Christliche Nächstenliebe schließt alle ein!

Die christliche Nächstenliebe schließt alle Menschen mit ein, also auch die Schwierigen, die Lästigen, die Unsympathischen, ja sogar die Feinde. Denn die Liebe »erträgt alles« und »trägt das Böse nicht nach« Demgemäß fordert Jesus in der ›Feldrede‹ in der Version des Evangelisten Lukas:
Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.
Vor allem an dieser rigorosen, von Jesus gebotenen Feindesliebe scheiden sich bis zum heutigen Tag die Geister. Friedrich Nietzsche betrachtete das Mitleid, die allgemeine Nächstenliebe oder gar die Feindesliebe als unwürdige Schwäche, als erbärmliche Fehlhaltung, als verächtliche »Sklavenmoral«. Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck soll gesagt haben, mit der Bergpredigt Jesu könne man keine Politik machen. Bundeskanzler Helmut Schmidt hat dasselbe, sinngemäß, tatsächlich gesagt.
Ein Verfechter der konsequenten Nächsten- bzw. Feindesliebe ist zweifellos Papst Franziskus. Er sieht im Evangelium von der Feindesliebe, in der »Magna Charta der christlichen Gewaltlosigkeit«, sehr wohl einen realistischen Maßstab für politisches Handeln: In einer Welt mit »zu viel Gewalt« und »zu viel Ungerechtigkeit« könne nur die umfassende Nächstenliebe und somit der Verzicht auf Rache und Gewalt die angemessene Antwort sein.
Franziskus beruft sich mit dieser Auffassung auf seinen Vorgänger, Papst Benedikt XVI., aber auch auf nichtchristliche Autoritäten wie den indischen Widerstandskämpfer und Pazifisten Mahatma Gandhi. Die verbreitete Ansicht, dass das Ideal der Feindesliebe außerhalb des Christentums völlig unbekannt sei, trifft nämlich keineswegs zu. Das Prinzip der Liebe, der Vergebung und der Gewaltfreiheit gegenüber Feinden wird auch in anderen Religionen, insbesondere im Hinduismus und im Buddhismus, vertreten.
Jesus hat die Feindesliebe nicht nur gepredigt, er hat sie auch selbst gelebt. Am Kreuz vergab er seinen Folterern und Mördern. Und in der Nachfolge Jesu betete Stefanus – der erste christliche Märtyrer – für seine Feinde, die ihn mit Steinen bewarfen: »Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!«

