Papst Benedikt XVI: Unsere Aufgabe: Friedensstifter und Verteidiger der Würde der Menschen und ihrer Rechte zu sein

Liebe Brüder und Schwestern!
Die Liturgie betrachtet heute wie in einem Mosaik verschiedene Tatsachen und messianische Wirklichkeiten, aber ihr Augenmerk konzentriert sich vor allem auf Maria, die Mutter Gottes. Acht Tage nach der Geburt Jesu gedenken wir der Mutter, der »Theotókos«, derer, die »den König geboren hat, der in Ewigkeit herrscht über Himmel und Erde« (Eröffnungsvers; vgl. Sedulius). Die Liturgie meditiert heute über das menschgewordene Wort und wiederholt, dass es von der Jungfrau geboren wurde. Sie denkt über die Beschneidung Jesu als einen Ritus der Eingliederung in die Gemeinschaft nach, und sie betrachtet Gott, der seinen eingeborenen Sohn als Haupt des »neuen Volkes« durch Maria geschenkt hat. Sie erinnert an den Namen, der dem Messias gegeben wurde, und hört ihn voll Zärtlichkeit aus dem Mund seiner Mutter. Die Liturgie erbittet für die Welt den Frieden, den Frieden Christi, und sie tut es durch Maria, die Mittlerin und Mitarbeiterin Christi (vgl. Lumen gentium, 60–61).
Wir beginnen ein neues Kalenderjahr, das ein weiterer Zeitabschnitt ist, den uns die göttliche Vorsehung im Kontext des Heils schenkt, das von Christus eröffnet worden ist. Ist aber das ewige Wort nicht gerade durch Maria in die Zeit eingetreten? Daran erinnert in der soeben gehörten zweiten Lesung der Apostel Paulus, und er bekräftigt, dass Jesus »von einer Frau« (vgl. Gal 4,4) geboren wurde. In der Liturgie ragt heute die Gestalt Marias heraus, der wahren Mutter Jesu, des Gott-Menschen. Am heutigen Hochfest wird deshalb keine abstrakte Idee gefeiert, sondern ein Geheimnis und ein geschichtliches Ereignis: Jesus Christus, göttliche Person, wurde von der Jungfrau Maria geboren, die im wahrsten Sinn seine Mutter ist.
Außer der Mutterschaft wird heute auch die Jungfräulichkeit Marias hervorgehoben. Es handelt sich um zwei herausragende Eigenschaften, die immer untrennbar miteinander verkündet werden, denn sie ergänzen und kennzeichnen sich gegenseitig. Maria ist Mutter, aber jungfräuliche Mutter; Maria ist Jungfrau, aber mütterliche Jungfrau. Lässt man den einen oder den andern Aspekt außer Acht, versteht man das Geheimnis Marias, wie die Evangelien es uns vorlegen, nicht zur Gänze. Als Mutter Christi ist Maria auch Mutter der Kirche, wie mein verehrter Vorgänger, der Diener Gottes Paul VI., am 21. November 1964 während des II. Vatikanischen Konzils verkünden wollte. Maria ist schließlich geistliche Mutter der ganzen Menschheit, weil Jesus am Kreuz sein Blut für alle vergossen hat und vom Kreuz aus alle ihrer mütterlichen Sorge anvertraut hat.

