Ein Licht anzünden

Wie schnell werden wir doch mutlos, wenn Alltagssorgen, Leid oder Attacken des Bösen unsere Kräfte zermürben! Da ist die Versuchung groß, die Flügel hängen zu lassen und uns in die dunkle Resignation der Selbstbezogenheit zurückzuziehen. Ich kenne das, denn ich habe in meinem Leben neben bewegenden Freuden auch dunkle Tiefen des Leids und zerstörerische Angriffe des Bösen erlebt. Doch am Ende jedes finsteren Tales traf ich immer wieder auf ein Licht leuchtender und ermutigender Freude, oft im Zusammenhang mit einem überraschenden Erlebnis.
Eines Tages war ich wieder einmal recht bedrückter Stimmung angesichts der Macht des Bösen auf dieser Welt. Da kam ich zufällig an einem Chinaladen vorbei und kaufte ein paar von jenen Strohhalmen, die in einem Papierröllchen kleine Botschaften bereithalten. Ich öffnete das erste. Darauf stand: „Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als auf die Finsternis zu fluchen.“ Das wirkte wie ein mächtiger Impuls, die Fesseln meiner Resignation zu sprengen. Könnte ich nicht einfach anderen Menschen helfen, die selbst die dunkle Finsternis der Not, Depression, Angst und der schmerzhaft wahrgenommenen Gottesferne in sich spüren? Sollte ich nicht in der Dunkelheit ihrer Herzen ein Licht anzünden?
Ich möchte auch von jenem Tag erzählen, als ich auf dem Schreibtisch in meinem Zimmer in der Universität einen unerwarteten Brief fand. Still und stumm war er dorthin gelegt worden. Ich öffnete ihn. Ein junger Mensch war am Ende seiner Kräfte, ohne existenzielle Hoffnung, ohne Zukunftsperspektive. Den ganzen Tag musste ich an diese Zeilen denken. Müdigkeit, Abgespanntheit und Resignation befielen mich. „Was kommt da auf mich zu?“ ging es mir durch den Kopf. „Sind nicht meine Zeit und meine Kräfte schon erschöpft genug? Gibt es hierfür nicht Beratungsstellen? Warum trifft der Hilferuf gerade mich?“
Als ich am Abend vor meinem Bücherregal stand, fiel mein Blick auf das Tagebuch von John Henry Neman. Ich weiß heute mit Sicherheit, dass dies kein „Zufall“ war. Als ich es in die Hand nahm, stieß ich beim Öffnen auf das Kapitel „Berufungen“. Ich traute meinen Augen nicht, als ich dort genau meine Situation geschildert fand:
„Unvermutet, mitten im Lebensalltag, kann ein Mensch deinen Weg kreuzen, der deiner Hilfe bedarf. Du spürst: Dies ist ein Angebot Gottes. Und ehe es du dir versiehst, ist ein Anruf in dein Leben eingebrochen, der eine neue Aufgabe und Verantwortung in sich birgt, der alle bisherigen Planungen über den Haufen wirft. Du kannst dich nun diesem Angebot verweigern, du kannst es aber auch annehmen. Gott respektiert die Freiheit deiner Entscheidung. Doch du spürst: Er hat in dein Herz auch die Wurzeln der Gottes- und Nächstenliebe gepflanzt. Du kannst sie ersticken. Du kannst sie ausreißen. Du kannst daraus aber auch wundervolle Blumen wachsen lassen. Und Christus sagte: ‚Was ihr einem der geringsten meiner Brüder oder Schwestern tut, das tut ihr mir.‘

Mit einem Mal weißt du: Der Notschrei dieses Ertrinkenden ist Gottes Ruf an dich, ein Appell an deine Nächstenliebe. Zwar spürst du Furcht und Verwirrung. Du siehst den Ausgang deines Unternehmens nicht klar vor dir. Du siehst nicht, wie dein Tun sich auswirken würde. Noch weißt du, was dir daraus erwächst. Doch von einer Sekunde auf die andere öffnet sich dein Herz, und du bist bereit, diesen Notleidenden anzunehmen. Und dann springst du ohne lange Bedenken in die Strömung des Wassers, um den Ertrinkenden zu retten, auch wenn der Fluss sich mit einem Mal zum reißenden Strom entwickelt. Auch wenn dein Unternehmen der Nächstenliebe gefährlicher wird als es aussah. Auch wenn du in tödliche Strudel gerätst, während sich der Ertrinkende in seiner Not an dich klammert. Auch wenn du dich allein siehst und dir niemand zu Hilfe kommt. Um der Liebe Gottes willen nimmst du alles auf dich.
Liebe Freunde, diese Worte von J. Henry Newman haben damals einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht nur an diesem Abend habe ich dem Ruf meines Herzens zugestimmt, sondern immer wieder – viele Male. In meinem Tagebuch bewahre ich einen Zettel auf. Jemand hat mir darauf geschrieben: „Ich danke Gott, dass es Sie gibt. Ich wäre verloren gewesen.“ Im Talmud steht: „Wenn du das Leben auch nur eines einzigen Menschen rettest, so ist es, als hättest du die ganze Welt gerettet.“ Viele Jahre meines Lebens sind vergangen. Wenn ich zurückschaue, entdecke ich, dass jedes anfangs schwierig erscheinende, schmerzliche und oftmals gefährliche Ereignis der helfenden Liebe und Annahme eines Mitmenschen mich auf eine neue Stufe des Glaubens versetzte, mein Urteilsvermögen über Menschen vertiefte und mich jedes Mal mit einer neuen Tiefe menschlicher Reife beschenkte, die tief in der Seele glücklich werden lässt. Daher rate ich jedem, der sich in dunkle Resignation und Selbstbemitleidung zurückgezogen hat: Wenn du dich in deiner eigenen Dunkelheit ängstigst, zünde einfach anderen ein Licht an!

Prof. Dr. Reinhold Ortner 

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