„Gott wird abwischen alle Tränen“

„Gott verurteilt nicht die Tränen und das Widerstreben des Menschen vor Leid und Schmerz. Er verurteilt nur die Sünde, die Unbußfertigkeit, die Verzweiflung an Seiner Barmherzigkeit.“
Valtorta: Lektionen. S. 236
Du warst voll froher Zuversicht und zufrieden mit deinem Leben, vielleicht sogar glücklich. Du hattest Lebensziele vor Augen: Den Schulabschluss, die Verbindung mit einem geliebten Menschen, beruflichen Erfolg, Gründung einer Familie, einen ruhigen Lebensabend. Und in deinen Augen gab es nichts, was dich davon hätte abhalten können. Da traf dich das Leid. Wie mit einem Keulenschlag. Eine Krankheit zwang dich in die Knie. Ein Unfall zerstörte das Augenlicht. Ein Todesfall überschattete dein ganzes Denken mit Trauer und Depression. Ein geliebter Mensch brachte dir tiefste Enttäuschung. Deine Ziele, deine Träume – aus, vorbei, unerreichbar. Statt dessen erlebtest du Schmerz, Leid und Sorge als deine täglichen Begleiter schon am frühen Morgen. Irgendetwas in dir bäumte sich auf gegen die Unerbittlichkeit der neuen Lebenssituation, in die du hineingezwungen wurdest. Und die quälende Frage ließ dich nicht mehr los: Warum hat mich dieses Leid getroffen? Warum gerade mich? Wo ist da ein Sinn?
„Denkanstoß“ Gottes

Das Leben auf dieser Welt ist durchsetzt von bösen Kräften und Einwirkungen. Jedoch Böses, Schmerz¬haftes oder Leid kommen nicht von Gott. Er lässt es aber zu. Warum? Ich versuche, dies an einem Beispiel zu verdeutlichen: Jeder Mensch ist ein Lebewesen, das nachdenkt und – früher oder später – nach dem Sinn seines Daseins sucht. Dieses Suchen kann aber schnell auf einem Irrweg enden. Viele Menschen meinen dann, den Sinn ihres Lebens in Genießen, Erfolg, Macht, Reichtum zu finden. Bist oder warst auch du schon in Gefahr, dein Leben auf Vordergründigkeiten auszurichten und den wahren Sinn deines Lebens aus den Augen zu verlieren? Gott tastet die Freiheit deiner Lebensentscheidung nicht an. Aber er gibt Denkanstöße. „Es müssen Steine des Anstoßes auf unserem Lebensweg liegen, damit wir aus dem Schritt der Gewohnheit gerüttelt werden“, sagte die heilige Katharina von Siena. Die Denkanstöße Gottes sind geheimnisvoll und unerforschlich. Zum Beispiel lassen sie Schmerz, Unglück oder Krankheit zu. Aber diese Denkanstöße kommen aus Seiner grenzenlosen Liebe zu dir. Und vielleicht müssen sie gerade deshalb so unerbittlich sein, weil Gott die Gefahren kennt, die auf dich lauern.
Ein Beispiel: Bei manchen körperlichen Krankheiten kann ein Arzt nur mehr durch eine schmerzhafte Operation vor dem Tod bewahren. Der Patient vertraut ihm, lässt sich operieren. Sollten wir dann nicht auch Gott vertrauen, wenn er uns Leid, Krankheit, Schmerzen und Kummer zumutet? Wenn sie von Gott zugelassen werden, verbirgt sich dahinter ein Sinn, der in Seiner Liebe gründet. Gerade weil Gott die Würde des Menschen achtet, weil er dich liebt, mutet er dir nichts Sinnloses zu. Vielleicht werden dir die Zusammenhänge erst nach Jahren klar, vielleicht erst nach deinem Tod.
Eine besondere, verantwortungsvolle Aufgabe
Ein weiterer Sinn des Leidens ist: Gott betraut dich mit einer verantwortungsvollen Aufgabe. Er lässt Leid zu, dein Kreuz, damit du es in Liebe trägst. Es ist so, als ob Er sich geradezu mit der Bitte an dich wendet, dieses Kreuz Ihm zuliebe als Opfer anzunehmen. Dieses Angebot ist – so schwer es zunächst verständlich ist – eine Auszeichnung für dich. Du sollst einen ganz persönlichen Beitrag zum Erlösungswerk Gottes leisten. Jedes Opfer, das du Gott zuliebe erbringst, bewirkt Heil: ein Wunder der Bekehrung, Sühneleiden als Ausgleich für die vielen begangenen Sünden unserer Zeit, Erlösung „Armer Seelen“… Dein im Gottvertrauen demütig und geduldig ertragenes Leid stärkt und festigt die Gemeinschaft der Kirche in den verderblichen Stürmen der Zeit und bringt unsere auf Erlösung hoffende und bangende Welt ein Stück ihrer Vollendung näher. Welch lebendiges Beispiel war uns Papst Johannes Paul II. im Ertragen quälender Krankheiten und Hilflosigkeiten!
„Wer mir nachfolgen will …“
Christus hat die Welt durch das Opfer Seiner Menschwerdung und Seines Kreuzes erlöst. Nun liegt es an uns, Ihm nachzufolgen. Überlassen wir Ihm Schmerz und Leid allein und leben nur unsere Vergnügungen aus? Nein, das wäre eine unsolidarische und lieblose Antwort auf Seine Liebestat. Christus lädt uns ganz klar zum Mittragen des Kreuzes ein: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“
Wenn Gott dir ein Leid „schickt“, so klopft er also gewissermaßen bei dir an. Er hält dich für würdig und stark genug, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen. An dir liegt es, ja zu sagen in Treue zu Gott. „Das Leid ist die Feuerprobe unseres Christentums“ (Adolf Kolping). „Man dient Gott mehr durch das Leiden als durch das Wirken.“ (Franz von Sales)
Herr Jesus Christus, das große Schlagwort unserer Tage heißt Emanzipation. Befreiung aus den „Zwängen“ Deiner Gebote entwickelt sich zum modernen Lebensstil. Du jedoch lässt Leid, Krankheiten und Katastrophen zu, damit wir wachgerüttelt werden und zur Besinnung kommen.
„Unser Vater, es fällt mir schwer, Deine Absicht zu erkennen, wenn Du mir ein Leid auferlegst. Ist es Denkanstoß, Aufgabe oder Bewährungsprobe? Es kostet mich Selbstüberwindung, in das Leid einzuwilligen. Und es bricht meinen Stolz, mich auf die Knie gezwungen zu sehen. Aber ich nehme dieses Leid an, weil ich weiß, dass Du mich liebst. Festige mein Vertrauen in Deine liebevolle Sorge um mich. Hilf mir, dieses Kreuz in Deinem Sinn als Opfer zu ertragen.“ 
„Und Gott wird abwischen alle Tränen von deinen Augen.“ Offb 21, 4

Reinhold Ortner

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