Jesus Christus, Lamm und schöner Hirt: Begegnung mit dem Schleier von Manoppello

Das Ungeheure der Situation erfasst man nur schwer. Sr. Blandina Paschalis Schlömer beschreibt in diesem Buch den Weg, den sie persönlich gegangen ist in Bezug auf den Schleier von Manoppello, das kleine, durchsichtige Schleiertuch mit dem sichtbaren Antlitz Jesu Christi darin, irgendwie freischwebend um die Fasern herum. Wie soll man das glauben? Es erscheint doch ganz absurd, dass es ein fotoähnliches Bild Christi in einem Tuch heute noch geben soll.
Sr. Blandina wollte es auch nicht glauben und sich auch nicht damit beschäftigen.-Sie hatte gelesen, dass es eine Entsprechung in den Proportionen geben sollte mit dem Gesicht des Gekreuzigten im Grabtuch von Turin. Unmöglich! Eigentlich begann ihre Arbeit damit, das Gegenteil beweisen zu wollen. Die Ereignisse auf dem Weg, von Ende 1979 an, führten jedoch in eine andere Richtung. Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass es sehr wohl eine konkrete Beziehung zwischen den beiden so ganz unähnlichen „Bildern Christi“ gibt, und zwar eine Beziehung in den konkreten, sichtbaren Verletzungen.
Gleichzeitig gab es eine Entdeckungsreise durch die Welt der Christusikonen und Christusbilder der Kunst im allgemeinen. Hatten die alten Ikonenmaler den Schleier in irgendeiner Form gekannt? War er im Mittelalter in Westeuropa? Es gab unendlich viele Fragen. Eigenartige Besonderheiten im „Porträt“ Christi kehrten stilisiert fast überall wieder. Die Zahl der Argumente zu Gunsten einer Kenntnis des Schleierbildes (in den Jahrhunderten lange vor der Renaissance!) stieg ständig an.

