Nicht die persönliche Beziehung zu Gott bis „zuletzt“ aufschieben.

Christen leben ihre Zeit bewusst – ohne Angst und Furcht, aber in der Gewissheit, dass der Herr einmal kommen wird. Überlegungen dazu sind immer zeitgemäß, auch im schon begonnenen Jahr 2019.
Der Philosoph und Schriftsteller Arthur Schopenhauer sagt in seiner Schrift „Über Schriftstellerei und Stil“: „Zuvörderst gibt es zweierlei Schriftsteller, solche die der Sache wegen und solche, die des Schreibens wegen schreiben. Jene haben Gedanken gehabt oder Erfahrungen gemacht, die ihnen mitteilenswert erscheinen. Diese brauchen Geld, und deswegen schreiben sie für Geld … sobald man es merkt, soll man das Buch wegwerfen: Denn die Zeit ist edel.“
Ein überdenkenswerter Satz, gerade in einer Zeit, in der wir von einem Tsunami an Informationen überschwemmt werden. „Die Zeit ist edel d.h. wertvoll – und sie ist begrenzt“. Schopenhauer verstand sich nicht als Christ. Aber auch Christen fordert das Evangelium auf, das geschenkte Leben zu nutzen. Das ist kein Aufruf zu rastloser und hektischer Aktivität, möglichst bis ins hohe Alter. Unser ganzes Leben steht unter dem Wort: „Denkt um und glaubt an das Evangelium.“ Die Forderung an die Kirche, sich ständig zu reformieren, d.h. zur ursprünglichen Form zurückzukehren, gilt natürlich für jeden Christen. Was heißt aber, sich um eine neue Gesinnung zu bemühen?
Wer in die Kirche oder in ein Konzerthaus geht, um die Passion Christi von Johannes Sebastian Bach zu hören, kann sie evtl. mit der Partitur in der Hand mitverfolgen und am Ende eine perfekte Leistung der Chöre und Sänger, gewissermaßen einen musikalischen Leckerbissen, konstatieren. Wenn er aber vom Geschehen, das dargestellt wurde, innerlich unberührt bleibt und so aus dem Konzert herausgeht, wie er hineingegangen ist, schrammt er an seinem Lebensziel vorbei. Er hat nicht erfasst, dass es bei der Passion auch um seine Erlösung geht.
Unsere Welt bietet ein kaum noch überschaubares Angebot an interessantem Zeitvertreib. Theater, Konzerte, Museen, Fitnesseinrichtungen, Reisen und Kreuzfahrten über die Weltmeere. Wer ständig auf den gepackten Koffern sitzt, fragt der sich noch, was seine Seele braucht? Seele? Ist das nicht ein vergessener und unverständlicher Begriff geworden, der vielen so wenig bedeutet wie „Erlösung von der Sünde“? Wir kennen das Wort noch vom Sprachgebrauch, wenn wir sagen, einer Sache eine Seele geben und meinen damit das Eigentliche, das Wesentliche.
Und wenn das Leben hedonistisch ausgekostet ist und Krankheit und Pflegebedürftigkeit die Fortsetzung des bisherigen Lebensstils nicht mehr erlauben, bleibt uns dann noch die Kraft umzusteuern? Um diese Frage zu beantworten, hat Martha von Jesinsky zwei Wochen lang in einem Alters- und Pflegeheim in Zürich die Insassen beobachtet und befragt. Sie kam zum Ergebnis: „Die meisten Menschen meiner Zielgruppe waren leicht bis schwer depressiv, beklagten sich über den Verlust ihrer körperlichen Kräfte und zeigten (fast) kein Interesse an Ereignissen der Gegenwart. Auch Religion und Glaube interessierten sie wenig“ (SKS, 9.12.18, S.11).
Wir sollten die wesentlichen Dinge des Lebens, vor allem die persönliche Beziehung zu Gott, nicht für „zuletzt“ aufschieben. Es gibt auch ein anderes Bild von Kranken, Behinderten und Alten, die nicht mehr am „aktiven Leben“ teilnehmen können, nämlich der gelassenen Zuversicht. Das Geheimnis? Die Geborgenheit in Gott!

Hubert Gindert

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