Jesus Christus steht im Zentrum der Weltgeschichte. Hugo Rahner – ein zu Unrecht vergessener Theologe

Karl Rahner (1904-1984) gehört wohl zu den meistzitierten und -rezipierten Theologen der Gegenwart. Weit weniger ist heute sein Bruder Hugo bekannt, der ebenfalls Jesuit war und sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem als Patristiker (Theologie der Kirchenväter der ersten christlichen Jahrhunderte) und Kirchenhistoriker einen Namen gemacht hatte. Während dieser Zeit war Hugo Rahner – geboren 1900 – auch ein durchaus bekannter Theologe, zuweilen sogar bekannter als sein Bruder Karl. Dass er heute allerdings weitgehend vergessen ist, ist mehr als bedauerlich, denn Hugo Rahner hat Wegweisendes in seiner Zeit gesagt und geschrieben, was auch in heutiger Theologie und Verkündigung seinen Platz haben sollte. Am 21. Dezember 2018 jährte sich sein Todestag zum 50. Mal.
Hugo Rahners Werke sind heute kaum erhältlich – allenfalls sein Buch „Der spielende Mensch“, das allerdings nur einen Bruchteil seiner umfassenden Theologie darstellt. Deutlich mehr erfährt man über den Theologen in der Dissertation von Pfarrer Johannes Holdt „Hugo Rahner – sein geschichts- und symboltheologisches Denken“ aus den 1990er Jahren. Betreut wurde diese Doktorarbeit von dem emeritierten Augsburger Dogmatiker Prälat Prof. Dr. Anton Ziegenaus, dem Moderator der Theologischen Augsburger Sommerakademie.
Zu Rahners großen Verdiensten gehört sein Nachdenken über das Wesen der Geschichte. Er sah seine Aufgabe als historischer Theologe nicht in erster Linie darin, für die Kirche relevante historische Ereignisse zu reflektieren, sondern fragte nach dem Sinn der Geschichte für den gläubigen Christen. Dieser Sinn der Geschichte erschließt sich nach Rahner, wenn sie von dem menschgewordenen Gott Jesus Christus her betrachtet wird – wenn sie diese Menschwerdung ernst nimmt, die nicht nur den Beginn der Kirche ausmacht, sondern zum Zentrum der Weltgeschichte als solcher wird. In den Jahrtausenden vor der Menschwerdung zielt die Geschichte auf Christus hin – nach der Auferstehung und Himmelfahrt liegt ihr Wesen darin, dass nun in ihr das gnadenhaft gegebene und doch freie Ja des Menschen zu Christus möglich wird. Hugo Rahner entdeckt in der griechischen Philosophie bereits entscheidende Gedanken über Gott und die Welt, die durch das Christentum zur Fülle gelangen – durch Christus geheiligt werden. Vorahnungen aus dem antiken Heidentum werden in Christus Wirklichkeit. Mit der Menschwerdung Jesu Christi beginnt in unserem Abendland durch die Vereinigung jüdischen und griechisch-heidnischem Denkens in der Person Christi etwas Neues. Konkret erschließt sich nun durch Christus das bereits zuvor erahnte Drama der Menschheitsgeschichte: Der paradiesische Urzustand wurde durch die Sünde des Menschen (die Haltung weg von der Gottesliebe hin zur egoistischen Selbstliebe) zerstört. Gott aber wendet dann durch Christus alles zum Guten, sodass am Ende für den Menschen guten Willens wieder das Paradies steht.

Hugo Rahner war auch ein Theologe, der sich viele Gedanken über die Verkündigung des Glaubens machte. Seine Überlegungen sind ganz im Kontext seiner Geschichtstheologie zu sehen, die ja ihren Sinn und ihr Ziel darin hat, dass die Welt durch die Kirche auf Gott hin steuert. Entscheidend ist daher, dass sich die Verkündigung an der Bibel und an der kirchlichen Tradition orientiert. Die Verkündigung soll sich durch Klarheit und Einfachheit auszeichnen und durch eine „von der Tradition geheiligte und konsekrierte Sprache“.
Dabei habe die Verkündigung die Aufgabe, den Zusammenhang der christlichen Wahrheiten zu verdeutlichen. Sie solle die Welt als „Pädagogie auf Christus“ hin erschließen. So geht es darum, die Welt durch Christus und die Kirche heim zu Gott, dem Vater, zu holen – immer im Blick auf das Ende der Welt, wo sie wieder endgültig und vollkommen „Reich Gottes“ ist, also unter Gottes liebevoller Herrschaft steht. Für Rahner ist entscheidend, dass Christus in Seiner Kirche konkret wirkt – so in den Sakramenten. Eine wichtige Rolle spielt für ihn in diesem Zusammenhang auch das Priestertum, denn im Priester, der in der Person Christi handelt, ist der fleischgewordene Logos präsent. Der Priester hat Anteil an der Inkarnation. Zur priesterlichen Persönlichkeit gehört aber auch das existentielle Erfülltsein von der Größe und Schönheit Gottes und den Wahrheiten des Glaubens, damit auch die Hörer der Verkündigung von ihr berührt werden.
Kurz vor seinem 60. Geburtstag erkrankte Hugo Rahner schwer an Parkinson. So zog er sich in den letzten acht Jahren seines Lebens immer mehr zurück. Wahrscheinlich liegt auch darin der Grund, dass er heute nicht so bekannt ist wie sein Bruder. Dabei wäre es sicherlich für die heutige Theologie ein Gewinn, würde sie sich mehr mit ihm beschäftigen – gerade auch deshalb, weil er einen Weg der Verkündigung aufzeigt, der sowohl dem Menschen Freude am Glauben vermittelt als auch fest verwurzelt ist in dem in der Bibel offenbarten und der Kirche tradierten Christusgeheimnis. 

Diakon Raymund Fobes

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