Mit dieser absolut freundlichen Grundeinstellung zu allen Mitmenschen grenzt sich Jesus ab vom ›Gesetz dieser Welt‹, das ja besagt: »Auge um Auge und Zahn um Zahn.« Diese berühmte – von Jesus aber zurückgewiesene – Maxime ist Teil eines alttestamentlichen Rechtssatzes für das Volk Israel. Doch schon diese alte Regel war gar nicht so leicht zu befolgen.
Gemeint war ja dies: Beim Wunsch nach Vergeltung soll man über das Maß des erlittenen Schadens nicht hinausgehen. Für das verlorene Auge sollte man also nicht gleich den Tod des Täters fordern, sondern lediglich dessen Auge! So entstehen bekanntlich die Kriege: Wenn die Palästinenser einen Israeli töten, dann töten die Israeli zwei Palästinenser und die Araber vier Israeli und die Israeli acht Araber usw. Man sieht an diesem Beispiel: Für ein Auge nur ein Auge und für einen Zahn nur einen Zahn zu verlangen, erfordert schon eine gewisse Disziplin, eine Bereitschaft zur Eingrenzung der Gewalt und hiermit eine gewisse Distanz von der eigenen Rachsucht.
Um wie viel schwieriger ist dann das Gebot Jesu, auch »die andere Wange« hinzuhalten und den Feind gar noch zu lieben! Kann man das überhaupt? Was ist gemeint mit der Feindesliebe, die Jesus zur Bedingung des Christseins erklärt? Nicht gemeint ist ein feiges Sich-Ducken, ein Sich-nicht-Wehren aufgrund der eigenen Schwäche. Denn Jesus hat ja selbst den Mächtigen ins Gesicht gesagt, was er von ihnen hielt. Höchsten Würdenträgern, die die Macht hatten, ihn umzubringen, hat er auf den Kopf zugesagt, was sie waren: Heuchler und giftige Schlangen.
Die Geldwechsler und Geschäftemacher jagte Jesus voller Zorn aus dem Tempel. Ihre Tische und ihre Verkaufsstände stieß er um. Diese Szene zeigt exemplarisch: Jesus konnte auch zornig sein und entsprechend agieren! Gleichwohl fordert er alle Menschen zur Versöhnung auf, zur Versöhnung mit Gott, zur Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte, zur Versöhnung auch mit Gegnern und Feinden.
Gemeint ist nicht, dass wir Konflikte zudecken und eine Harmonie um jeden Preis erstreben sollen. Das wäre keine Friedensgesinnung, das wäre fehlende Zivilcourage. Nicht ein fauler Friede ist gemeint, der keinen eigenen Standpunkt hat. Nicht eine Ängstlichkeit ist gemeint, die ständig nachgibt und jedem Recht gibt. Wohl aber gehört zur echten Versöhnungsgesinnung ein redliches Bemühen, auch fremde Standpunkte zu verstehen, die Argumente des anderen zu bedenken und auch seine möglichen Ängste ernst zu nehmen.
Natürlich hat Jesus seine Bergpredigt – in ihren bildhaften Zuspitzungen – nicht wörtlich gemeint. Es geht, wie auch sonst in der Bibel, nicht um den Buchstaben, der »tötet«, sondern um den lebendig machenden Geist der Texte. Was Jesus sagen will, ist jedenfalls: Friedensfreunde erkennt man an ihrem Tun, aber auch an ihrer Sprache, an der Behutsamkeit, an der persönlichen Achtung und Wertschätzung, mit der sie den Mitmenschen begegnen. Gerade in der heutigen Zeit, wo die Geringschätzung und die Abwertung bestimmter Menschen zum politischen Programm gemacht werden, gibt die Einladung Jesu zur Gewaltlosigkeit ein Leitbild, einen klaren Kompass vor, an dem wir uns – als Gesellschaft und als Einzelpersonen – orientieren können.
Zwar ist die Bergpredigt Jesu eine sehr herausfordernde Angelegenheit. Aber sie enthält genau das Programm, mit dem Menschen auf eine sinnvolle und humane Weise miteinander leben können. Mit Respektlosigkeit, mit Missachtung des anderen, mit Hass und Unversöhnlichkeit kommen wir – privat und politisch – nicht wirklich weiter. Was unsere Welt braucht, ist genau das Andere, das Jesus uns zeigt: eine Haltung der Achtung, der liebenden Aufmerksamkeit den Mitmenschen und auch den Feinden gegenüber.
Nächsten- und Feindesliebe hat nichts mit Konfliktscheu zu tun. Vielmehr gilt es, mit großem Realismus zu sehen, was in der Welt und in unserer nächsten Umgebung alles geschieht. Heftige Auseinandersetzungen sind unter Umständen unvermeidlich und notwendig. Dabei muss der Gegner aber, als Person, stets geachtet und respektiert werden.
Die grundsätzliche Bereitschaft zur Versöhnung bedeutet jedoch nicht, dass ich meinen Gegnern oder Feinden gegenüber unmittelbar positive Gefühle empfinden und übertriebene Herzlichkeit zeigen muss. Feindesliebe wie Nächstenliebe meinen nicht ein Gefühl von Zuneigung oder Sympathie, sondern eine von Herzen kommende Zuwendung, durch die der Feind als Mensch wahrgenommen und entsprechend behandelt wird.
Einen Menschen, der mich ärgert und schikaniert, kann ich nicht sympathisch finden. Dies wäre in der Tat absurd. Wenn ein anderer mich verletzt, dann entstehen Emotionen in mir, die sehr stark werden können. Solche Gefühle muss ich vor mir selbst nicht verleugnen. Ich muss zunächst einmal zu meiner Gefühlswelt stehen und dann, in einem zweiten Schritt, lernen, mit negativen Gefühlen zu leben und sie nach Möglichkeit auch auszusprechen. Meinen ›heiligen‹ Zorn darf und soll ich fürs erste zulassen. Aber ich darf als Christ bei solchen Emotionen nicht stehen bleiben.
Am Ende verlangt die Feindesliebe den Verzicht auf Vergeltung. Dieser Verzicht hat etwas zu tun mit der Haltung Gottes, der »seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute«. Als Christ muss ich schließlich wissen, dass wir beide – mein Gegner und ich – unter dem Schutz Gottes stehen. Der Predigt Jesu zufolge schützt Gott meinen Widersacher und mich. Und er schützt uns beide voreinander.
Freilich wird es, da mache ich mir keine Illusionen, immer nur eine Minderheit sein, die die Bergpredigt Jesu ernst nimmt und entsprechend zu leben versucht. Denn die Feindesliebe im Sinne der Verkündigung Jesu gilt von allen menschlichen Tugenden als die schwierigste. Deshalb wird sie von vielen als unrealistisch – oder gar als schädlich – verdächtigt oder schroff zurückgewiesen.

Hermann Wohlgschaft

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