Mit dem Blick auf Maria beginnen wir also dieses neue Jahr, das wir aus Gottes Händen als ein wertvolles »Talent« empfangen, das es als eine von der Vorsehung gewollte Gelegenheit zu nutzen gilt, um zur Verwirklichung des Reiches Gottes beizutragen … Anlässlich des heutigen Weltfriedenstages habe ich an die Regierenden und die Verantwortlichen der Nationen sowie an die Menschen guten Willens die übliche Botschaft gerichtet, die in diesem Jahr dem Thema »Der Mensch, Herz des Friedens« gewidmet ist.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, »dass durch die Achtung der Person der Friede gefördert wird und dass mit der Herstellung des Friedens die Voraussetzungen geschaffen werden für einen ›authentischen ganzheitlichen Humanismus‹« (Botschaft, 1). Das ist eine Aufgabe, die in besonderer Weise dem Christen zukommt, der berufen ist, »unermüdlicher Friedensstifter und mutiger Verteidiger der Würde des Menschen und seiner unveräußerlichen Rechte zu sein« (Botschaft, 16). Nach dem Bild und als Abbild Gottes (vgl. Gen 1,27) geschaffen, ist jeder Mensch, ohne Unterschied von Rasse, Kultur und Religion, mit der gleichen Würde der Person ausgestattet. Deshalb ist er zu achten, und aus keinem Grund ist je zu rechtfertigen, dass man über ihn nach Belieben verfügt, gleichsam als sei er ein Objekt. Angesichts der leider immer vorhandenen Bedrohungen des Friedens, angesichts der Situationen von Ungerechtigkeit und Gewalt, die weiterhin in vielen Teilen der Welt bestehen, und im Hinblick auf die anhaltenden bewaffneten Konflikte, die oft von der breiten öffentlichen Meinung vergessen sind, und die Gefahr des Terrorismus, der den Frieden der Völker stört, wird es mehr denn je notwendig, gemeinsam für den Frieden zu wirken. Das ist, wie ich in der Botschaft betont habe, »Gabe und Aufgabe zugleich« (Nr. 3): eine Gabe, um die im Gebet zu bitten ist; eine Aufgabe, die mutig zu bewältigen ist, ohne ihrer je müde zu werden.
Im Evangelium, das wir gehört haben, wird von den Hirten in Betlehem berichtet, die zur Krippe eilten, um das Kind anzubeten, nachdem sie die Verkündigung des Engels gehört hatten (vgl. Lk 2,16). Wie sollten wir da nicht den Blick noch einmal auf die dramatische Situation richten, die gerade das Land prägt, in dem Jesus geboren wurde? Wie sollten wir nicht mit inständigem Gebet darum flehen, dass auch in diesem Land so bald wie möglich der Tag des Friedens anbricht, der Tag, an dem der bestehende Konflikt, der schon viel zu lange dauert, endgültig gelöst wird? Eine Friedensvereinbarung, um dauerhaft zu sein, muss auf der Achtung der Würde und der Rechte eines jeden Menschen gründen. Der Wunsch, den ich vor den hier anwesenden Vertretern der Nationen ausspreche, ist, dass die internationale Gemeinschaft ihre Kräfte vereine, damit im Namen Gottes eine Welt erbaut wird, in der die wesentlichen Rechte des Menschen von allen geachtet werden. Damit das geschieht, ist es jedoch notwendig, dass das Fundament dieser Rechte nicht in einfachen menschlichen Vereinbarungen, sondern »in der Natur des Menschen selbst und in seiner unveräußerlichen Würde als einer von Gott erschaffenen Person« erkannt wird (Botschaft, 13). Denn wenn die wesentlichen Bestandteile der Menschenwürde den wandelbaren menschlichen Meinungen anvertraut werden, dann werden am Ende auch ihre Rechte trotz ihrer feierlichen Verkündigung schwach und unterschiedlich interpretierbar sein. »Darum ist es wichtig, dass die internationalen Organe das natürliche Fundament der Menschenrechte nicht aus den Augen verlieren. Das bewahrt sie vor der leider immer latent vorhandenen Gefahr, in eine nur positivistische Interpretation dieser Rechte abzugleiten« (ebd.).
»Der Herr segne dich und behüte dich … Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden« (Num 6,24.26). Das ist die Segensformel, die wir in der ersten Lesung gehört haben. Sie ist dem Buch Numeri entnommen. Hier wird der Name des Herrn dreimal angerufen. Das weist auf die Intensität und Kraft des Segens hin, dessen letztes Wort »Frieden« ist. Das biblische Wort »shalom«, das wir mit »Frieden« übersetzen, bedeutet jene Fülle der Güter, in der das »Heil« besteht, das Christus, der von den Propheten angekündigte Messias, gebracht hat. Deshalb erkennen wir Christen in ihm den Friedensfürsten. Er ist Mensch und in einer Krippe in Betlehem geboren worden, um den Menschen guten Willens, denen, die ihn im Glauben und mit Liebe aufnehmen, seinen Frieden zu bringen. So ist der Frieden wirklich die Gabe und die Aufgabe von Weihnachten: die Gabe, die mit demütiger Fügsamkeit anzunehmen und die ständig mit betendem Vertrauen zu erflehen ist; die Aufgabe, die aus jedem Menschen guten Willens einen »Kanal des Friedens« macht.
Rufen wir zu Maria, der Gottesmutter, dass sie uns hilft, ihren Sohn und in Ihm den wahren Frieden aufzunehmen. Bitten wir sie, unsere Augen zu erleuchten, auf dass wir im Antlitz eines jeden Menschen – Herz des Friedens – das Antlitz Christi zu erkennen vermögen.

Libreria Editrice Vaticana
Predigt von Benedikt XVI.
am 1. Januar 2007

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