Landpfarrer für das priesterliche Leben heute habe. So habe der Priester die Aufgabe, Gottes geheimnisvolle Nähe zu vermitteln. Er dürfe kein Funktionär sein und solle aus den Sakramenten leben. Auch die Bereitschaft zur Selbsthingabe gehöre zur priesterlichen Berufung. Wenn auch das Beispiel des Landpfarrers sehr extrem und eine solch extreme Opferhaltung nicht nötig sei, so sollten sich doch die Priester den Satz des heiligen Paulus vor Augen halten: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt“ (Röm 12, 1).
Gegen den Geist der Welt
Über Dinge, die in der Gesellschaft nicht gesagt werden, gleichwohl aber von der Kirche anzusprechen sind, sprach der Churer Bischofsvikar Christoph Casetti in seinem Vortrag. So müsse etwa in Bezug auf die Tötung des ungeborenen Lebens, die Abtreibung, deutlich erklärt werden, dass bei dieser Thematik nicht das Selbstbestimmungsrecht der Frau sondern das Recht auf Leben im Vordergrund steht. Ebenso werde der Suchtfaktor der „Pornographie“ oft verheimlicht. Tatsächlich führe aber der Konsum von Pornographie dazu, dass der wichtige Aspekt der Personalität in der Sexualität verkümmere. Ähnlich wertete der Bischofsvikar die künstliche Empfängnisverhütung. Hier würde der Mensch durch sein Eingreifen in den Schöpfungsakt ablehnen, Geschöpf zu sein. Anders verhalte es sich mit der natürlichen Empfängnisregelung, dem Verzicht auf Geschlechtsverkehr an den fruchtbaren Tagen. Grundsätzlich ermutigte aber Casetti bezüglich der Familienplanung zur Großherzigkeit, zu einer Offenheit für mehrere Kinder. In diesem Sinn plädierte er auch dafür, das Schöne und Gute an der Familie deutlicher herauszustellen. Dieses Schöne und Positive kirchlicher Glaubenssätze und -praxis solle überhaupt mehr betont werden. So zeigen etwa die Dogmen die Schönheit und Fülle des Glaubens auf, dass Gott sich für uns öffnet und da ist, und eine in rechter Weise gefeierte Liturgie vermag den Menschen aus der Enge des Glaubens in die Freiheit zu führen.
Einer, der sich aus christlicher Perspektive sehr konsequent gegen die Angleichung an den Weltgeist stellte, war der bedeutende seliggesprochene Konvertit John Henry Newman. Über ihn sprach der Theologe und Philologe Prof. Marius Reiser. Newman, der bereits in der Mitte des 19. Jahrhundert die Probleme unserer Zeit vorausgesehen hat – wie etwa die Ablehnung verbindlicher Glaubenssätze –, forderte, die Liebe zur Welt abzulehnen und stattdessen Gottes Wort und Willen zu befolgen. Bemerkenswert ist, dass Newman, der den angepassten Christen, der niemand wehtun will, als „Gentleman“ bezeichnete, auch bei solchen Gläubigen, die ihr Christentum ernsthaft praktizieren, die Gefahr einer solchen Anpassung sah.
Die Notwendigkeit, den Glauben echt und wahrhaftig zu praktizieren, stellte Prof. Josef Kreiml heraus. Der Fundamentaltheologe an der Hochschule St. Pölten wies darauf hin, dass Glaubensweitergabe immer durch ein entschlossenes Leben für Christus geschieht. Dabei dürfen Wahrheit und Liebe nicht gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr ist die Liebe Frucht der Wahrheit. Und deswegen bedeute auch Barmherzigkeit nicht, dass alles erlaubt ist. Dann nämlich vergesse man, so Kreiml, die Opfer und wies in diesem Zusammenhang auch auf den Missbrauchsskandal durch Priester und kirchliche Mitarbeiter hin, der derzeit die Kirche erschüttert.
