Sonne trifft Erde. Gedanken zum Hochfest Mariä Empfängnis am 8. Dezember

Bei einer anstehenden Geburt werden Eltern sehr umtriebig. Ausreichend Babykleidung wird gekauft. Wenn ein eigenes Zimmer vorhanden ist, wird es kindgemäß tapeziert, möbliert, bebildert, aufgeräumt, gereinigt. Wo es enger zugeht, wird eine schöne Kinderwiege neben das Elternbett gestellt. Der Tag, an dem Mutter und Kind aus dem Krankenhaus kommen, ist ein unvergesslicher. Alles ist vorbereitet. Herzlich willkommen, Kind!
Genau um diese Bereitung der Wohnung geht es am Hochfest des 8. Dezembers. Das Kind ist der ewige göttliche Sohn. Die Wohnung ist Maria. Im Tagesgebet wird das Festgeheimnis benannt: „Großer und heiliger Gott, im Hinblick auf den Erlösertod Christi hast du die selige Jungfrau Maria schon im ersten Augenblick ihres Daseins vor jeder Sünde bewahrt, um deinem Sohn eine würdige Wohnung zu bereiten.“
Es geht um den ersten Augenblick der Existenz Mariens im Schoße der Mutter Anna. In seinen Ursprüngen ist das Fest fast 1000 Jahre alt. Es steht in Beziehung zu einem noch älteren Marienfest am 8. September, Mariä Geburt. Der Hymnendichter Andreas von Kreta predigte dazu schon um 700 n. Chr.: „Heute wurde das Heiligtum für den Schöpfer des Alls errichtet. Die Schöpfung bereitet dem Schöpfer ein neues und würdiges Haus.“ Die lauretanische Litanei überschlägt sich mit Preisungen: Du reine Mutter, du Tabernakel der ewigen Herrlichkeit, du goldenes Haus, du Wohnung, ganz Gott geweiht.
In beiden neun Monate auseinander liegenden Festen geht es um die Bereitung der Wohnung für den Gottesssohn. Das lange geistliche und theologische Nachdenken kulminiert im so genannten Immaculata-Dogma von 1854. Der 8. Dezember als Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria erhält seine besondere Note in Bezug auf ihre Bewahrung vor der Erbschuld.
Auch Maria war nach katholischer Lehre erlösungsbedürftig und ist erlöst worden. Wir werden durch Christi Gnade von der Erbsünde „befreit“, unsere Menschenschwester Maria wird vor ihr „bewahrt“. Luther und Zwingli halten im Kern noch an dieser Auffassung fest. Sie erwähnen oft die Reinheit der Gottesmutter. Dennoch wird die Lehre evangelischerseits nicht übernommen. Sie wird im heutigen Protestantismus teilweise heftig bestritten. Der große reformierte Theologe Karl Barth, dessen Todestag sich an diesem 10. Dezember zum 50. Mal jährt und von dem wir im beginnenden Barth-Jahr noch viel hören werden, bezeichnet Maria als „Urbild gelingenden Rechtfertigungsgeschehens“ und als „Empfängerin des ewigen Gottes“. Für Barth ist sie dies aber trotz ihrer Sünden. [Für die katholische Kirche ist Maria sündenfrei. Anm. d. Red.]

Man möchte als Katholik nicht an einen Mythos glauben, an eine nur angebliche Sündenfreiheit. So sei ein eigenes Bild verwendet: Wenn der ewige Gott Mensch werden will, dann ist es doch so, als käme die Sonne auf die Erde zu. Wenn die reale Sonne auf die Erde zukäme, würde ihre Gluthitze Vorauswirkungen haben und zwar lange bevor sie auf die Erde träfe. Insofern sind Vorauswirkungen auch beim Erscheinen der göttlichen Sonne zu erwarten. Dass sie so sind wie die Kirche es im Mysterium des 8. Dezembers glaubt, kann ich gut mitglauben. Dies vor allem auch, weil es von weiteren biblischen Linien, etwa der vom „heiligen Rest“ Israels (Röm 11,5ff) und der von der Fleckenlosigkeit der Kirche (Eph 5,27) unterstützt wird. Nicht Spekulation, sondern eine Meditation des Offenbarungsgeschehens führt dahin.
Vorauswirkungen der Ankunft des Gottessohnes und Vorhersagungen zu Christus und Maria im alten Testament werden im Übrigen in vielen Wurzel-Jesse-Bildern dargestellt, etwa dem aus dem 16. Jahrhundert im Limburger Dom. Es geht aus vom Vater Davids, aus dessen Haus der Messias kommen soll. Christen sehen in der gesamten heiligen Schrift Israels eine Hinbewegung und Hinführung zu Christus. Oder umgekehrt: Die Ankunft des Gottessohnes strahlt weit zurück. Ein Detail am Rande des Limburger Wandbildes der Ahnenreihe Jesu ist die Erscheinung Gottes vor Mose im drei(!)stämmigen Dornbusch. Die Väter sehen in diesem Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt, ein Bild für die Gottesmutter Maria.
Das Festgeheimnis regt an zum Weiterdenken. Bei jeder Christin, jedem Christen gibt es die Befreiung von der Erbschuld. Was bei Maria durch einmaliges anfängliches Handeln Gottes geschah, geschieht beim Christen in der Taufe, die Befreiung von der Erbschuld, die Sündenvergebung, die Neuschöpfung. Auch insofern kann von unzulässiger Privilegierung der Gottesmutter nicht gesprochen werden.
Zuletzt sei hingewiesen auf den im Dogma erwähnten Zeitpunkt der Empfängnis als den ersten Augenblick menschlicher Existenz. Die Schrift erwähnt diesen bei Jeremia, bei Johannes dem Täufer, bei Christus selber und etwa im Psalm 139. So ist das Maria-Empfängnis-Dogma auch aufgerichtetes Zeichen für den unbeschränkten Schutz menschlichen Lebens.

Alfons Zimmer

Bild: Bischöfliche Pressestelle Limburg

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