Die Notwendigkeit aber, sich im Einzelnen mit den Entsprechungen zum Grabtuch von Turin zu beschäftigen, ergab sich ab 1984 vor allem aus der Begegnung mit Prof. Heinrich Pfeiffer, der anfänglich keinerlei Beziehung zum Grabtuch gelten lassen wollte. Er setzte das Schleierbild zu Guadelupe in Verbindung und auch vom ersten Moment an zum Original der römischen Veronika, dem in Rom über Jahrhunderte aufbewahrten Christusbild im Tuch. Einen Zusammenhang mit dem Grabtuch von Turin schloss P. Pfeiffer jedoch zunächst vollständig aus.
Viele Dinge sind auf dem Weg anders gelaufen, als für die direkt Beteiligten zu erwarten war. Sehr anders. Immer wieder mussten Ansichten und Meinungen korrigiert werden, die Wirklichkeit des Schleiers stellte sich als eine vollkommen andere heraus als die, die den Menschen täglich begegnet und erfahrbar ist. Die sehr komplexen Gegebenheiten um das Schleierbild herum und in ihm selbst aber an eine größere Öffentlichkeit weiterzuvermitteln, sollte noch einmal ein anderes Abenteuer werden. Wie sollte zu anderen Menschen von einer Wirklichkeit gesprochen werden, für die es in unserem Erfahrungsbereich nichts Analoges gibt?
Das Buch schildert die vielen Wechselfälle auf dem Weg, die immer wieder neuen Erkenntnisse, und wie es schließlich 1999 zur ersten Veröffentlichung im Resch-Verlag, Innsbruck, kam. Diese ist im ersten Teil des Buches beinahe unverändert wiedergegeben, im zweiten Teil berichtet Sr. Blandina über die Jahre in Manoppello.
Die Aufmerksamkeit der Autorin galt von Anfang an vor allem den Entsprechungen, die trotz aller Unähnlichkeit zum Turiner Grabtuch bestanden. Im Laufe der Zeit hat sich für sie eine Weise des Übereinanderlegens der beiden Angesichte ergeben, in der die Bildspuren, miteinander verschmelzend, eine neue Einheit bilden und nicht mehr zu trennen sind, ganz gleich, welches der unzähligen möglichen und sehr voneinander verschiedenen Fotos vom Schleierbild man auch verwenden mag. Am deutlichsten sieht man das eine Gesicht aus den zwei Vorlagen bei Fotos vor dunklem Hintergrund und Frontalbeleuchtung, aber auch die transparenten, von hinten beleuchteten Antlitzbilder verschmelzen mit dem Antlitz im Grabtuch von Turin in vollkommen unerklärlicher Weise. (Einige Beispiele dafür sind das Titelbild, S. 41, S. 44, S. 77/78, S.132 ).
Es bleibt dem Leser überlassen, ob er sich diesem Phänomen öffnen will oder nicht, ob er sich dem Blick des Antlitzes aussetzen will oder nicht. Das Antlitz zwingt niemanden. Es lädt ein. Es wartet. Es schaut den Leser an. Es erzählt eine unglaubliche Geschichte. Es hat furchtbare Gewalt erlitten und schaut dennoch ganz still und vorwurfslos. Kann man sich diesem Blick entziehen?
Sr. Blandina konnte es nicht. – Sie setzt im zweiten Teil des Buches, dem eigentlichen Hauptteil, das Schleiertuch in Beziehung zu den anderen, noch existierenden Grabtüchern Jesu Christi und weist Entsprechungen zwischen den Tüchern nach, die den Kopf und das Gesicht des toten Christus eingehüllt haben. Unter diesen hat sie das Schweißtuch von Oviedo mit seinen Blutspuren tief beeindruckt, das auch für sie der dritte Zeuge dafür ist, dass es sich beim Antlitz im Schleiertuch um den auferstandenen Jesus handelt, sozusagen „in statu nascendi“.
Das Buch zeichnet dann eine Rekonstruktion der Situation im Grab am Ostermorgen und setzt auch die Mumienporträts aus dem Wüstensand von Fayum in Ägypten in eine Beziehung zur Art der Bestattung Christi oder zur Art des Auffindens der Tücher am Ostermorgen. Selbst in den Guter-Hirte-Darstellungen der römischen Katakomben erkennt die Autorin Reflexe des Christusbildes im Schleier. Ganz Europa hat ihrer Meinung nach in seinen religiösen Kunstwerken für diesen Christus Zeugnis abgelegt. In einem dritten Teil stellt sie als eine „Wolke von Zeugen“ 66 Beispiele dafür vor.
Das Buch gibt Zeugnis von ihrem Glauben, dass das Antlitz im Schleier als das eigentliche Christusantlitz in ganz Europa und durch alle Jahrhunderte hindurch bekannt war und verehrt wurde, dass auch große Heilige von ihm inspiriert wurden (hl. Gertrud die Große; hl. Mechthild von Hackeborn), und dass die Heilige Schrift in der Geheimen Offenbarung von diesem Christus spricht, der „tot war, der aber in Ewigkeit lebt“.
Der Titel des Buches fasst die persönliche Erfahrung der Autorin vor und mit dem Antlitz Christi im Tuch zusammen, wurde aber auch angeregt durch den Hinweis von Erzbischof Bruno Forte auf Apk 5,6, auf das Lamm, das, „obwohl geschlachtet, auf dem Berg Sion steht!“ – Im Schleierantlitz, sagte er in einem Vortrag 2007, wird beides gleichzeitig sichtbar: Passion und Tod auf der einen Seite und Herrlichkeit und Sieg auf der anderen, aber unlöslich miteinander verbunden.

Lamm und Schöner Hirt – für die Autorin handelt es sich beim Schleierantlitz von Manoppello um eine Selbstoffenbarung Jesu Christi.
H.G.

Bild: Sr. B.P. Schlömer

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Der Fels veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*