Willi Graf: „Seid Hörer und Vollbringer des Wortes Gottes!“

Willi Graf gehörte zum Kern der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose. Diese Gruppe hat im so genannten Dritten Reich Hitlers sechs Flugblätter heimlich gedruckt und verteilt. Damit wollten die Studenten das nationalsozialistische Regime stürzen. Aber die Gestapo, die Geheimpolizei, hat diese Studenten mit ihrem Professor Huber im Februar 1943 verhaftet. Graf wurde am 12. Oktober 1943 um 17:00 Uhr im Strafgefängnis München Stadelheim wegen Hochverrats hingerichtet. Hochverrat war damals das größte Verbrechen, das man begehen konnte. Graf war Soldat und Medizinstudent an der Universität München. Er wurde enthauptet. Sein Selbstopfer war nicht vergeblich. Die Erzdiözese München-Freising eröffnete im Dezember 2017 die Voruntersuchung zu seiner Seligsprechung. Auch für Grafs Vorbild – Romano Guardini – hat die Erzdiözese München-Freising gleichzeitig den Seligsprechungsprozess eingeleitet. Guardini hat schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 an der Universität München eine Gedenkrede zu Ehren der Mitglieder der Weißen Rose gehalten: „Die Waage des Daseins: Rede zum Gedächtnis von Sophie und Hans Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Prof. Dr. Huber.“
Wilhelm (Willi) Josef Graf wurde am 2. Januar 1918 als drittes Kind von Gerhard und Anna Graf in Kuchenheim in der Nähe von Euskirchen geboren. Am 8. Januar 1918 wurde er in der Pfarrkirche St. Nikolaus zu Kuchenheim getauft. Eine Gedenktafel am Taufbecken erinnert an ihn. Graf hatte zwei Schwestern, Mathilde und Anneliese. Sein Vater, Gerhard Graf, hatte die örtliche Molkerei bis 1922 geleitet. Grafs Geburtshaus gehörte zur ehemaligen Molkerei und hat heute die Hausnummer 88 in der Willi-Graf-Straße.