Einen Beitrag aus der Bibelwissenschaft zum Thema der Akademie leistete Prof. Franz Sedlmeier. Der Ordinarius für Altes Testament an der Universität Augsburg sprach über das alttestamentliche Israel als ein Volk, das von Gott gegenüber den anderen Völkern besonders auserwählt war. Sedlmeier zeigte dies unter anderem an der Geschichte von Bileam auf. Bileam war vom moabitischen König Balak beauftragt worden, Israel auf seinem Weg zur Landnahme nach Kanaan zu verfluchen. Doch Gott verhinderte dies, indem Bileam das Volk segnete.
Bemerkenswert ist, dass Gott immer wieder seinem Volk Segen zuspricht – das Segensmotiv gibt es schon vor der Bileamperikope bei der Geschichte von Abraham, einem der Urväter Israels. Auch später wird Gott immer wieder darum besorgt sein, dass sein geliebtes Volk (das übrigens hebräisch den Namen „am“ trägt, anders als die anderen Völker, die „gojim“ heißen) in stets erneuerter Liebe zu ihm findet.
Mut zur Mission
Die beiden letzten Vorträge der Akademie waren besonders praxisbezogen. Zu Wort kamen Maria Theresia Bauer, die über die Evangelisation von Jugendlichen sprach, und Andreas Sauter, der die missionarische Initiative für Muslime „Elijah 21“ vorstellte.
Maria Theresia Bauer, Mitglied der geistlichen Gemeinschaft „Ancillae Domini“, begleitet unter anderem Pfadfindergruppen, die dort den Glauben mit allen Sinnen erleben können. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es bei vielen eine Sehnsucht nach Gott gibt. Es ist die Sehnsucht, ganz und gar bejaht zu werden, die aber von Menschen nicht gestillt werden kann. So geht es maßgeblich darum, eine Beziehung zu Gott und Jesus Christus aufzubauen. Bei den Pfadfindern geschieht das einerseits durch Gebet, den Besuch der Eucharistiefeier und durch religiöse Vortragsangebote, aber auch dadurch, dass sie die Schönheit der Natur entdecken, Gemeinschaft – auch die mit der Kirche – erleben und sich sozial engagieren.
Andreas Sauter zeigte, dass es eine große Offenheit bei den Muslimen die hier als Flüchtlinge leben, für das Christentum gibt. Seine Initiative bietet den Flüchtlingen die Vorführung eines Jesus-Films in ihrer Landessprache an, der viele der Zuschauer sehr berührt. Doch Sauter weiß darum, dass wirkliche Bekehrungen nicht von Menschen gemacht werden, sondern von Gott kommen – der Auftrag an uns Christen ist es, Gottes Wort ernst zu nehmen und dann das zu tun, was Gott will.
An Gottes Segen ist alles gelegen
Deutlich wurde in dem Vortrag von Andreas Sauter – und nicht nur dort – dass letztlich alles an Gottes Segen gelegen ist. Darum hatten auch Gebet, Anbetung und natürlich die Eucharistiefeier ihren festen Platz bei der Sommerakademie. Ebenfalls stand eine Wallfahrt zur Wallfahrtskirche Maria Birnbaum östlich von Augsburg auf dem Programm. Die traditionsreiche Wallfahrt stellte in einem Vortrag P. Bonifatius Heidel aus dem Deutschen Orden vor, der Wallfahrtsseelsorger vor Ort. Der Ursprung der Wallfahrt liegt in einem wundertätigen Marienbild, das sich in einem Birnbaum befand. Später wurde um den Baum, von dem Reste noch erhalten sind, eine Kirche errichtet. Ursprünglich hatte der Deutsche Orden bis zur Säkularisation die Wallfahrtsseelsorge inne, von 1867 bis 1984 waren Kapuziner dort, und seit 1998 ist wieder der Deutsche Orden vor Ort.
So bot die Sommerakademie 2018 wieder viele Impulse zum Nach- und Weiterdenken, auch zur kritischen Selbstreflexion, um nicht – wie es Kardinal Newman ja ausdrückte – zum religiösen „Gentleman“ abzuflachen, was ja, wie der bedeutende Konvertit betonte, auch Christen passieren kann, die ernsthaft ihren Glauben leben wollen.

Raymund Fobes

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