Haltet euch an Friedrich Spee! Der Liederdichter und Streiter gegen den Hexenwahn eignet sich bis heute als Vorbild

Die meisten Scheiterhaufen der Hexenprozesse brannten nicht im vermeintlich „finsteren“ Mittelalter. Kernzeit des Hexenwahns war die frühe Neuzeit, das Zeitalter der Konfessionalisierung, das 16. und 17. Jahrhundert. Insbesondere während des Dreißigjährigen Krieges fielen Hunderte, meist Frauen, dem kollektiven, konfessionsunabhängigen Wahn zum Opfer.
Mehrfach ist mittlerweile die Hexenverfolgung in die Schuldbekenntnisse der Kirche eingegangen, explizit etwa beim Bamberger Bistumsjubiläum 2007, ebenso im Hildesheimer Jubiläumsjahr 2015. Papst Franziskus hat die kirchliche Mitwirkung bei diesen Justizskandalen als großes Unrecht angeprangert. Jüngst war es der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke, der die Prozesse als „monströsen Irrsinn“ bezeichnete und als „unentschuldbar“. Er mahnte zudem an, dass wir uns nicht zu sicher sein dürfen, dass nicht auch heute und künftig Personengruppen Opfer eines ähnlichen Wahns werden können.
Umso wichtiger ist der Blick auf Personen, die sich früh, entschieden, couragiert und aufklärend den Verfolgungen entgegen gestellt haben, die Vorbilder für uns heute sein können. Einer der wichtigsten in der katholischen Kirche war Friedrich Spee von Langenfeld. Auch unter Protestanten hat er bis heute zahlreiche Bewunderer. Das ist erstaunlich, war er doch eine markante Figur der Gegenreformation.
Der evangelische Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz sagt über Spees wirkmächtige Schrift gegen den Hexenwahn, die 1631 anonym im niedersächsischen Rinteln erschienene Cautio criminalis, sie sei „das männlichst Buch, das je der Feder eines Kämpfers für Wahrheit und Recht, gegen Lüge und Unrecht entflossen ist“. Dem schließt sich Georg Wilhelm Friedrich Hegel an. Gegen die Hexenprozesse und gegen die Falschheit der Kriminaljustiz habe sich „Pater Spee, ein edler Jesuit“ gestellt. In einem lobt der protestantische Philosoph die „Sammlung herrlicher Gedichte unter dem Titel Trutznachtigall“. Der evangelische Spee-Kenner und vor wenigen Jahren verstorbene Autor des Romans „Der Hexenwahn“ Wolfgang Lohmeyer bemerkt: „Wenn meine Kinder mich fragen sollten: Kannst du uns ein menschliches Vorbild nennen, an das wir uns halten können, auch dann, wenn wir einmal in eine Lebenssituation geraten sollten, in der wir gar nicht mehr ein und aus wissen?, dann werde ich sagen: Haltet Euch an Friedrich Spee!“