1922 übersiedelte die Familie Graf nach Saarbrücken, wo der Vater Gerhard Graf im Johannishof, Mainzer Straße 30, die Geschäftsführung einer Weingroßhandels-AG übernommen hatte. Auch hier gibt es eine Gedenktafel am Johannishof. Mit zehn Jahren wurde Willi Graf Schüler des Humanistischen Staatlichen Ludwigsgymnasiums Saarbrücken, das er bis zum Abitur im Februar 1937 besuchte. Seine Lieblingsfächer waren Religionsunterricht und Deutsch, in den späteren Jahren Musik und Griechisch. In seiner Schulzeit interessierte er sich für Wanderungen mit Freunden und Sport wie Fußball, Schwimmen, Leichtathletik und Radfahren. Er las sehr gern und hat oft um Bücher als Geschenk gebeten.
Graf und seine Schwestern wuchsen in einem unpolitischen, bürgerlichen und liebevollen Elternhaus auf. Die Eltern und die Verwandtschaft aus dem Rheinland waren überzeugt katholisch. Besonders für seine Mutter war nichts wichtiger als der dreimalige Kirchenbesuch am Sonntag: morgens in die Hl. Messe, nachmittags und abends in die Andacht. Willi Graf war in der Basilika St. Johann Messdiener, eine Tafel und eine weiße Rose unter der Empore erinnern an ihn. In dieser Pfarrgemeinde lernte er auch den Kaplan Josef Höffner, den späteren Erzbischof und Kardinal von Köln, kennen.
Graf hat von Jugend an seine Gedanken und Erlebnisse in Notizbüchern aufgeschrieben. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, hat er in sein Buch geschrieben: „Seid Gefolgschaft in der Tat, nicht nur im Hören des Wortes“ (Jak1,22). Graf zeigte früh seine Abneigung gegenüber dem NS-Regime. Sein Glaube führte ihn zum Widerstand. Nur Willi Graf und elf andere Jungen von 1200 haben die Mitgliedschaft in der Hitlerjugend verweigert – trotz der Drohung, kein Abitur machen zu dürfen. Das wäre auch für die Familien der Schüler eine große Belastung geworden. Graf hat auch die Namen von Klassenkameraden, die in die Hitler-Jugend eintraten, aus dem Namensverzeichnis in seinem Adressbuch ausgestrichen mit der Bemerkung: „Ist in der HJ“, der Hitler-Jugend. Graf hat sich sehr früh in der katholischen Jugendbewegung engagiert. Er war Mitglied im Bund „Neudeutschland“ und hat später dem Grauen Orden angehört. Beide religiöse Jugendorganisationen wurden von den Nationalsozialisten verboten. 1933 wurde Willi Graf im Bund Neudeutschland Fähnleinführer.
Von April bis Oktober 1937 erledigte er den vorgeschriebenen Reichsarbeitsdienst in Dillingen (Saar). Im November hat er sein Medizinstudium an der Universität Bonn begonnen. Er hat sich für Medizin entschieden, weil dieses Curriculum von den Nationalsozialisten nicht so leicht beeinflusst werden konnte. Er diente von da an beim Roten Kreuz und das bis zum Lebensende. Vom 22. Januar bis zum 5. Februar 1938 war Graf in Untersuchungshaft in einem Bonner Gefängnis, da er mit 17 Freunden der verbotenen Gemeinschaft des Grauen Ordens angehörte und deshalb von dem Sondergericht in Mannheim angeklagt war. 1936 wurde die Hitler-Jugend zur Staatsjugend erklärt und bündische Jugendverbände wie der Graue Orden mussten in den Untergrund gehen. Aufgrund einer Amnestie anlässlich des Österreich-Anschlusses wurde das Verfahren eingestellt.
Im August 1939 wurde Graf vom Militär gemustert, im September bestand er das Physikum an der Universität Bonn und 1940 wurde er zu einer Münchner Sanitätsabteilung eingezogen. Er wurde zum Sanitäter ausgebildet und war dann Sanitätsunteroffizier an der Kanalküste in Belgien und in Frankreich. Im März 1941 wurde er an die Ostfront verlegt, nachdem er vorher in Serbien und in Polen eingesetzt war. Im April 1942 wurde Graf zur 2. Studentenkompanie in München verlegt, damit er sein Medizinstudium fortsetzen konnte.
Ende Juli bis Anfang November musste er wieder an die Ostfront reisen, um die vorgeschriebene Feldfamulatur zu erledigen. Vorher hatte er sich im Sommer 1942 in München dem Kreis der Weißen Rose angeschlossen. Anschließend war er gemeinsam mit Hans Scholl und Alexander Schmorell als Sanitäter in Russland tätig. Im November 1942 kehrten sie an die Universität München zurück, um ihr Studium weiterzuführen.
