Pfarrer flieht auf dem Transport zum Volksgerichtshof

„Satan löscht die Lichter aus!“ Wieder und wieder hämmert Pfarrer Heinrich Ostermann aus Bochum-Linden den Besuchern der Neujahrsmessen 1941 diesen Satz ein. „Keine katholische Zeitung mehr! Keine katholischen Jugendvereine! Kein katholischer Religionsunterricht!“ 19 Punkte listet er in allen Messen auf. Der letzte Satz: „Alle Beamten sollen vor die Wahl gestellt werden, entweder aus der Kirche auszutreten oder ihr Amt niederzulegen.“ Jeder Zuhörer wusste, wer für Ostermann der Satan war. Das braune neuheidnische Regime.
Über zwanzigmal wurde er von der Gestapo verhört, dreimal für einige Tage verhaftet. Die Konfliktliste war lang. Den Kampf um seine Freilichtbühne „Wienkopp e.V.“ konnte er in den Dreißiger Jahren nicht gewinnen. Der NS-Oberbürgermeister warf ihm „kommunistische Propaganda“ vor. Den Einfluss auf über 70 000 Besucher jährlich wollte man ihm nicht belassen. Das Vereinsvermögen wurde wegen „staatsabträglicher Bestrebungen“ beschlagnahmt. Geräuschlos zog sich Pfarrer Ostermann nicht zurück. Seine Beschwerde-Schreiben gingen reichsweit an alle Ministerien. Dass er sogar den Hitlergruß verächtlich mache, warf man ihm zusätzlich vor. Den besonderen Zorn Ostermanns erregte ein Schaukasten für das NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ unmittelbar vor der Liebfrauenkirche. „Das hässliche Gerüst“, so predigte er, stelle Zeitungen aus, „die alles was uns Katholiken heilig ist, in den Kot ziehen.“ Als er hörte, dass SA-Männer ihn aus der Protestversammlung im Pfarrheim holen wollten, erklärte er unter Beifall der Anwesenden und unter Beisein eines Spitzels in Don Camillo-Manier am 6. März 1937: „Wir haben genug Stühle hier, um sie mit blutigen Köpfen heimzuschicken.“ – Der Schlag des gefürchteten Volksgerichtshofs gegen Pfarrer Ostermann erfolgte erst am 20. Oktober 1944. Die Anklage lautete auf Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung. Darauf stand damals die Todesstrafe. Dem Bochumer Gefängnisgeistlichen sagte Ostermann: „Nach Berlin gehe ich auf keinen Fall! Unter Freisler ist mir das Fallbeil sicher.“ Der Tag der Verlegung nach Berlin kam schnell. Schon am 3. November 1944 ging es im Eisenbahnzug in Richtung Berlin. Ostermanns Gebet zum Herrgott lautete: „Ich bin bereit, für Dich meinen Kopf auf den Bock zu legen. Du hast aber gesagt, Du schützt Deine Priester wie Deinen Augapfel. Ich bin Dein Priester. Nun tu es!“ Ostermann wusste, dass es bei dem Blutrichter Freisler kein Entrinnen mehr gibt. Aber unterwegs gab es noch Möglichkeiten. Bei einem kurzen Halt im Güterbahnhof Lippstadt in der Nähe seines Heimatdorfes ergriff er die Chance. Er sprang in die Freiheit. Den Häschern schlug er die Tür vor der Nase zu und verschwand im abgedunkelten, ihm wohl bekannten Bahnhofsgelände. Die Verfolger verloren ihn aus den Augen. Ostermann tauchte fünf Monate lang bei Verwandten als Onkel Nolte unter. Zusätzliche Dramatik erhielt Ostermanns Flucht dadurch, dass er an diesem 4. November aus großer Entfernung den Luftangriff der Alliierten auf Bochum beobachtete. Hunderte Bewohner kamen ums Leben, auch Dutzende seiner Mitgefangenen aus dem Gefängnis, das er einen Tag zuvor verlassen hatte. Nach Kriegsende kam Pfarrer Ostermann nach Bochum zurück und nahm seinen Dienst wieder auf. 1966 ging er im Alter von 85 Jahren in den Ruhestand. Ein Jahr später verstarb der eigenwillige und mutige Priester.

Alfons Zimmer

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