Der Begeisterung vieler Evangelischer steht schon auch Bewunderung in den eigenen Reihen zur Seite. Jedoch hat es nicht dazu geführt, dass die Gläubigen sich etwa scharenweise an den unerschrockenen Streiter um Fürbitte bei Gott gewandt hätten. Es hat bisher auch erst einen zaghaften Trierer Vorstoß in Richtung Seligsprechung gegeben. Bezeichnend für einen lange anhaltenden Vorbehalt seiner Person gegenüber, schien auch die Verfassung seiner Grablege zu sein. 350 Jahre lang blieb sie einigermaßen unbeachtet. Man wusste, dass Spee in einem Gewölbe unter der Trierer Jesuitenkirche in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges nach Seuchentod bestattet worden war. Seine Grabstelle, inmitten der seiner verstorbenen Ordensbrüder, wurde nicht besonders hervorgehoben.
An dieser Stelle nun kann ich eine eigene Erfahrung beisteuern. Meinem Trierer Kommilitonen Ulrich und mir war es 1977 aufgefallen, dass der besagte, von außen zugängliche Gewölbekeller, unter der Jesuitenkirche, nur durch einen losen Bretterverschlag verschlossen war. Um zwei Uhr nachts stiegen wir mit Taschenlampen in die Krypta. Und was wir nicht erwartet hatten, passierte. Wir entdeckten drei, vier menschliche Schädel am Boden der Gruft und zahlreiche weitere Knochen. Wir bemerkten auch den unaufgeräumten Zustand des Kellers mit Schutt und Erde. Auch die eher flüchtig angebrachte Inschrift an dem Gewölbe fiel uns auf: P.FRE.SPE A 1635. Wir hielten sie für neuzeitlich.
Es bleibt festzuhalten, dass zu dieser Zeit eine besondere Verehrung Spees an seinem Grab kaum stattfand. Dieses Unbeachtetsein passt recht gut zu Spees Charakter und seiner Existenz. Er hatte unter einem Pseudonym die Cautio geschrieben. Er hatte viele seiner Lieder zunächst anonym veröffentlicht. Er wurde in Seuchenzeiten eilig bestattet.
Spee-Liebhaber Anton Arens setzte 1980 Spees Verborgenheit ein Ende. Mit Recht wollte er den Poeten und Kämpfer zu einem Vorbild für Theologinnen und Theologen stilisieren. Der Direktor des Rheinischen Landesmuseums wurde um Amtshilfe gebeten. Archäologen gruben. Das Ergebnis: In einer tieferen, bei allen bisherigen Untersuchungen unberührt gebliebenen Schicht der Krypta konnte, zugeordnet zu seiner Gewölbeinschrift, Spees Grab freigelegt werden. Für Direktor Dr. Cüppers galten alle Zweifel als ausgeräumt. Ein von der Jesuitenkirche aus durch einen Oculus gut sichtbares würdiges Grabdenkmal wurde geschaffen.
Meine eigenen leisen Zweifel am archäologischen Ergebnis sind für die Sache irrelevant. Spee liegt in der Gemeinschaftsgruft. Und Spee
bleibt für mich Vorbild. Der rheinische Pater vereinigt viele verschiedenartigste Gaben und Charismen. Er ist Lehrer, Theologe und Katechet, der Studenten und ganz einfachen Leuten den Glauben nahe bringen konnte. Er ist Lyriker und Poet, der bis heute gesungene Lieder dichtete. Er ist Seelsorger bedrängter Menschen. Er ist Aufklärer und sozialpolitischer Aktivist, der 200 Jahre vor Karl Marx im selben Gebäude wie dieser arbeitete. Er ist Caritasmann und den Seuchenkranken ein opferbereiter Helfer. Er vereint jesuitischen Gehorsam und Zivilcourage. Er hatte Angst und war doch ein kindlich Vertrauender. Und vor allem war und ist er alles zusammen. Der mit 44 Jahren jung Verstorbene eignet sich auch heute noch als Lotse und Wegweiser.

Alfons Zimmer

Foto: A. Zimmer

Der ehemalige Trierer Liturgiewissenschaftler Balthasar Fischer nennt Pater Spee einen „Realisten der Nächstenliebe“. Im Güldenen Tugend-Buch des Jesuitenpaters findet er etwa die folgenden praktischen Beispiele:
 Wie, wan ich zukünftigen Feirtag einmahl umb die Statt innerhalb der mauren spatzieren ginge, ob ich villeicht allda arme oder krancke fünde, denen ich trost oder hilf leisten köndte?
 Es wäre wohl nit bös, wan ich heut oder den nächsten Feirtag einen korb voll weißbrots kaufte, zum Spital gienge und jedem kranken etwas brächte.
 Wie, wan ich heut einem oder mehreren studenten für dieses Jahr seine bücher oder papier bezahlte?
 O Gott, dencke ich auch an die arme gefangene? Wie lange habe ich in den kercker nichts geschickt, von essen oder trincken oder kohlen, holtz etc. (Heutzutage bitte vorher die Gefängnisseelsorger fragen, welche Hilfen möglich sind! A.Z.)
 Ich will erstes tags in meiner Pfarrkirchen zum Catechismus bilder und Rosenkräntz kaufen, sie dem Pfarrherrn geben, dass ers under die kinder außteile und sie damit auffmuntere die christliche lehr gern anzunehmen.

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