Du und dein Leben – Bruder Tod. Gedanken zu Allerseelen

In einem alten Lied heißt es: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh‘ mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“ Deine Existenz, von Gott so sinnvoll geplant, wird nicht in der Sinnlosigkeit eines endgültigen Auslöschens für ewig zerstört werden. Dies spürst du in der Tiefe deines Herzens. Das Ziel deines Lebens liegt im Weiterleben nach dem Tod. Sterben und Tod sind umgeben von einsamer Angst vor dem Unbekannten. Sterben führt oft durch Tiefen der Hilflosigkeit, Selbstentsagung und die Angst des Lebenden vor dem Tod. Doch dieser ist das einzige Tor zur Vollendung des Lebens. Leben auf dieser Erde ist nur eine Vorphase des eigentlichen Lebens. Es ist „cursus ad mortem“, ein Lauf zum Tod hin, aber auch „Startbahn“ für die Ewigkeit.
Angst vor dem Tod?
Für viele Menschen ist der Gedanke daran, dass sie einmal sterben müssen, mit Abwehrreaktionen verbunden. Sie lassen diesen Gedanken gar nicht erst klarer ins Bewusstsein kommen, sondern drängen ihn ins Vergessen ab. In der Tiefe ihrer Seele aber wohnt trotzdem die Angst vor dem Tod. Muss sie übermächtig sein? Ist der Tod wirklich so etwas Schreckliches?
Du existierst weiter
Einer meiner Studenten aus China erzählte mir von einem Philosophen seiner Heimat, der sagte: „Aus Ton entstehen Töpfe, aber das Leere in ihnen bewirkt das Wesen des Topfes.“ Überträgt man diese Überlegung auf das Wesen des Menschen, so könnte man sagen: Wir sehen im Körper mit seinen Milliarden Atomen rein äußerlich den Menschen. Aber in den Zwischenräumen inmitten der Atome ist der zentrale Kern des Menschen, seine Seele, die man nicht sieht, sein „Ich“. Dieses sein „Ich“ bleibt unzerstörbar. Wenn im Tod dein irdisches Leben erlischt, existierst du mit vollem Bewusstsein weiter. Auf diese Fortsetzung deiner Existenz in der Ewigkeit hat sich dein Leben auf dieser Erde schon immer – unbewusst oder bewusst – ausgerichtet.
Und wenn es den Tod nicht gäbe?

Was würde sein, wenn es keinen Tod gäbe? Es ist schwierig zu sagen. Aber die Menschen würden dann denken, dass es ihre größte Schwäche nicht mehr gibt: das Sterben-Müssen. Die Folgen? Sicherlich keine wünschenswerten. Die Menschen wären selbstherrlicher im Tun, waghalsiger in der Gefahr, brutaler in der Durchsetzung des Egoismus, habgieriger im Besitzen-Wollen, frecher in der Sittenlosigkeit. Es würde ein Bestreben wuchern, rücksichtslos und ohne Gefahr für das Leben größtmögliche Vorteile zu erreichen. Genusssucht, Neid, Habgier, Hass bis hin zum Mord würden sich ins Unkontrollierbare ausbreiten.
„Kostbarstes Gut“: der Tod
Menschen, die ewig leben, brauchen aber keine Nachkommenschaft. Schon bald gäbe es kein Kinderlachen mehr und keinen jugendlichen Schwung. Die Menschen würden in ihrem Denken verkrusten, in ihrem Handeln erstarren und in einem lähmenden Prozess endloser Vergreisung dahinsiechen. Zermürbende Öde würde sich ausbreiten, aber auch tiefe Verzweiflung einer Menschheit, die in einem Meer von Leid und Krankheit erstickt, das niemals ein Ende findet, weil kein Tod Erlösung bringt. Die Menschen würden in der Ausweglosigkeit ihrer existentiellen Situation immerfort versuchen, ihr eigenes Leben auszulöschen. Erfolglos. Denn es wäre ihnen ewig aufgebürdet. Aus Verzweiflung würde man Tag und Nacht um das „kostbarste Gut“ flehen: den Tod.
Geschenk der Liebe
Aus Liebe hat Gott dir von Anfang an nur eine bestimmte Zeit bemessen. Kaum warst du entstanden, bewegte sich dein irdisches Leben auch schon auf den Tod zu. „Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben …“ Was steht hinter dieser Unabdingbarkeit der Liebe Gottes? Im Bewusstsein, nur eine relativ kurze Zeitspanne leben zu können, entwickelst du Anstrengungsbereitschaft, Zielstrebigkeit und Schaffenskraft. Das Wissen um deinen Tod bringt dir tiefes Nachdenken und führt zur ernsthaften Frage nach Gott. Das Wissen um das Ende deines Daseins auf der Erde bewirkt Abgeklärtheit gegenüber dem scheinbaren Glanz dieser Welt. Du gewinnst zunehmend Abstand davon, dich in den Versuchungen dieses Lebens zu verlieren. Und wenn du merkst, dass dein von Leid und Krankheit geläutertes Leben sich dem Ende nähert, findest du Trost in der Verheißung Gottes, dass dein Tod die Chance zum ewigen Leben im Paradies ist. Der heilige Franz von Assisi nannte den Tod seinen Bruder. Er wurde sein Vertrauter und er gewann ihn lieb.
Tod – was dann?
Sinn und Ziel deines Lebens liegen nicht im Tod, sondern werden dann erst verwirklicht. Der Tod ist nur eine mit Angst vor dem Unbekannten besetzte Schranke. Aber im festen Glauben an die Worte Christi ist der Tod Vorausbedingung für Auferstehung und ewiges Leben. Es erwartet dich die Begegnung mit Christus. Du trittst vor das Angesicht Gottes und begegnest der vollkommenen Liebe, der Barmherzigkeit, aber auch der Gerechtigkeit. Du erkennst blitzartig: Gott existiert. Du schaust Ihn von Angesicht zu Angesicht. Im Spiegel Seiner Heiligkeit siehst du in größter Klarheit den Zustand deiner Seele und die Entscheidung deines Lebens für oder gegen Gott.
Deine Lebensentscheidung
An den Tod schließt sich nicht automatisch die Aufnahme in den Himmel an. Was du hier säst, das wirst du dort ernten. Wie hast du Gottes Liebe in dein Leben eingebracht und verwirklicht? Christus sieht auf dein Herz. Er verspricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Er sagt immer wieder, dass die Seele auf die alles entscheidende Situation ihres Eintritts in die Ewigkeit vorbereitet sein sollte. Sei dir also des Ernstes bewusst, denn: „Mitten im Leben bist du vom Tod umfangen.“

Reinhold Ortner

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