Graf war wieder Soldat in einer Studentenkompanie und durfte im Privatleben zivile Kleidung tragen. Während der Weihnachtsferien 1942/43 hat er versucht, alte Freunde als Helfer für die Weiße Rose zu gewinnen. Ende Januar 1943 hat Graf für die Weiße Rose ein Vervielfältigungsgerät besorgt. Damit konnten die Flugblätter der Weißen Rose gedruckt und verbreitet werden. Er hat auch Geld gestiftet und Briefumschläge besorgt. Mit Hans Scholl und Alexander Schmorell hat er Freiheitsparolen wie „Nieder mit Hitler“ und „Freiheit“ an die Gebäude der Münchner Innenstadt gepinselt. Er war auch an der Herstellung und Verbreitung der letzten Flugblätter beteiligt. Das Risiko und die Gefahr, entdeckt zu werden, waren sehr groß und er hat seine Zivilcourage ja auch mit dem Leben bezahlt.
In einem Zeitraum von acht Monaten hat er vierzig Bücher gelesen. Romano Guardini, Ernst Wichert, Werner Bergengruen, Josef Pieper, Reinhold Schneider haben ihn beeinflusst. Seine Tagebücher zeigen eine intensive Beschäftigung mit Religion und Philosophie. Bibelarbeit und Liturgie gehörten zu Grafs alltäglichem Leben, er suchte regelmäßig Gespräche über Literatur. Rilke, Hölderlin und Dostojewski las er gern. Er interessierte sich auch für die russische Sprache, Literatur und Kultur. Er war ein Deutscher, der mit den Russen gelitten hat.
Am 18. Februar 1943 um Mitternacht wurde Graf von der Gestapo in seiner Wohnung in der Mandlstr. 28 in München-Schwabing verhaftet. Eine Gedenktafel an diesem Haus erinnert an ihn. Die Prozesse gegen die Mitglieder der Weißen Rose fanden vor dem Volksgerichtshof in München statt. Am 19. April 1943 wurde Graf zum Tode verurteilt. Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Weißen Rose starb er einen einsamen lang erwarteten Tod. Acht Monate dauerte das Warten in der Todeszelle, weil er bei den Vernehmungen keine Namen preisgegeben hat. Das bewahrte viele seiner Freunde vor dem Zugriff der Gestapo. Er hat seine Mitkämpfer geschont.
Am 12. Oktober 1943 hat Graf seiner jüngeren Schwester Anneliese einen Abschiedsbrief auf kleinen Zettelchen hinterlassen, die er dem Seelsorger Kaplan Heinrich Speer im Gefängnis diktiert hat. Er betonte: „Du weißt, dass ich nicht leichtsinnig gehandelt habe, sondern dass ich aus tiefster Sorge und im Bewusstsein um den Ernst der Lage gehandelt habe.“ Und: „Für uns ist der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang wahren Lebens und ich sterbe im Vertrauen auf Gottes Willen und Fürsorge. Denke beim Anhören der Arie aus Händels Messias: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. …. Mein Lieblingspsalm war Psalm 90 und dieses herrliche Gebet lasse ich in Deinen Händen zurück, dass Du beim Beten dieses Psalms immer wieder an mich denken wollest.“
Am 12. Oktober 2003 wurde der Widerstandskämpfer Willi Graf zum Ehrenbürger der Stadt Saarbrücken ernannt. Dort befindet sich auf dem Alten Friedhof St. Johann seine Ehrengrabstätte. Jedes Jahr wird dort an seinem Todestag ein Kranz mit weißen Rosen niedergelegt. Die Landeshauptstadt Saarbrücken pflegt sein Grab. Eine Büste – finanziert durch Spenden – und ein Portrait erinnern an ihn. Zahlreiche Schulen, eine Straße, ein Wohnheim und viele Preise sind nach Willi Graf benannt. Er blieb seinem Glauben bis zuletzt treu. Am 12. Oktober 2018 jährte sich zum 75. Mal der Tag seiner Hinrichtung. Anlässlich seines 75. Todestages und seines 100. Geburtstages widmet die Landeshauptstadt Saarbrücken Willi Graf ein Gedenkjahr, an dem sich zahlreiche Institutionen beteiligen. So zum Beispiel die katholische Kirchengemeinde St. Johann, das Dekanat Saarbrücken, die Willi-Graf-Schulen, die Kirche der Jugend eli.ja, das Cafe Exodus für Jugendkultur und weitere Institutionen. Willi Graf hat 1942 in sein Tagebuch geschrieben, dass er sich immer allein fühlte. Oftmals hat er das Wort „Unruhe“ erwähnt. Der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod war Graf wichtig. Möge er endlich und ewig in Frieden ruhen. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat ihn unter die Märtyrer des 20. Jahrhunderts gezählt. Jetzt ist Willi Graf sicher nicht mehr allein, er ist ein moralisches Vorbild für uns alle.

Stephani Richards-Wilson

Foto: (c) S. Richard-Wilson

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